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Rituale am heiligen Tisch

Snooker: Schneider Amini will Amateur bleiben, Banker Otto will Profi werden. Von René Gralla

  • Von Von René Gralla
  • Lesedauer: 4 Min.

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Wenn diese Gentlemen in ihren Ring bitten, führt der Weg dorthin aus der City in die nördlichen Randbezirke. Hier ähnelt Hamburg nicht London, sondern Birmingham. Die Nummer 102 b in der Bramfelder Straße steht an einem schlichten Kasten, von dessen Lieferrampe die Fahrzeuge der Hamburger Tafel starten. Einerseits deutet nichts darauf hin, dass ausgerechnet dort auf der ersten Etage eine Vereinigung residiert, die nach ihrem Selbstverständnis einen echten Gentlemen’s Sport pflegt: Snooker. Andererseits gehört zum ungeschriebenen Grundgesetz dieses urenglischen Zeitvertreibs natürlich auch Understatement. Folgerichtig passt wieder alles zusammen: die herbe Location und ein Spiel, zu dessen Turnieren die Aktiven auflaufen, als würde gerade eine Dinnerparty geschmissen, mit schwarzer Hose, weißem Hemd, Weste und Fliege.

Den formalen Dress hat Mahmood Amini heute weggelassen. Schließlich ist das nur ein Trainingsabend im Snookerclub Hamburg, und deswegen ist auch Freizeitkluft erlaubt. Regelmäßig fährt Amini vom hippen Universitätsviertel, wo der 57-Jährige an der Grindelallee einen Schneiderbetrieb führt, rüber nach Bramfeld. Bereits als Teenager in Teheran hatte sich der gebürtige Iraner gerne mit Freunden beim Billard getroffen, aber das Spiel später aufgegeben Nun ist die alte Leidenschaft frisch entflammt, seit ihm ein Kumpel den Club gezeigt hat.

In einer Dreiecksformation gruppieren sich neun Tische, die größer zu sein scheinen als im üblichen Billard aus der Kneipe um die Ecke. Ein erster Eindruck, der nicht täuscht, denn genau das ist der Hauptunterschied, der die klassische Standardversion abgrenzt von der jüngeren Variante Snooker. Letztere ist freilich inzwischen ihrerseits zum Klassiker geworden: Snooker feiert dieser Tage einen stolzen 140. Geburtstag, weil britische Kolonialoffiziere am 17. April 1875 im »Ooty Club« des südindischen Bergortes Ootacamund, heute Udagamandalam genannt, das traditionelle Billard revolutioniert und zum ersten Mal eine Partie Snooker ausgetragen haben sollen.

Das erweiterte Operationsgebiet - der normale Billardtisch ist beachtliche 50 Prozent kleiner - erlaubt extrem ausgeklügelte Manöver. Auf einen Anfänger, der in Gestalt des Reporters bei früheren Versuchen oft genug daran gescheitert ist, überhaupt eine Kugel mit dem Queue zu treffen, wirkt das einschüchternd. Außerdem schimmert das grüne Tuch der Spielflächen dank opulenter Leuchten, die direkt darüber schweben, fast sakral, und das ist durchaus gewollt. »Der Tisch ist etwas Heiliges«, sagt Mahmood Amini.

Eben ein Ort für Eingeweihte, die sich ohne viele Worte verstehen. Schweigend taxieren die Spieler, wie die Kugeln liegen. Die Dialoge sind kurz, ein knappes Lob für den Gegner (»sehr gut!«), ein unterdrücktes Schnauben (»pff, nja«) nach eigenen Fehlern. »Absolute Ruhe ist Pflicht«, erläutert sagt Amini. »Und denkt der andere über den nächsten Schritt nach, solltest du unbedingt vermeiden, in sein Blickfeld zu treten.«

Billard, ein Ritual. Aber auch Mathematik in 3D, wie Amini doziert: »Willst du mit dem weißen Spielball eine Kugel treffen, musst du die Lage auf zwei Ebenen gleichzeitig analysieren. Das heißt, direkt räumlich die Positionen, wo die Bälle aktuell liegen, und gewissermaßen zweidimensional aus der Draufsicht, um mögliche Winkel für Aktionen über die Bande zu erkennen.« Trotzdem seien alle Bemühungen vergeblich, falls am Snookertisch die Strategie vergessen werde. »Am Ende eines Laufs muss deine weiße Kugel einen Punkt erreichen, der es deinem Konkurrenten schwer macht, seinerseits den Spielball einzusetzen«, rät er. Cool planend hat sich der snookernde Schneidermeister unter den rund 80 Mitgliedern seines Vereins einen soliden Platz in der internen Hausliga erkämpft. Höhere Ziele, der Snookerclub Hamburg mischt in der Bundesliga mit, hat Amini vorerst nicht auf dem Zettel: »Snooker soll Hobby bleiben.«

Ein Satz, den von Robin Otto indes niemand hören würde. Der 22-Jährige trägt eine amtliche Trendfrisur, die ihm auch den Eintritt in eine Boygroup verschaffen könnte, und er trainiert am selben Abend wie Vollblutamateur Amini. Und hat dennoch einen anderen Traum: Robin Otto möchte einbrechen in die Phalanx der Weltmeister, die bisher von der Snookernation England gestellt werden.

Diesem Ziel ordnet er alles unter, übt bis zu acht Stunden täglich und hat sogar die Arbeitszeit bei der Sparkasse, die den gelernten Bankkaufmann beschäftigt, radikal um 60 Prozent reduziert. Robin Otto lebt Snooker, und das ist für ihn mehr als künftiger Broterwerb: »Bewegen sich die Kugeln harmonisch über den Tisch, verwandelt sich das Spiel in Kunst.«

Die Ästhetik der Karambolage. Die zu purer Sinnlichkeit wird: »Berühren die Kugeln einander, hörst du dieses typische Klacken, das ist schlicht schön«, sagt Mahmood Amini. Er weiß sich darin einig mit dem sechsfachen World Champion Ray Reardon: »Müsste ich wählen zwischen dem Fortbestand meiner Ehe und Snooker, dann würde Snooker gewinnen.«

Snookerclub Hamburg: www.snookerclub-hamburg.de; Snooker WM 2015 in Sheffield bis 18. April, snookerpro.de/turniere/snooker-wm-2015/ tägliche Eurosport-Sendezeiten: https://de.eurosport.yahoo.com/snooker/

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