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Stein oder Nichtstein

Uraufführung am Schauspiel Stuttgart: »Im Stein« nach dem Roman von Clemens Meyer. Regie: Sebastian Hartmann

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 7 Min.

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An Seelenkälte wird sich heiß gerieben. Sexgier sucht Geldgier für gemeinsame Mordgier. Alle Herzen entsichert, aber die Magazine des käuflichen Glücks sind schnell leer - alles rasch verschossen, was man an Sehnsüchten geladen hat. Peng, sagt der Colt zum Kopf. Peng, sagt der Kopf zum Fußboden. Und dann steht man grinsend wieder auf. In schwitzenden Gesichtern greint, gurgelt, gluckst, grölt ein ungehemmter Sadismus. Geschminkte, gesprungene Lippen sprechen ihr Urteil über die geil gewordene Welt. Erotisierte Hitze überfällt die Körper. Es gibt keine Sicherheitsabstände mehr zwischen Wunsch und Erfüllung.

Ja, unerträglich ist das, pervers, dreckig, brutal. Sebastian Hartmann inszenierte am Schauspiel Stuttgart »Im Stein«, vier Stunden Theater nach dem wuchtigen Roman von Clemens Meyer. Eine apokalyptische Dröhnung aus dem sächsischen Rotlichtmilieu, in den Jahren nach der Wende. Dieses Milieu als perfide Parabel auf eine entfesselte, entkernte Welt. Räudig, pornografisch, beides unaufhörlich. Wie lange denn noch, möchte man dauernd einwerfen und muss Unterleibern mit Köpfen zusehen, wie sie fickend fahl werden. Bis das Rammeln wahrlich: Stoßgebet ist. Evolution? Schritte aus dem Tier- ins Menschenreich? Fortschritt heute? Nicht mehr das Pferd wird vom Schwanz her aufgezäumt, sondern der Mann.

Auf der leeren Bühne dreht sich ein Kubus. Während der Zuschauersaal sich füllt, werden Gemälde auf den Quader projiziert. Der Turm von Babel. Renaissance. Bosch. Grazie und Grauen. Höllensturz und holde Gesichter. Projektion bleibt der ganze Abend. Film. Ein Live-Video aus dem Inneren des Würfels. Schauspieler (die meisten spielen mehrere Rollen) wird man ab und zu nur kurz außerhalb des Kubus sehen, als sollten sie den Beweis liefern, dass wirklich alles augenblicklich stattfindet, nicht Konserve ist. Vor knapp zwei Jahren las Meyer in Berlin aus seinem Roman. Im »nd« schrieb Martin Hatzius: »Er liest so intensiv, dass die Erzählungen seiner Figuren, selbst der ›Bewusstseinsstrom der Stadt‹ - dieser straßen- und schienendurchschnittenen, pulsierenden, ›badambadam‹, Geschichte und Geschichten ausdünstenden Nacht- und Lichterstadt Leipzig - sich auf einer unsichtbaren Leinwand in Bilder verwandeln. Man sagt über manche Romane, in ihnen sei das Filmische angelegt.«

Das war sehr präzise die Vorahnung für Hartmanns Uraufführung. Meyers Prosa, die Traum, Realität, Handlung, Erkenntnisfetzen und Erfahrungsklumpen, Erinnerung und Vision betörend schrecklich zu einem verwirrenden, expressiven Stimmenchor zusammenpresst - Hartmann hat daraus einen Film entworfen, der schlichtweg überwältigt. In jeder Beziehung: ästhetisch brillant, nervend in der fortwährenden Wiederholungsschleife des Rohen. Der Kubus: der Stein. Darin alle eingeschlossen. Was aber ist drinnen, was draußen? Stein oder Nichtstein, das ist hier die Frage. Am Ende wird einer der Schauspieler wie ein Ausgesetzter, Blinder um den Würfel tappen, sich endlich wieder hineinhacken in die Hölle. Das ist Kulturverhalten: sich im Elend einrichten und es Heimat nennen und also nicht mehr dem entkommen wollen, was einen vernichtet.

Zu sehen sind nichts als Schuldige, Verzweifelte, Gejagte. Menschen in diesem Sex-Sumpf, in dauernder Schwebe zwischen Ende und keinem neuem Anfang. Scharfe Schnitte, reißende Kamerafahrten, Details, da ein Mund, da eine Hand, da ein Auge, verschwimmende Szenen oder Bilder, die sich überlagern, großer Schattenreichtum, plötzlich wieder Gesichter aus alten Gemälden, Nachbildungen klassischer Malerei, übermalt von den Schreckensfratzen des Romans. Wummernde, weinende Musik. Arie und Gewehrsalve. Mitten im röhrenden Sound: Heiligentext von Zuhälterlippen, Dichtung aus Hurenmund. Hartmann behandelt den Stoff nach den Grundgesetzen von Wahrnehmung und Wahrheit: Nichts kommt linear und logisch, sondern alles in Bruchstücken aus Ahnungen und beharrungsstarken Unbegreiflichkeiten. So formt sich das quälende, aufgekratzte Puzzle vom suchenden, rauschsüchtigen Menschen: Immer wandelt sich der Wunsch, der fliegen kann, zur Steinstraße, auf der die Füße bluten. Und immer ist die Liebe nur der Nachtrab zu dem, was aus ihr hätte werden können.

