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Zeugnis des deutschen Massenmords

Dokumentation über sowjetische Grabstätten online

  • Von Wilfried Neiße
  • Lesedauer: 3 Min.

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Die Nazis haben den Sowjetbürgern unvorstellbares Leid angetan. Eine neue Datenbank gibt nun über die russischen Kriegstoten in Deutschland Auskunft.

Nach anderthalb Jahren aufwendiger Recherche war es am Freitag soweit: In der Russischen Botschaft wurde die Internetdokumentation über die 4100 sowjetischen Grabstätten in Deutschland freigeschaltet. Russlands Botschafter Wladimir Grinin erklärte bei dieser Gelegenheit, auch die Erinnerung mache sich nun auf den Weg in das digitale Zeitalter. Nunmehr stünde der Erforschung, aber vor allem auch einfachen Menschen der Zugang zu dieser Information offen.

Als »besonders symbolträchtig« wertete der Botschafter die Tatsache, dass die Freischaltung im Vorfeld des 70. Jahrestages der Befreiung erfolge, der in Russland am 9. Mai und als »Tag des Sieges« begangen wird. Weil immer noch der Mehrzahl der in Deutschland gestorbenen einstigen Sowjetbürger kein Name mehr zugeordnet werden könne, wünsche er sich »eine Fortsetzung und Verfeinerung« der Dokumentation. Es werde auf diese Weise menschlich erfassbar, wie viel Leid, wie viele Tragödien sich hinter einer abstrakten Zahl von 30 Millionen Kriegstoten verbergen. »Es geht um eine ganze Generation, die alles gegeben hat, was sie geben konnte, damit wir heute in Freiheit leben können«, so Grinin.

Der besondere Dank des Diplomaten galt dem deutsch-russischen Museum in Berlin-Karlshorst, dem einstigen Museum der Kapitulation, wo dieses Projekt vor zwei Jahren angeregt worden war. Direktor Jörg Morrè erinnerte daran, dass es sich nicht nur um gefallene sowjetische Soldaten handelt, sondern auch um hunderttausende umgekommene Kriegsgefangene, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. Aus diesem Grund verfüge beispielsweise Nordrhein-Westfalen mit 1024 über die größte Zahl erfasster Gräber sowjetischer Staatsbürger, obwohl es dort keinerlei Kampfhandlungen der Roten Armee gegeben habe. Für Berlin zählt die Übersicht 98 Kriegsgräberstätten. In allen Teilen Deutschland, erklärte Morrè weiter, seien diese Menschen nach 1941 verschleppt und unter unmenschlichen Bedingungen ausgebeutet worden. In Bielefeld gebe es beispielsweise rund 60 000 Gräber sowjetischer Gefangener und Zwangsarbeiter, und das »droht in der Erinnerung wegzusacken«.

Die Datenbank geht von etwa 650 000 Menschen aus, die den Völkern der Sowjetunion angehörten und in Deutschland ums Leben kamen. Bis heute wissen die meisten der Familienangehörigen und Nachkommen nicht, wo ihre Väter und Brüder in Deutschland beerdigt sind. Das neue Internetportal kann ihnen nun vielleicht eine Hilfe sein, es gibt den Auftritt in deutscher wie in russischer Sprache. »Das Projekt hat sich herumgesprochen, alle warten auf die Freischaltung«, hieß es von russischer Seite. Ausdrücklich dankten die russischen Stellen den deutschen Behörden auf Bundes-, Landes und kommunaler Ebene für Anteilnahme und Unterstützung. Deutlich gemacht wurde auf der Festveranstaltung in der Botschaft aber auch die Erwartung, dass der Bundestag die sowjetischen Kriegstoten als Opfer des NS-Regimes anerkennen möge.

Rund 2,8 Millionen Frauen zwischen 17 und 25 Jahren wurden vor 1945 nach Deutschland zur Zwangsarbeit verschleppt, Hunderttausende Kriegsgefangene mussten in der Rüstungsindustrie und im Bergbau Schwerstarbeit leisten. Hunger, Fleckfieber, aber auch rassistisch motivierte Mordlust rafften viele von ihnen dahin. Gefunden wurden Gräber von Kleinkindern und sogar Säuglingen. Immer noch sind die wenigsten Gräber gekennzeichnet, die meisten bleiben »unsichtbar«, wie Grinin formulierte.

Doch es gebe Erfolge auf diesem Wege, wenn er auch sehr mühsam sei, hieß es weiter. In den vergangenen acht Jahren konnten rund 48 000 persönliche Schicksale geklärt und fast 13 000 Namen auf Grabplatten festgehalten werden. Seit 2010 wurden in Deutschland 74 Gräber- und Gedenkstätten saniert, 48 davon aus Mitteln deutscher Landes- und Kommunalhaushalte, vermerkte die russische Seite anerkennend.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion in den 1990er Jahren leben die Nachkommen der einstigen Kriegsopfer nun »in vielen Ländern«, hieß es bei der Veranstaltung. Doch sei nicht anzustreben, dass die Geschichte nun »national atomisiert« werde. Weil die Zuordnung zu einer Nationalität in den meisten Fällen nicht mehr möglich ist, werden die Begrabenen als »sowjetische Staatsbürger« erfasst. Botschafter Grinin zeichnete am Freitag einige Deutsche für ihre Verdienste und ihren persönlichen Beitrag »bei der Verewigung des Gedenkens« aus, darunter mehrere Repräsentanten der Kriegsgräberfürsorge.

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