Von Irmtraud Gutschke
Literatur

Kompost für neue Gedanken

Barbara Frischmuth: «Der unwiderstehliche Garten», Geschichte einer Leidenschaft

Wir können sprechen«, sagt die Tigerlilie in »Alice im Wunderland«, »wenn da jemand ist, mit dem zu sprechen sich lohnt.« Ob denn alle Pflanzen sprechen könnten, erkundig sich Alice. »So gut wie du«, entgegnet die Tigerlilie, »und um einiges lauter.«

Barbara Frischmuth (sie hat ja schon mehrere Gartenbücher geschrieben) ist zwar nicht überzeugt, dass Pflanzen hören können, aber wie sie in unser Denken und Erleben eingreifen, davon kann sie erzählen. Dass viele Gewächse eigene Verständigungsmechanismen und sogar ein Sexualverhalten besitzen, ist wissenschaftlich schon gut erforscht. Die österreichische Schriftstellerin interessiert sich für derlei Bücher und hat schon vieles davon gelesen, beginnend mit »Der Garten als Mikrokosmos« von Wolf-Dieter Storl über Dorothy Mcleans »Pflanzendevas« bis zur »Botanik der Begierde« von Michael Pollan. »Was Pflanzen wissen«, ließ sie sich von Daniel Chamovitz erklären. Josef Reichholf führte sie zum »Ursprung der Schönheit«. Und dann blättert sie auch noch sehr gern in Blumenkatalogen, freut sich, wenn sie eine ganz besondere Iris findet. Tags kämpft sie mit Giersch und Schlangenknöterich, nachts denkt sie über Gartengestaltung nach.

»Der unwiderstehliche Garten« ist die Geschichte einer Leidenschaft, die begann, als sie und ihr Mann 1987 in Altaussee das Haus nebst Grundstück erwarben - ein Stück Hangwiese in den Alpen auf 800 Metern Höhe. Über die Jahre, so kann man sich vorstellen, muss da ein prächtiger Garten entstanden sein. Doch nun, mit über Siebzig und offenbar allein, fällt Barbara Frischmuth das Bücken, Heben, Graben, Buddeln immer schwerer. Den Garten aufgeben? Oder weiterwerkeln, bis man eines Tages tot umfällt? Das beste wäre wohl, sich die Arbeit ein wenig bequemer zu machen. Sich einzuschränken. Weniger Nutzfläche. Aber wie verkleinert man einen Garten?

Das ist die untergründige Geschichte, die Barbara Frischmuth in ihrem Buch erzählt: Sie handelt vom inneren Widerstreit zwischen Vernunft und Leidenschaft - und davon, wie wir uns von derlei Gedanken auch immer wieder lösen möchten. Ganz in der Alltagsgegenwart sein, weil es nichts bringt, den Unwägbarkeiten nachzugrübeln, die letztendlich Gewissheit sind. Da will Barbara Frischmuth sich lieber mit Miniaturglockenblumen, Malven, dem roten Fingerhut und neuen Iris-Züchtungen beschäftigen. Säen, Auspflanzen, Umtopfen, Lustgewinn durch eine selbst gezogene Pflanze - und durch Beobachtung all dessen, was in einem Garten kreucht und fleucht.

Das Buch atmet Ruhe und Kontemplation, wobei sich Barbara Frischmuth immer wieder fragt, wodurch ein Garten so faszinierend, beinahe alles beherrschend sein kann. »Wer oder was sind Pflanzen überhaupt?« Was ist da in uns, das solch eine Fixierung auf Schönes ermöglicht? Warum achtet sie beim Ackern nicht auf ihren schmerzenden Rücken? »Von einem rationalen Standpunkt aus steht der Aufwand an Energie und Körperkraft nicht unbedingt in einem gewinnbringenden Verhältnis zum Resultat.«

Aber sie erlebt ein Glücksgefühl, »das auch während der Schreibarbeit anhält, die mir beim Topfen bereits durch den Kopf gegangen ist. Auch wenn ich bei der Gartenarbeit bewusst meist an gar nichts denke. Das Gehirn baucht seine Ruhepausen, botanisch gesprochen, Kompost für neue Gedanken.«

Es gibt wunderschöne Pflanzenbilder von Melanie Gebker im Buch. Wer neugierig ist, wie Barbara Frischmuths Garten aussieht, findet einige Fotos im Internet. Prächtig, üppig - aber in diesem Text wird nicht nur das Geordnete gefeiert, sondern mehr vielleicht sogar der Wildwuchs. Was der Gärtnerin vor allem gefällt: wenn sich Pflanzen selbstständig machen, sich an unerwarteten Stellen aussäen, sozusagen aus eigener Kraft auf Wanderschaft gehen. Da scheint es ihr, dass ein Garten »von sich aus Vorschläge macht, auf die man zu achten lernt, je vertrauter man mit ihm wird«.

Um diese Vertrautheit geht es, um dieses Sich-Verwurzeln der Pflanzen im menschlichen Empfinden. Wie kann da die Rede davon sein, dieses Stück kultivierte Erde loszulassen? Und mit dem Vorsatz »weniger Beete« hat es wohl auch nicht so ganz geklappt. - »Warum ich schon wieder Pflanzen gekauft habe? Weil es noch immer etwas Platz gibt …«

Barbara Frischmuth: Der unwiderstehliche Garten. Eine Beziehungsgeschichte. Aufbau Verlag. 223 S., geb., 24,20 €.

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