In wenigen, kostbaren Momenten wehe Melancholie und leidbeschwerte Güte. Manuel Harder als orientierungslos umherirrender Kriminalkommissar, einer vom Schlage jener Cops aus dem französischen Kino Noir, diesen schwarzen Messen einer doch würdig präsentierten Doppelmoral. Abak Safaei-Rad ist die Nutte, die aus der Geschäftskühle plötzlich ins sächsisch-mitfühlsame »Na, mei Guudsder« verfällt. Die traurigen Bilder minderjähriger Huren. Der Vater, der seine Tochter sucht. Das Foto, das er immer wieder zitternd hochhebt. Das blutende, zerschundene, gequollene Mädchengesicht, dem er begegnet. Holger Stockhaus als zynischer Radiomoderator (»Fick dir deine Meinung«), dann als Polizeiinspektor (»kombiniere, kombiniere«), der sich in einer Moorleiche verheddert. Gespenster treffen auf Gaukler, ein dunkel beflügelter Engel stelzt durch die Szenerie.

Alles hat hier seinen Preis - und sein Gesetz: In der Welt des Tausches hat automatisch der verloren, der unaufgefordert mehr gibt, sei es nun Geld oder Liebe. Zärtlichkeit, das ist hier das Gewicht eines zugeworfenen Rettungsringes, unter dem man vollends untergeht. Wer liebkost, schmeichelt nur immer der Hyäne, die er in sich trägt. Das größte Unglück erleidet, wer noch nicht unglücklich genug ist. Diese Wüste hier lebt, wenn ein Mensch darin verdurstet - und diese Menschen da leben auf, wenn sie just dies Wüste sein dürfen, dem sie nicht gewachsen sind. Und alle geben sich in einer speziellen Weise natürlich: Keiner spreizt sich, nur die Beine. Und keiner kann aus seiner Haut: Man will nur immer in der Haut des anderen stecken. Jedes Bett, auf das eine Frau geworfen wird, gleicht dem Meer, das genügend Salz hat, um einen gebrochenen Rücken zu tragen. Tränen verwandeln das Gesicht eines Mädchens in eine Landschaft aus Laufmaschen. Keiner weiß, ob er lieber in den Schlaf oder aus dem Fenster fallen will. Hier kommt der Mensch so schnell auf den Hund, dass der Tod nicht mehr hinterher kommt mit seiner Erlösungsarbeit. Ergreifend, wenn eine der Huren sagt, sie möchte im Sitzen schlafen, »ich will mich nie wieder hinlegen.«

Theater als Film? Castorf ist Kaiser, Hartmann König. So in etwa. Zu sagen, man könne dann ja gleich ins Kino gehen, trifft’s nicht. Denn das Wissen, dass hinter der Leinwand das Spiel stattfindet, das die Bilder erzeugt, schafft ein Empfinden von Beteiligung, von Teilnahme - und einer Unmittelbarkeit, die Sogwirkung hat. Gewiss trägt dieser Abend am Problem der Distanz: Instinktiv wehrst du dich gegen diese Welt da oben. Aber im Zerrütteten keimt doch der Menschenkern, der Gift hat und zugleich Gnädigkeit. Im Stein, in diesem Gefängnis, in diesem Hartmaterial, das auf Sprengungen wartet, lagert das Erz einer Poesie, die Namen hat: Dante, Baudelaire, Verlaine, Rimbaud, Dostojewski, Bukowski, Genet, Lynch, Celine, Wolfgang Hilbig.

Am Schluss sitzen alle elf Schauspieler in einer Reihe an der Rampe, der Saal ist erleuchtet, Birgit Unterweger spricht leise, unerträglich inständig einen pornografischen Monolog, als zitiere sie klassische Verse. Als halte sie mitten im Puff Hyperions Strafrede an die Deutschen: »Ihr sorgt und sinnt, dem Schicksal zu entlaufen und begreift es nicht ... Ihr entwürdigt, ihr zerreißt, wo sie euch duldet, die geduldige Natur, doch lebt sie fort in unendlicher Jugend ... o göttlich muss sie sein, weil ihr zerstören dürft, und dennoch sie nicht altert und trotz euch das Schöne bleibt!« Trotz euch das Schöne bleibt? In dieser heutigen Welt, wie in jeder Welt zuvor, eine sehr verletzliche Hoffnung.

Viele Leute verließen das Theater während der Vorstellung. Leise. Die Türen knallten nicht. Als wäre es den Fliehenden peinlich, überhaupt hier gewesen zu sein. Als hätten sie sich nicht wirklich informiert, was das ist: Meyerhartmann, Hartmannmeyer. Unangenehm, nun steckten sie drin, in der Sauerei, im Eier-Salat, im Feuchtgebiet. Man schlich sich hinaus, wie man einen Sexshop verlässt, den man mit Hugendubel verwechselt hat. Dann, zum Schlussapplaus, kam zuerst das großartige Team der Live-Kamera (Jochen Gehrung, Julian Marbach, Matthias Maciej Rolbiecki) heraus. Buh! Schnell eilte Sebastian Hartmann herbei, gestisch verdeutlichend, er sei der Schuldige. Buh! Buh! Jetzt kam aus der 7. Parkettreihe Clemens Meyer gerannt (Buh! Buh! Buh!), er griff beseelt jubelnd nach den Händen des Regisseurs und der Video-Marathonisten und reckte deren Daumen nach oben, dann die eigenen Daumen. Siegeszeichen. Umarmungen.

Nächste Vorstellungen: 3., 10. Mai

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