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Kinderkriegen ohne Altersgrenze?

Gespräch mit dem Lübecker Gynäkologen Georg Griesinger

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nd: Eine 65-jährige Berlinerin, die mit Vierlingen schwanger ist, hat die Debatte über das, was Medizin darf, neu angefacht. Hat sie den anderen Kinderwunsch-Patienten einen Bärendienst erwiesen?
Griesinger: Nicht nur den Kinderwunsch-Patienten, auch dem gesamten Fachgebiet. Der Fall ist ja in vielerlei Hinsicht hochproblematisch. Da ist einmal die Zeugung von Vierlingen. In Deutschland erlaubt das Embryonenschutzgesetz die Übertragung von maximal drei Embryonen, in der Regel sind es aber aus medizinischen Gründen höchstens zwei. Und bei der Berliner Patientin wurden ja zumindest vier Embryos übertragen. Das entspricht keinem fachlichen Standard mehr. Das andere ist natürlich, dass wir Schaden dadurch nehmen, dass es Länder gibt ohne vernünftige Regularien mit Hinblick auf das Kindeswohl, das ja gerade in Deutschland allerhöchste Beachtung erfährt. Jene Länder, die die Eizellspende ordentlich regeln, haben mit Blick auf das Kindeswohl Altersgrenzen.

Lässt sich denn eine solche Altersgrenze rational festlegen?
Spanische Kliniken setzen die Grenze bei 50 oder 51 Jahren, das ist das natürliche Menopausenalter, das wäre das Konzept der Natürlichkeit. Für die überwiegende Mehrzahl der Frauen wäre das der allerspäteste Zeitpunkt, wo sie noch spontan schwanger werden könnten. Jenseits der 50 wird es problematisch. In erster Linie sehe ich da das Kindeswohl. In späteren Lebensjahren steigt einfach das Risiko, dass die Mutter für ihr Kind nicht mehr da sein kann, weil sie altersbedingt selbst krank wird.

Und gibt es mit höherem Alter auch zusätzliche Risiken für die Frauen selbst?
Absolut. Solche Dinge wie Bluthochdruck, Schwangerschaftszucker, Schwangerschaftsvergiftungen etc. treten dann häufiger auf. Und dazu kommt noch die stärkere psycho-soziale Belastung durch Versorgung eines Kleinkindes in höherem Alter.

In den Industrieländern steigt schon seit Längerem das Alter, in dem Frauen ihr erstes Kind zur Welt bringen. Steigt damit auch der Anteil der Paare, die auf künstliche Befruchtung zurückgreifen müssen?
Dieser Trend wird wahrscheinlich dazu führen, dass in zunehmendem Maße Patienten zu uns kommen, die nicht aufgrund einer organischen Störung unfruchtbar sind, sondern deren Fruchtbarkeit altersbedingt erschöpft ist. Die versuchen das dann eben mithilfe einer Kinderwunschtherapie zu kompensieren. Ob das jeweils Erfolg versprechend ist, ist eine schwierige Debatte.

Sind es tatsächlich Karrierepläne der Frauen, die sie ihren Kinderwunsch verschieben lassen?
Wir rätseln da bisher noch etwas. Eine neue Studie legt allerdings nahe, dass es eher die Partner der Frauen sind, die in jüngeren Jahren keine Kinder haben wollen. Zunehmend lassen sich Männer erst ab 30 ernsthaft darauf ein.

Wenn alters- oder krankheitsbedingt keine eigenen Eizellen mehr verfügbar sind, scheitert die Behandlung in deutschen Kliniken am Verbot der Eizellspende. Gibt es Zahlen, wie viele Frauen deshalb in andere Länder fahren, um ihren Kinderwunsch zu erfüllen?
Nein. Es gibt nur Schätzungen der europäischen Fachgesellschaft für Reproduktionsmedizin ESHRE zum sogenannten Reproduktions-Tourismus. Danach gehen jährlich zwischen 2000 und 4 000 Frauen aus Deutschland zur Behandlung mithilfe einer Eizellspende ins Ausland.

