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Dies Theater ist des Teufels

»Faust I + II« am Berliner Ensemble, Regie: Robert Wilson

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 5 Min.

Keine Lust ohne Schmerz? Wenn’s stimmt, stimmt’s auch so: kein Schmerz ohne Lust, kein Leiden ohne Lieblichkeit, nichts Teuflisches ohne das Alberne, Übermütige. Theater ist Spiel-Zeug, daran erinnert kaum einer so ausgiebig markenbewusst wie der US-Amerikaner Robert Wilson. Die scharfen Schwarzweiß-Konturen seiner Bühnenflächen, die fließenden grellen, sauberen Farben (Wilson, der Schein-Werfer), die flatternden, zitternden oder eingefrorenen Choreografien jeder Fingerspreizung, die Bilderbögen aus Menschenschattenschnitten, das Augenklimpern, die Berührungen, die ein Klingklong! auslösen oder ein Plopp! oder ein Leuchten, überhaupt die Geräusche, Echos, Vogelstimmen, dann die aus vollstem Schwarz herausgelösten weißgeschminkten Gesichter. Mitunter geradezu süß. Was die Vermutung aufkommen lässt, Leben sei Lebkuchen. Auch jetzt, da er »Faust I + II« am Berliner Ensemble inszenierte. In etwas über vier Stunden.

Wilson - das ist die Erlösung des Theaters in dessen eigener Maschine. Dessen Erlösung und dessen Gefangennahme. Denn schweben und lächeln die Figuren frei oder hängen sie an Marionettenfäden? Die Ästhetik des Texaners lebt den stabilen Kompromiss zwischen Rätsel und Entertainment. Sie verkuppelte den Zauber ihrer Fülle, die aus der Leere kam, längst mit der Fülle des Spektakels - das mitunter leerläuft. Wilson erzwingt keine Zusammenhänge, er erzählt keine Geschichte, höchstens will er sie in uns auslösen - Kombinationen dessen, was wir sehen, und dessen, was wir in die amüsante Kurzweil (die auch ihre elende Langweil hat) hineinträumen.

Faust vierfach. Das Studierzimmer: Die vier Gesichter in kurz aufblitzenden Lichtflecken, über die Bühne verteilt, wie der Text. Tempo. Wie alles jetzt. Die Gretchentragödie trippelt, trappelt nur so durch. Drei Gretchen, ihr Bruder Valentin doppelt - Mathematik trifft auf Geometrie. Zweiter Teil: der Königshof ein Typenkabarett, den Erzbischof ziert ein knalliger Ständer: Kirche von unten. Helena und Paris, Sphinxe, Nymphen, Philemon und Baucis: Plateaus einer verzückt-grazilen Statuarik. Der künstlich erzeugte Mensch, Homunkulus: ein herumfahrender Roboter, dessen sichtbares Innenleben ist ein Getriebe vieler Rädchen - seltsam: Bleiben die Menschen bei Wilson Mechanik, die reale Mechanik wirkt menschlich.

Es ist ja so, dass nicht die Freiheit berückt, sondern die Befreiung, so, wie nicht die Gesundheit beglückt, sondern die Genesung. Wilsons »Faust« ist durchaus eine Befreiung - des Stoffs von seinem Ernst, also aber auch von seinem Sinn. Von dem der US-Regisseur wohl meinen mag, er diene den Deutschen nur immer als klassische Rechtfertigung für deren verzwirbeltes Denken und Brüten und Selbstzweifeln. Wilson spielt, frozzelt, tunkt Geheiligtes in den Kitsch, bleibt weiter der Designer, der die Weltreisen braucht, um wirkungsvoll auf der Stelle zu treten. Er hat Mühe, nicht auch noch existenzielle Schreie zu verzuckern. Hinter jeder Träne ein Augenzwinkern.

