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Gewaltfreie Bodyguards

Peace Brigades International wird 25 Jahre alt

Andere Formen der Konfliktösung hatten sich die Gründer von Peace Brigades International einst auf die Fahnen geschrieben. Die Organisation begeht in diesen Tagen ihr 25-jähriges Jubiläum.
Es ist noch dunkel in Medellín, der zweitgrößten Stadt Kolumbiens. Die Hähne krähen. Die Metropole gilt als einer der gefährlichsten Orte der Welt. Vor einem Haus im Zentrum hält ein Wagen. Er hat die Aufschrift »Brigadas por la Paz International«. Das Auto gehört der Organisation »Peace Brigades International (PBI)«. Die deutsche Freiwillige Karen Neumeyer steigt aus, geht einige Schritte bis zu einer Haustür und klingelt. In dem Haus lebt der kolumbianische Anwalt Pedro Hernández (Name von der Redaktion geändert). Er engagiert sich für Menschenrechte und arbeitet beim Anwaltskollektiv Corporación Jurídica Libertad. Nach der Definition des UN-Hochkommissariats für Menschenrechte ist er ein Menschenrechtsverteidiger. Die Anwälte des Kollektivs erhalten wegen ihrer Arbeit Todesdrohungen. Heute muss Hernández aufs Land. Für den Anwalt sind solche Reisen gefährlich. Deshalb hat er für die Reise die Friedens-Brigadisten von PBI angefordert. Freiwillige wie Karen Neumeyer arbeiten als Begleiter von Menschenrechtsverteidigern auf drei Kontinenten in Krisengebieten. Die Organisation feiert in diesen Tagen ihr 25-jähriges Jubiläum. Ihre Gründerväter waren Menschen aus der ganzen Welt, die den großen Wunsch hatten, andere Formen der Konfliktlösung zu entwickeln. In der Deutschland-Zentrale von PBI, im schönen Hamburger Stadtteil Ottensen gelegen, sitzt Öffentlichkeitsarbeiter Christoph Klotz hinter einem Schreibtisch und erzählt: »Es war am 4. September 1981, als sich auf Grindstone Island - einer kleinen kanadischen Insel vor dem Bundesstaat Ontario während einer Friedens-Konferenz die Peace Brigades International gründeten. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, dabei war auch eine Nachfahre von Mahatma Gandhi aus Indien und Aktivisten aus Nordamerika, waren schockiert über den Militärputsch in Polen. Sie fürchteten eine US-Intervention in Nicaragua. Sie wollten eine unparteiische Istanz, die in Krisenregionen eingreift und vermittelt.« Ihr Ziel war es, militärische Gewalt zu überwinden und das Leben, Rechte und Freiheit gefährdeter Personen zu schützen. Sie wollten Freiräume für Organisationen schaffen und erweitern, die für Frieden und soziale Gerechtigkeit arbeiten. Der erste Einsatzort der Friedensbrigadisten war schließlich 1983 in Guatemala. Dort herrschte seit Jahrzehnten ein blutiger Bürgerkrieg. Todesschwadronen ermordeten Zivilpersonen. Die Friedensaktivisten begannen, bedrohte Menschenrechtler zu begleiten und auf ihre Situation international aufmerksam zu machen. Heute ist PBI in der Begleitung und dem gewaltfreien Schutz von bedrohten Oppositionellen die weltweit führende Organisation. PBI verpflichtet sich dabei den Grundsätzen der Gewaltfreiheit, Unabhängigkeit, der Überparteilichkeit und Nichteinmischung. Die Friedensaktivisten werden nur auf Anfrage tätig. Bei den Vereinten Nationen ist PBI als internationale Nichtregierungsorganisation (NRO) akkreditiert und hat den Beobachterstatus inne. Bis dato gehören ihr dreizehn voll anerkannte Ländergruppen und fünf assoziierte Ländergruppen aus Europa und Nordamerika, sowie Indien, Tunesien, Australien und Neuseeland an. Sitz des Internationalen Sekretariates ist London. 75 PBI-Freiwillige unterstützen einheimische Organisationen in sechs Ländern und auf drei Kontinenten bei ihrer Arbeit. Ihre Methode: zivile Konfliktbearbeitung als Alternative zur militärischen Konfliktlösung. PBI arbeitet neben Kolumbien und Guatemala in Mexiko, Nepal und Indonesien und seit Oktober 2005 auch in der Demokratischen Republik Kongo. Im Unterschied zu anderen Ländern setzt PBI dort keine Freiwilligen-Teams für schützende Begleitung ein, sondern unterstützt kongolesische Nichtregierungsorganisationen, die sich in der Friedenssicherung und in der Menschenrechtsarbeit engagieren. PBI macht Schulungen und führt Ermittlungs- und Erkundigungsmissionen durch. Zudem informieren die Akteure vor Ort über die Situation der lokalen NRO und sie mobilisieren, wenn es notwendig ist, die nationale und internationale Öffentlichkeit. Zum Schutz für Menschenrechtsverteidiger betreiben sie unter anderem auch eine Homepage. Die in Medellín tätige PBI-Aktivistin Karen Neumeyer ist zusammen mit einem Kollegen und dem Anwalt inzwischen an ihrem Zielort angekommen. Wenn PBI einen Begleitungs-Auftrag erhält, läuft alles nach einem schlau ausgeklügelten Plan ab. Voraussetzung für Begleitungen ist, dass vorher bereits politische Arbeit in der Region geleistet wurde. Dazu gehört eine Reihe von Gesprächen mit Politikern und Militärs. Dazu gehört auch verknüpft damit Pressearbeit. PBI nennt diese Methode »Visibilisierung«, also sich sichtbar und bemerkbar machen. Die Botschaft an die militärischen und politischen Kader im Konflikt laute dabei, so Neumeyer: »Die internationale Staatengemeinschaft duldet nicht, dass Menschenrechtsverteidiger - also aktive Personen der Zivilgesellschaft mit dem Leben bedroht werden!« Im Bürgerkriegsland Kolumbien hat PBI an vier verschiedenen Orten Teams. Insgesamt sind dort 45 Freiwillige aktiv. »Die Menschenrechtsverletzungen hier haben System«, sagt Neumeyer. Permanent gebe es Einschüchterungen. »In Comunicados äußern sich neue paramilitärische Gruppen«, sagt Neumeyer. Dies zeige, dass die beschlossene Demobilisierung der Paramilitärs nicht funktioniere. Sie berichtet von Dörfern im Konfliktgebiet, die sich des jahrzehntelangen Mordens überdrüssig zu Friedensgemeinden erklärt hätten. Die Dorfbewohner würden sich weigern, weiterhin einer der Konfliktparteien zugeordnet zu werden. Ein solcher Autonomiestatus ist im Krisengebiet unerwünscht. Wer die Zivilgesellschaft vertritt, ist gefährdet. »In der Friedensgemeinde San José mussten diesen Wunsch nach Unabhängigkeit bereits über 100 Menschen mit ihrem Leben bezahlen«, berichtet die PBI-Frau. Sie wurden umgebracht, weil sie weder zu den Paramilitärs noch zur Guerilla gehören wollten. Erst spät in der Nacht wird die Menschenrechtsaktivistin von ihrer Fahrt aufs Land zurückkommen. Dunkel liegt dann die 2,5 Millionen-Einwohner Stadt Medellín zwischen den Bergen. Sie wird den Anwalt Hernández zu Hause abliefern und dann das PBI-Auto zum lokalen Quartier steuern. Die Arbeitstage bei PBI sind oft lang. Aber sie geben den Freiwilligen das Gefühl, etwas Sinnvolles geschafft zu haben.

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