Nun gibt es gegen Eizellspenden etliche Einwände. Manche sehen eine Kommerzialisierung zulasten armer Frauen, andere befürchten für die Kinder Identitätskrisen. Wie stehen Sie zu einer Legalisierung von Eizellspenden in Deutschland?
Unbedingt positiv! Als damals die Eizellspende verboten worden ist, hatte man noch einen ganz anderen Wissensstand. Das derzeitige Verbot jedenfalls schützt keine Frauen. Es motiviert ganz im Gegenteil zur Behandlung in Ländern wie der Ukraine oder Weißrussland, wo die Spende aufgrund fehlender gesetzlicher Rahmenbedingungen womöglich auf eine Weise abläuft, die wir hier in Deutschland mit dem Gesetz verhindern wollten. Allerdings zeigt eine ESHRE-Studie, dass die Frauen, die Eizellen gespendet haben, meist überdurchschnittlich gebildet sind, überdurchschnittlich häufig in Beziehungen leben und überdurchschnittlich häufig eigene Kinder haben. Befragungen zeigen, dass für die Spenderinnen Geld nur dann eine Rolle spielt, wenn sie grundsätzlich bereit sind. Entweder sie spenden Eizellen aus rein altruistischen Motiven - etwa für die Schwester, eine Cousine, eine gute Freundin usw. - oder sie sind im Prinzip bereit, sehen aber den hohen Zeitaufwand. Wenn sie denen dann eine faire Kompensation bieten, dann ist das Geld zwar nicht das zentrale Motiv, aber eine Art Katalysator. Und das halte ich für nicht problematisch. Das haben wir auch im gesamten Bereich der klinischen Studien. Auch da bekommen die Probanden eine Aufwandsentschädigung. Diese Aufwandsentschädigung darf nur nicht so hoch sein, dass sie ein rein kommerzielles Interesse begründet.

Eine Alternative wäre das vorausschauende Einfrieren von Eizellen in jüngeren Jahren, das sogenannte Social Freezing. Als ein US-Unternehmen 2014 seinen weiblichen Beschäftigten diese Dienstleistung anbot, gab es ziemlich viel empörte Stimmen? Wie sehen Sie das?
Die Fachgesellschaften waren anfangs sehr zurückhaltend in der Beurteilung des »Social Freezing«. Man fragte sich, wie sicher ist das, ist das vertretbar. Immerhin ist es ja keine Lösung eines medizinischen Problems, sondern ein soziales Anliegen. Insofern muss man sehr hohe Standards für die Sicherheit der potenziellen Kinder und der Frauen setzen. Inzwischen sind diese Bedenken im Wesentlichen ausgeräumt. Das Verfahren ist durchaus eine Option. Allerdings erwarte ich nicht, dass das »Social Freezing« signifikant Einfluss auf die Art und Weise haben wird, wie wir unsere Reproduktion gestalten. Es wird wohl kein Massenphänomen werden. Bislang jedenfalls machen das sehr wenige Frauen tatsächlich.

Spielt das Verfahren eigentlich in Deutschland bislang eine nennenswerte Rolle?
Nein. Allerdings haben wir wegen einer Umstellung unseres Online-Erfassungssystems für 2013/2014 eine Datenlücke. Aber nach meinem Eindruck hat sich der große Medien-Hype nicht im Patientinnenandrang niedergeschlagen. Und wenn jemand deswegen zu uns kommt, ist es in der Regel nicht die junge karrieresüchtige Frau, die mit 28 sagt, so, die nächsten zwölf Jahre werde ich arbeiten, und für danach will ich Sicherheit haben. Meist kommen Frauen ohne Partner mit 38, 39, denen wirklich die Zeit wegläuft.

Es gibt inzwischen Versuche, die Funktion der Eierstöcke auch nach den Wechseljahren bei Bedarf wieder herzustellen. Kommt da in absehbarer Zeit eine medizinisch und ethisch akzeptable Lösung?
Das ist alles noch in den Kinderschuhen. Es gibt aber verschiedene Ansätze. So untersuchen Kollegen in Kopenhagen, ob man nach Erkrankungen durch Einpflanzung von Eierstockgewebe wieder die normale Hormonproduktion herstellen kann. Dann gibt es verschiedene Bestrebungen, gealterte Eizellen, die nicht mehr richtig funktionieren, zu verjüngen. Da gibt es Maßnahmen wie Mitochondrien-Transfer und dergleichen. Und dann gibt es natürlich Forschungen, wie man menschliche Keimzellen aus Stammzellen »züchten« kann.

Carl Djerassi, Miterfinder der »Pille«, schrieb in einem der letzten Zeitungsartikel vor seinem Tod, wir seien dabei, die Fortpflanzung von den Grenzen der Biologie zu befreien. Ist das nur eine Utopie?

Überhaupt nicht. Das wird sicher geschehen. Wir verstehen all die Prozesse immer besser, können manches auch im Labor nachvollziehen. Es steht zwar noch kein Durchbruch unmittelbar bevor, aber wir verstehen unsere eigene Fortpflanzung immer besser. Djerassis Pille war ein wichtiger Umbruch. Und solche Umbrüche kommen auch in Zukunft auf uns zu. Anders kann es gar nicht sein.

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