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Aufreizend schlaff

Courtney Barnett

Der erste Song muss sitzen. Kleines Musikerstrategie-Einmaleins, klar. Courtney Barnetts Opener »Elevator Operator« ist ein Musterbeispiel für die Beherzigung dieser Regel. Die unverwüstlichen Kinks im Sinn, geht’s mit viel Temperament los und immer weiter, angenehm trocken, hypnotisch und cool.

Im Mittelpunkt steht Barnetts lasziv-gelangweilter Beinahesprechgesang. Sie singt: »Don't jump little boy, don't jump off that roof / You've got your whole life ahead of you, you're still in your youth / I'd give anything to have skin like you«. So richtig abnehmen kann man ihr den mütterlichen Ratschlag selbstverständlich nicht, dafür liebt Barnett Sarkasmus viel zu sehr.

Dass knackige Twanggitarren, Grunge-Riffs, kompromisslos schön verbogene Schrammelarbeit à la Velvet Underground, ein einfaches, aber effektives Schlagzeug und absichtsvoll unspektakulärer Gesang ein solches Rauschen im Blätterwald zu verursachen in der Lage gewesen wären wie bei Barnett, ist verdammt lang her. Das aufreizend schlaffe, bisweilen leicht verloren wirkende »Fuck you!« der 90er-Jahre-Slacker-Generation kriegt die 27-Jährige aus Melbourne trotzdem locker hin.

Denn so sehr hat sich das Leben seit jenen 90er Jahren auch wieder nicht geändert: Der Sex ist immer noch mittelmäßig, Vorstädte bleiben spießig; zu Liebe, Angst und Langeweile gibt’s inzwischen Biogemüse, okay. Barnett pfeift ein bisschen auf alles, in ihren Alltagsbeobachtungen zeigt sie viel Talent für szenisches Erzählen. Vielleicht sollte sie mal ein Buch schreiben?

Natürlich erinnert »Sometimes I Sit And Think, And Sometimes I Just Sit« an Lieblingsplatten von Pavement, Beat Happening, Pixies, Nirvana, Sebadoh oder Smog. Die hatten ja auch alle so eine unwiderstehliche Aura des Hingerotzten und Unfertigen. Das galt für Lo-Fi wie für Grunge vor seinem Ausverkauf. Irgendwann war's dann aber vorbei mit dieser Unwiderstehlichkeit. Und streng genommen ist es das immer noch. Man muss sich nur einmal anschauen, wie viele Indiebands mit hübsch schnoddriger Indie-Punk-Attitüde sich derzeit auf engagierten US-Kleinstlabels die Fingerchen wund spielen - und kein Schwein interessiert's.

Meistens sind das ja auch Jungsbands. Ist die Welt also wenigstens dieses eine Mal gerecht oder womöglich noch ungerechter als sonst? Ersteres natürlich, Zeilen wie diese muss man nämlich erst mal hinbekommen: »Put me on a pedestal and I’ll only disappoint you / Tell me I’m exceptional, I promise to exploit you / Give me all your money and I’ll make some origami, honey / I think you’re a joke, but I don’t find you very funny.«

Courtney Barnett: »Sometimes I Sit And Think, And Sometimes I Just Sit« (Marathon Artists / House Anxiety / Rough Trade)

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