Gauck und der Mut zur Wahrheit

Roland Etzel zur merkwürdigen deutschen Armenien-Debatte

Nun hat es auch Gauck gesagt. Was den Armeniern 1915 im Osmanischen Reich geschah, war Völkermord, und sogar die Beihilfe deutscherseits benannte er. Das öffentliche Aussprechen historischer Wahrheiten kann eine politische Heldentat sein. Aber andere taten es lange vor ihm. Dabei kann Gauck seit seinem Türkei-Besuch dort keinerlei Beliebtheit mehr einbüßen. Warum also so spät die neue deutsche Sicht auf 1915? In Fragen aktueller deutscher Kriegsbeteiligung war er bisher weniger zurückhaltend.

Und noch eines: Das reale politische Gewicht einer Botschaft bemisst sich sehr wesentlich an dem des Boten. Da steht Gauck im diplomatischen Protokoll ganz oben, aber auch nur dort. Was ein deutscher Bundespräsident im Rahmen eines Gedenkgottesdienstes erklärt, ist, mit Verlaub gesagt, realpolitisch nachrangig und hat in Ankara gewiss niemanden erbleichen lassen.

Mutig wäre Gauck gewesen, wenn er die sich hinter seinen Worten verschanzende Bundesregierung aus der Deckung getrieben hätte. Der für die Bundesregierung bei der Armenien-Debatte sprechende SPD-Abgeordnete Erler, erfand - staatstragend wie zu Kaisers Zeiten - die seltsame Metapher von der »genozidalen Dynamik«, um das Wort Völkermord zu umgehen. Mit solch peinlicher Unterwerfungsgeste unter großtürkische Sprachregelungen hat er sogar das Gauck-Zugeständnis ziemlich entwertet.

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