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Das letzte Gefecht des Korsen

Gerd Fesser schildert die Schlacht bei Waterloo - fern von borussischer Euphorie

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Die prägnanteste und packendste Darstellung der Schlacht bei Waterloo, die im allgemeinen deutschen Geschichtsbild ihren festen Platz eingenommen hat, findet sich leider beim stockreaktionären deutschen Historiker Heinrich Treitschke im ersten Band seiner »Deutschen Geschichte im 19. Jahrhundert«. Seit dessen Erscheinen 1879 ist sie wieder und wieder von Autoren als Vorlage zur Beschreibung des Geschehens Mitte Juni 1815 im mittleren Belgien südlich von Brüssel genommen worden.

Das könnte sich nun ändern. Denn der durch seine Beiträge in der Geschichtsrubrik der »Zeit« und im »neuen deutschland« vielerorts geschätzte Autor Gerd Fesser hat rechtzeitig zum 200. Jahrestag der Schlacht bei Waterloo eine Studie vorgelegt, die die militärischen Abläufe zwar detailliert schildert, sie aber - anders als bei Treitschke - in die größeren Zusammenhänge einordnet. Was das Militärische betrifft, erfährt man bei ihm auch viel über die enormen physischen Anstrengungen, denen die Soldaten durch Märsche und Wetterunbilden ausgesetzt waren.

Die am schnellsten gegen Napoleons Vormarsch ins Feld geführte preußische »Armee vom Niederrhein« bestand fast zur Hälfte nur aus oberflächlich ausgebildeten und mangelhaft ausgerüsteten Landwehrmännern. Unter Wellingtons und Napoleons Befehl standen hingegen zumeist im Kampf erfahrene Soldaten. Die französische Armee rekrutierte sich vorrangig aus Veteranen der napoleonischen Kriege, die dem von seinem Verbannungsort geflohenen Ex-Kaiser während seines Triumphzuges von der Cote d’Azur nach Paris zugelaufen sind.

Unter diesen Umständen müssen die Leistungen der Preußen umso höher bewertet werden, die am 16. Juni 1815 noch bei Ligny Napoleons Alter Garde unterlagen und sich dann über moddrige Feldwege nach Norden in Richtung von Wellingtons Truppen quälten. Napoleon erlitt nun das typische Schicksal eines einst erfolgverwöhnten Politikers und Militärs: Er verlor die Bodenhaftung und verpasste neue Entwicklungen. Denn die Preußen hatten anders als 1806/07, als sie - ein friderizianisches Erbe - nur aufs Avancieren gedrillt waren, 1813 ihre Erfahrungen auch im geordneten Rückzug gesammelt.

Fesser hütet sich aber, das in der deutschen Historiographie zum Stereotyp gewordene Loblied auf Blüchers soldatische Führungskunst und Gneisenaus strategisches Genie unbesehen aufzunehmen. Er schildert den Ablauf der Ereignisse im Operationsgebiet so detailliert, dass die exorbitante Schlüsselrolle verständlich wird, die dem in der Nacht vom 16. auf den 17. Juni vollzogenen preußischen Marsch nach Norden auf Wavre und dessen eiserne Verteidigung am 18. gegen das zahlenmäßig überlegene Armeekorps von Grouchy zukam. Damit wurde eine französische Truppe von 33 000 Mann (die Napoleon gegen Wellington schmerzlich vermisste) blockiert und zugleich der Weg frei gehalten für das gerade noch rechtzeitige Eintreffen dreier preußischer Korps auf dem Schlachtfeld zwischen Mont St. Jean und der Ferme La Belle Alliance. Nun konnte der letzte Stoß gegen die von zahllosen Angriffen erschöpfte Armee Napoleons erfolgen, die nun ihrerseits keinen geordneten Rückzug mehr kannte, sondern nur noch wilde Flucht.

Dass beim anschließenden Vormarsch der Alliierten auf Paris sich die Preußen gegenüber der Zivilbevölkerung wie die Barbaren verhielten, plünderten, verheerten und misshandelten, übergeht Fesser - anders als die auf diesem Feld seit jeher in schöner Einmütigkeit urteilende deutsche Geschichtsschreibung - um der historischen Wahrheit willen mitnichten.

Die vom Autor vorgenommene Einordnung der militärischen Vorgänge, die sich in der zweiten Dekade des Juni 1815 abspielten, in die vorausgehenden und zeitgleichen europaweiten politischen Abläufe unterstreicht übrigens ein weiteres Mal, dass die im deutschen Geschichtsbild fest verankerte Bezeichnung für die Gesamtheit der seit 1813 gegen Napoleon gerichteten militärisch-politischen Aktionen als »Befreiungskriege« ein bequemer Euphemismus ist. Bei der 1813/14 stattgehabten militärischen Konfrontation mit Napoleon ging es in der Tat um die Befreiung deutscher Territorien. Bei der Konfrontation 1815 mit dem wieder in den Sattel gelangten Korsen hingegen keineswegs um eine drohende neue Invasion Europas durch »Bonapartes Horden«. Denn das französische Establishment war der unter großen Verlusten ins Leere gelaufenen Konzeption einer Vorherrschaft in Europa müde geworden - und Napoleon hatte in der Deklaration zu seinem erneuten Amtsantritt sich ausdrücklich zu den nunmehrigen Grenzen bekannt.

Aber die in Wien versammelten Politiker und die sich gerade als »fünfte Großmacht« etablierende bürgerliche Presse brauchten das (man wird mit der Methode gerade wieder konfrontiert!) zum Popanz aufgeblasene Bedrohungsszenario, um die neu geschaffene europäische Ordnung als sakrosankt zu propagieren, die es gegen einen potenziellen Störer a priori mit allen Mitteln zu verteidigen gilt.

Gerd Fesser: 1815 - Waterloo. Napoleons letzte Schlacht. Verlag Bussert & Stadeler, Jena/Quedlinburg. 159 S., geb., 19,90 €

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