Es ist ein Abend großer, technisch perfekter Kollektivität und eines großartigen Schauspielers, der schon als Haußmanns Hamlet und in Peymanns »Trilogie der Sommerfrische« furios allen Raum fraß: Christopher Nell. Sein Mephisto, rotbewamst, ist wahrlich ein Springteufel. Ein Kobold, ein kecker aasig geschmeidiger Ketzer, der im Prolog im Himmel die Brustwarzen des Engels stupst, dass sie lustvoll piepsen. Ein tanzender, singender, zwischen den Figuren surrender Alleinunterhalter, von dem man meinen könnte, er sei so überaus wendig und wach, weil er weniger Gott als vielmehr Robert Wilson fürchten muss - denn der könnte entdecken: Verflucht, da ist einer, der lebt! Den Bauch leicht vorgereckt, schiebt er sich selbst; Grinsen und zottliges Haar erinnern an Otto Waalkes - der fröhliche Friese als der fröhliche Fiese. Mag mancher denken, dies Theater sei des Teufels - Nell ist des Teufels großes Theater.

Für jede Szene dieser Inszenierung gibt es eine poetische und eine nüchterne, ernüchternde Erklärung. Du musst dich entscheiden, wer du an diesem Abend sein willst: einer, der an den Zuständen der Realität leidet und diese Nippes-Niedlichkeit da auf der Bühne unwillkürlich mit den harten »Faust«-Arbeiten von Thalheimer oder Kusej oder Mensching vergleicht - oder aber einer, der sich trotz allem auch mal am Klingklangsingsang erfreuen kann und Wilson zumindest zu bescheinigen bereit ist, dass der Witz und im »Faust« das Lustspiel entdeckt hat. Das Musical gar, wenn man die von Herbert Grönemeyer komponierte, vom Live-Orchester gespielte Musik gewogen aufnimmt. Eine Musik, die Chöre jubilieren, Mephisto jodeln und steppen lässt, die sentimental umarmt und rockig reinhaut - und sogar Reinhard Mey parodiert. Die Zugabe beim Schlussapplaus, die Verse des Türmers, sang Grönemeyer dann selbst: »Ihr glücklichen Augen,/ Was je ihr gesehn/ Es sei, wie es wolle, /Es war doch so schön!« Wie gesagt: Goethe, nicht Hansi Hinterseer. Obwohl ein Teil berauschten Publikums offenbar für Verwechslungen in diese Richtung bereit war.

Zweimal ist dieses Theater ganz, ganz stark: Ein Gepard rast in energievollen Sprüngen durch die Savanne, in beeindruckender Zeitlupe, auf der Rückwand der Bühne, und dann noch eine Gnu- oder Büffelherde, in hetzender Beschleunigung. Dazu laufen auf der Bühne Menschen von links nach rechts. Wie eine Völkerwanderung. Flucht, Jagd, wer wen? Da darf an Heiner Müller gedacht werden: »Die Panther springen lautlos durch die Banken/ Alles wird Ufer wartet auf das Meer/ Im Schlamm der Kanalisation Trompeten/ Die toten Elefanten Hannibals/ Die Späher Attilas gehen als Touristen/ Durch die Museen und beißen in den Marmor/ Messen die Kirchen aus für Pferdeställe/ Und schweifen gierig durch den Supermarkt/ Den Raub der Kolonien den übers Jahr/ Die Hufe ihrer Pferde küssen/ Werden/ Heimholend in das Nichts die Erste Welt.«

Und dann der Schluss: Faust (Fabian Stromberger) bekennt sich zum schönsten Augenblick. Mephisto nimmt eines seiner Teufelshörnchen und steckt es dem Partner an den Kopf. Der Himmel kommt hier nicht mehr zum rettenden Zuge. Wo es nun hingehe, fragt Faust. Wohin es dir gefällt, antwortet Mephisto. Wohin es dir gefällt!, gibt Faust zurück. Mephisto: Nee, wohin es dir gefällt. Eine Endlosschleife. Patt. Joint venture. Einer des anderen freundliche Übernahme. Die Hölle ist der einzige Ort, wo der Mensch seine Pläne verwirklichen kann. Diese Hölle errichtet der Teufel, indem er unter die Menschen geht.

Nächste Vorstellungen: 17. bis 20. Mai

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