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Das Phantom

PERSONALIE

Die Entscheidung des Berliner Senats, Frank Castorfs Vertrag als Volksbühnen-Intendant nicht über die Spielzeit 2016/17 hinaus zu verlängern, hat die Gemüter erhitzt. Wer einen Theaterbeherrscher wie den seit 1992 hier wirkenden und wütenden Castorf nötigt, vom Thron zu rutschen, so hieß es allenthalben, der brauche eine große Zukunftsvision. Die aber wollte der Berliner Kulturpolitik von Peymann bis Flimm kaum einer von Castorfs Intendantenkollegen zugestehen.

Die offene Nachfolgefrage wurde zum Richtungsstreit. Insbesondere ein Name, der wie ein Phantom durch die Debatte nebelte, ließ bei gestandenen Theaterleuten die Alarmglocken schrillen: Mit dem Belgier Chris Decron, dem Direktor der Londoner Tate Gallery of Modern Art, verhandele Kulturstaatssekretär Tim Renner. Ein Kurator, der für sein spartenübergreifendes Wuseln bekannt ist, aber mitnichten für Theaterarbeit? Nicht nur Claus Peymann schwante, dass nach Renners Willen ein weltweit Verstörung und Aufsehen erregendes Theatertheater zum x-beliebigen »Event-Schuppen« verkommen solle.

Am Donnerstag bestätigte Berlins Regierender Bürgermeister (und nebenher Kultursenator) Michael Müller die Personalie. Höchste Zeit, den Blick auf Decron zu schärfen. Der 1958 geborene Kunsthistoriker, Filmtheoretiker und Theaterwissenschaftler (!) hat als Museumsdirektor und Kurator u.a. in New York, Paris, Rotterdam und seit 2011 in London durch geschichtsbewusstes, aber gleichzeitig zukunftsfixiertes Handeln aufmerken lassen. Bevor er zur Tate Modern wechselte, war er seit 2003 Leiter des Münchner Hauses der Kunst, das er von der Bausubstanz bis zur künstlerischen Konzeption ziemlich radikal umkrempelte - auch durch die Zusammenarbeit etwa mit der Musikerin Patti Smith oder dem Theaterrebellen Christoph Schlingensief. »Ich akzeptiere nicht«, sagte Chris Decron 2010 der »Süddeutschen«, »dass man nicht weiß, was in anderen Disziplinen vorgeht«. Vielleicht versteht er mehr vom Theater, als Peymann weiß. Ganz gewiss aber versteht er anderes darunter.

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