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Mehr als 10 000 Nachkommen pro Jahr

Invasion der Feldmäuse - Thüringens Bauern fordern Giftködereinsatz, doch Naturschützer sind strikt dagegen

  • Von Andreas Hummel, Erfurt
  • Lesedauer: 4 Min.
Mit Knopfaugen und spitzer Nase sind Mäuse eigentlich possierliche Tierchen. Derzeit treiben sie aber wieder vielen Bauern Sorgenfalten auf die Stirn. Auch in Thüringen wird über Gifteinsatz gestritten.

Viele Bauern sind alarmiert. Nach dem milden Winter wimmelt es nach Angaben von Fachleuten vor allem im Süden Ostdeutschlands auf den Äckern nur so vor Mäusen. Dort haben sich die kleinen Nager in den vergangenen Monaten so üppig gepaart, dass der Boden mancherorts durchlöchert ist. Thüringens Bauernpräsident Helmut Gumpert warnt vor einer Plage schlimmer als 2012. Damals hatten die Tiere Ernteausfälle in Millionenhöhe verursacht. Experten schätzen, dass die Mäuse verstärkt auch in Gärten vordringen könnten.

Wie Gumpert berichtet, wurde auf einigen Testflächen die Schwelle der kritischen Populationsgröße um das Zehnfache überschritten. Nach Angaben der Landesanstalt Thüringenforst sind die Schadflächen im Wald so groß wie seit 2010 nicht mehr.

Massenvermehrungen von Feldmäusen sind nach Angaben von Fachleuten nicht ungewöhnlich und kommen etwa alle drei bis fünf Jahre vor. Die genauen Ursachen hätten wissenschaftlich noch nicht restlos geklärt werden können - ebenso, warum die Populationen dann meist plötzlich wieder zusammenbrechen, erläutert Christian Wolff, Vizevorsitzender der Bund-Länder-Arbeitsgruppe zum Feldmaus-Management.

Offenbar hat der milde Winter dazu geführt, dass sich die Nager auf den Feldern und auch im Wald sehr wohl fühlen und fleißig Mäusebabys machen. Eine Maus kann übers Jahr mehr als 10 000 Nachkommen haben. Zwar ist das Problem für die Bauern nicht neu, Feldmäuse haben schon früher für erhebliche Ernteeinbußen gesorgt. Aber veränderte Bewirtschaftungen kommen den Mäusen entgegen, wie Wolff erklärt. »Wir haben anders als in früheren Jahrhunderten heute eine sehr enge und eingeschränkte Fruchtfolge.« Zum Schutz des Bodens werde zudem weniger gepflügt - und so die Behausungen der Mäuse geschont.

Das Verhältnis zwischen Mensch und Maus ist ein gespaltenes. Während sich mancher Tierfreund Ziermäuse als Haustiere hält, verursachen die Nager bei anderen Panikattacken. Bauern und einige Kleingärtner rücken deren wilden Artgenossen schon mal mit Gift zu Leibe. Und mehr als zwei Millionen Mäuse enden in Deutschland jedes Jahr als Versuchstiere. Etwa ein bis zwei Prozent der Bevölkerung leide an einer krankhaften Mäusephobie, schätzt der Vorsitzende der Gesellschaft für Angstforschung, Borwin Bandelow. Solche Ängste seien ein Relikt aus der Urzeit, als die Begegnung mit wilden Tieren häufiger und für die Menschen oft gefährlicher war. Denn nicht zuletzt können etwa Nager Krankheiten und Ungeziefer übertragen. Im Prinzip werde fast jeder mit einer Mäusephobie geboren, wie auch mit Ängsten vor großer Höhe oder tiefem Wasser. »Dies kann man aber in der Regel überwinden«, so der Göttinger Psychiater.

Begegnungen zwischen Mensch und Maus im Alltag könnten in den kommenden Monaten wieder häufiger werden. Fachmann Wolff schätzt, dass die Nager verstärkt in Klein- und Vorgärten vordringen werden - vor allem dann, wenn nach der Ernte kaum noch Nahrung auf den Feldern zu finden sein wird. Die 2013 nach der jüngsten Mäuseplage ins Leben gerufene Bund-Länder-Arbeitsgruppe Feldmaus-Management will im Mai über die aktuelle Lage beraten. Laut Deutschem Bauernverband sind vor allem Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt, aber auch Regionen etwa in Hessen und Rheinland-Pfalz betroffen. Dass sich immer mehr Mäuse auf den Äckern herumtreiben, lässt derweil einen alten Streit zwischen Landwirten und Tierschützern aufbrechen - den ums Gift. Denn Thüringens Bauernpräsident Gumpert will den Nagern lieber heute als morgen den Garaus machen. Doch seiner Zunft sind dabei die Hände gebunden. Die Landwirte müssen die Köder unzugänglich für andere Tiere direkt in die Mäuselöcher einbringen, ein aufwendiges Unterfangen. Gumpert fordert deswegen rasch eine Sondergenehmigung, damit Landwirte Köder mit dem Wirkstoff Chlorphacinon breitwürfig ausbringen dürfen.

Ein Gedanke, den der Agrarexperte des Naturschutzbundes Nabu, Florian Schöne, strikt ablehnt: Denn Störche, Graureiher, Eulen und auch der besonders geschützte Rotmilan ernähren sich von Mäusen. »Wenn die Vögel tote oder sterbende Mäuse fressen, kommt es zu einer Sekundärvergiftung und sie verenden schleichend«, sagt Schöne. Er vermutet, dass die Bauernlobby das nicht ohne Grund verbotene Gift generell wieder salonfähig machen will. »Vielleicht müssen wir wieder lernen, stärker mit den Mäusen zu leben und die Bewirtschaftung darauf einstellen.« dpa/nd

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