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Das Vergangene ist nicht vergangen

Gerd Kroske präsentiert »Striche ziehen« auf großer Kinotour

  • Von Katharina Dockhorn
  • Lesedauer: 4 Min.

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»Dieser Strich wird als Markierung des Berliner Raumes neu vollzogen, um die Mauer rundherum als Ghettowall blosszustellen«. Mit dieser Ankündigung begann 1986 eine spektakuläre Kunstaktion ehemaliger Thüringer. Der Berliner Gerd Kroske porträtiert die Fünf. »Striche ziehen« ist ein wichtiges Zeitdokument über Schuld, Vergebung, Verdrängung und Vergessen.

Ein weißer Strich auf der Wand um Berlin. Über alle Kunstwerke und Graffiti auf der Westberliner Seite hinweg. 1986 sorgte die Aktion einer Gruppe ausgereister Weimarer für Schlagzeilen. Symbolisch zogen sie einen Strich unter ihre Vergangenheit. Der Spaß hatte schnell ein Ende. Wolfram Hasch wurde von DDR-Grenzschützern verhaftet, die durch eine Tür in der Mauer kamen. Hasch verbrachte sieben Monate in Bautzen.

Die Verhaftung führte zum ersten Riss im einstigen Weimarer Montagskreis. War es nur Zufall, dass es Hasch traf? Oder gab es einen Verräter? Die Zweifel blieben. Mehrmals verschob Hasch das Gespräch mit dem Filmemacher Gerd Kroske für dessen Dokumentarfilm »Striche ziehen«. Schließlich sagte er ab.

Der Ostberliner Regisseur nähert sich behutsam dem Weimarer Kreis, der mit zivilem Ungehorsam gegen Langeweile und Konformitätsdruck rebellierte. Heimlich sprühten sie »Neue Männer braucht das Land« an weiße Wände ihrer Heimatstadt. Heute sind die Spannungen zwischen den einst Unzertrennlichen spürbar.

Die Idee zu diesem Film entstand durch Frank Willmann und Anne Hahn, die der Mauerstrichaktion 2011 eine Ausstellung widmeten. Bei der Eröffnung spürte Gerd Kroske die Dissonanzen zwischen den Beteiligten und die Auswirkungen auf die Biografien des Quintetts, die bis heute nachwirken. Ihnen wollte er als Filmemacher nachspüren. Weil der Umgang mit dem Stasi seine eigene Biografie streift. Und er die Erinnerung an die DDR nicht nur Filmen wie »Das Leben der Anderen« oder Serien wie »Weißensee« überlassen will. Er ging 1989 nach Sachsen, um »Leipzig im Herbst« zu drehen. Daran schlossen sich die Beobachtungen zu den Veränderungen in »Kehraus« und dessen beiden Fortsetzungen an.

Gerd Kroske will keinen Strich ziehen. Er ging 1989 nach Sachsen, um »Leipzig im Herbst« zu drehen. Daran schlossen sich die Beobachtungen zu den Veränderungen in »Kehraus« und dessen beiden Fortsetzungen an. Seine Firma sitzt Tür an Tür mit der Redaktion des »nd«.

Der Filmemacher hoffte auf eine Öffnung von Jürgen Onißeit für den Film. Der stadtbekannte Weimarer Punk war der Vater der Idee des Mauerstrichs. Und er war der Spitzel der Stasi in der Szene mit illegalen Bands und Aktionen gegen den Staat. Die Gruppe flog auf, den Tipp gab Jürgen Onißeit. Für Kohlengeld. Unter den Verhafteten war sein Bruder Thomas.

Die systematische Zersetzung der Weimarer Gruppe wurde für die Stasi zur Fallstudie, wie Oppositionsgruppen unterwandert werden können. Aufgeflogen ist Jürgen Onißeit erst 2010. Heute redet er sich raus, er habe Geld zum Heizen in seiner besetzten Wohnung gebraucht und geglaubt, den Kraken mit unwichtigen Infos abspeisen zu können. Eine klassische Schuldverschiebung, denkt Gerd Kroske, der selbst ist drei Mal von Horch und Guck um Mitarbeit gebeten worden war. »Es ist eine Charakterfrage, ob man mitgemacht hat. Ich kenne auch sonst keinen, der wegen Geldknappheit beim Stasi unterschrieben hat.«

Nicht den Verrat selbst, eher das Schweigen danach und das noch immer anhaltende Verdrängen befremdet die einstigen Freunde von Jürgen Oßineit. Wobei Kroske auch einräumt, dass das gesellschaftliche Klima mit der oft undifferenzierten Diffamierung jeder Zusammenarbeit mit dem Stasi in den vergangenen 25 Jahren keinen dazu einlud, sich zu offenbaren.

Kroske hatte die Illusion, die Brüder Onißeit über den Film miteinander zu versöhnen. Der Bruch zwischen ihnen spaltet die Familie. Doch einen Strich unter die Vergangenheit können sie nur ziehen, wenn sich jeder zu seinem Tun offen bekennt. Das scheint unmöglich.

Für den Filmemacher hat der Film noch ein unangenehmes Nachspiel. Die Gruppe hatte eine Berliner Fotografin gebeten, die Aktion zu dokumentieren. Die Fotos sollten ausschließlich ihnen zur Dokumentation der Aktion zur Verfügung stehen, jeder erhielt je fünf Abzüge jedes Bildes. Erstmals wurden die Aufnahmen vom Christoph Links Verlag genutzt. Auch er ist von der Urheberin verklagt worden. Die Fotografin fordert von beiden jeweils mehrere Zehntausend Euro. Im Herbst wird das Berliner Landgericht entscheiden.

Termine der Kinotour mit Gerd Kroske und einigen Protagonisten unter: www.striche-ziehen.de

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