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Kein Grund für Horrorszenarien

Wirtschaftsbosse argumentieren mit Fantasiezahlen gegen den Lokführerstreik

  • Von Rainer Balcerowiak
  • Lesedauer: 3 Min.
Insgesamt 66 Stunden lang stehen Personen- und Güterzüge im aktuellen Streik der Lokomotivführer still. Die Wirtschaft warnte vor Millionenkosten. Doch das ist kaum mehr als Panikmache und Anti-GDL-Propaganda.

Folgt man dem Tenor der Erklärungen großer deutscher Unternehmerverbände, dann drohen der Wirtschaft durch den neuerlichen Streik der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) Einbußen nahezu apokalyptischen Ausmaßes. »Streikbedingte Schäden können von einstelligen Millionenbeträgen schnell auf bis zu 100 Millionen Euro Schaden pro Tag wachsen«, warnte Dieter Schweer, Mitglied der Hauptgeschäftsführung im Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). Besonders hart betroffen seien Branchen, die auf die Bahn angewiesen seien, etwa Chemie-Gefahrguttransporte, die Stahlindustrie oder die Autowirtschaft. Auch der Chefökonom des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Alexander Schumann, sprach am Mittwoch in »Bild« von einem bis zu 100 Millionen Euro großen Schaden durch den aktuellen 66-stündigen Streik im Güterverkehr.

Allerdings lassen sich diese Summen offensichtlich nicht verifizieren und dienen wohl eher der Anti-GDL-Propaganda. Ein Sprecher des DIHK räumte auf nd-Nachfrage ein, dass es »keine konkreten Zahlen gibt« und man auch keinerlei konkrete Angaben von einzelnen Branchen oder Betrieben über die möglichen Auswirkungen des Streiks habe. Vielmehr handele es sich um »Modellrechnungen« für den Fall eines längeren flächendeckenden Streiks im Güterverkehr. Für ein bis zwei Tage seien Firmen in der Lage, Produktionsausfälle weitgehend zu vermeiden. Kohle- und Stahlfirmen, die zu den Großkunden der Bahn zählen, besitzen nach eigenen Angaben sogar einen Puffer von fünf bis sieben Tagen. Zudem kann die Bahn trotz der Arbeitsniederlegung besonders terminsensible Großkunden weiter bedienen, weil sie nicht streikberechtigte verbeamtete Lokführer einsetzen kann.

Auch der Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME) sieht derzeit keinen Grund für Horrorszenarien. »Erst nach drei Tagen wird es bei den meisten kritisch«, sagte Sprecher Gunnar Gburek am Mittwoch dem »Handelsblatt«. Zudem hätten die meisten Unternehmen auf Grundlage der Erfahrungen mit den vergangenen Streiks effiziente Notfallpläne in der Schublade.

Im Hamburger Hafen gibt man sich ebenfalls gelassen. Die Hafengesellschaft HHLA besitzt zwei eigene Eisenbahnunternehmen, und auch ansonsten sind die privaten Konkurrenten der DB-Logistiktochter Schenker dort stark vertreten. Bengt van Beu- ningen, Sprecher von Hamburg Hafen Marketing e.V. erklärte am Mittwoch gegenüber »nd«, ihm sei bislang nichts von gravierenden Störungen bekannt. Auch Karl Olaf Petters, Sprecher der Hamburg Hafen und Logistik (HHLA), rechnet nicht mit größeren Problemen. Wenn ein Güterzug eines Kunden nicht komme, blieben die Container einfach in den Anlagen der HHLA. Das sei zwar »kein schöner Zustand, ist aber auch nicht wirklich dramatisch in der kurzen Frist«.

Die Gütersparte der Bahn nannte am Mittwoch keine konkreten Zahlen. Dies sei erst einige Tage nach dem Ende des Streiks möglich, sagte ein Sprecher auf Nachfrage. Die insgesamt sechs Arbeitsniederlegungen der GDL im vergangenen Jahr hätten zu Einnahmeverlusten von rund 50 Millionen Euro geführt. Zu darüber hinaus gehenden Verlusten betroffener Kunden könne man keine Angaben machen.

Bei der GDL will man sich an Zahlenspielen über die wirtschaftlichen Auswirkungen des Streiks grundsätzlich nicht beteiligen. Man könne das Grundrecht auf Koalitionsfreiheit, das Streiks einschließe, nicht gegen mögliche ökonomische Folgen für das betroffene Unternehmen und seine Kunden aufrechnen, so GDL-Sprecher Stefan Mousiol gegenüber »nd«. Außerdem habe es die Bahn in der Hand, weitere Streiks zu verhindern, wenn sie endlich ihre Blockadehaltung in den Tarifverhandlungen aufgebe.

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