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Arbeit kann die Gesundheit der Menschen schwächen. Doch ohne sie ist es auch gefährlich

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Es ist paradox: Arbeit kann krank machen, aber auch ihr Verlust vermag dem Gesundheitszustand des Menschen erhebliche Schäden zuzufügen.

Arbeit macht ohne Zweifel krank, insbesondere in der hierzulande üblichen Form. Das stellten in trauter Einigkeit gerade erst die BARMER GEK und die Bertelsmann Stiftung fest: 18 Prozent der Vollbeschäftigten erreiche oft die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit, fast ein Viertel verzichtet auf Pausen, jeder Achte kommt auch krank an den Arbeitsplatz. Knapp ein Viertel der Befragten legt ein Tempo vor, das die Betroffenen selbst auf Dauer für unrealistisch halten. Psychiater sehen darin die Ursachen für das Erschöpfungssyndrom, aber auch für schwere Erkrankungen wie Depressionen oder Suizidalität. Es schein paradox: Die Angst vor dem Verlust der Arbeit - die an sich krank macht - treibt Menschen ebenso in die Krankheit, und zwar massenweise. Zugleich treten auch in Zeiten der Arbeitslosigkeit bestimmte Leiden häufiger auf.

Erfreulicherweise sind Signale zu erkennen, dass Präventionsmaßnahmen doch etwas bewirkt haben könnten: 2014 sollen die Burnout-Diagnosen erstmals seit 10 Jahren nicht weiter gestiegen sein, die Fehltage aus diesem Grund haben sich laut Angaben einer großen gesetzlichen Krankenkasse, der DAK Gesundheit, seit 2012 halbiert. Arbeitsbedingungen und Stressauslöser sind jedoch weitgehend die gleichen geblieben: Zunehmend ausgedehnte Verfügbarkeit auch in der Freizeit, ständige Kontrolle durch diverse Überwachungsmaßnahmen, keinen oder wenig Einfluss auf die Gestaltung von Arbeitsabläufen, keinen Einfluss auf die Entscheidung über die hergestellten Produkte oder ihre Eigenschaften, keine angemessene Anerkennung der eigenen Arbeit sowie fehlende Chancen in der beruflichen Entwicklung.

Doch es gibt in bestimmten Branchen auch Verbesserungen der Arbeitsbedingungen. Zum Teil wurden und werden diese gewerkschaftlich erkämpft, zum Teil werden sie vermeintlich privilegierten Beschäftigtengruppen vorausschauend gewährt. Sind solche relativ frei gestaltbaren Arbeitsplätze vorhanden, ist aber die Erwartung an die Mitarbeiter, die sie besetzen, noch viel höher. Höchstleistungen und ungebremster Einsatz für das Unternehmen werden vorausgesetzt. Der Druck ist hier subtiler, wirkt aber wahrscheinlich stärker, als die Aufgabe, bis zum Schichtende eine bestimmte Zahl von Regalen einzuräumen.

Krank macht an der Arbeit vor allem die Überlastung. Früher hieß das Arbeitshetze, heute vornehmer Arbeitsverdichtung. Dieser Leistungsdruck spiegelt sich auch in den Unfallzahlen. Betrachtet man die Häufigkeit von Unfällen mit Todesfolge im Bergbau, unterscheiden sich die Verhältnisse in der Regel zwischen Industrieländern und ärmeren Staaten besonders stark. Die verheerendsten Grubenunglücke ereigneten sich zwischen 2005 und 2014 in China (9), in der Türkei (3) und in Russland (2). Westeuropäische Staaten befinden sich nicht auf dieser Liste, jedoch je einmal die USA, die Slowakei oder Neuseeland. Laut Internationaler Arbeitsorganisation (ILO) sterben täglich 6000 Menschen durch arbeitsbedingte Unfälle und Krankheiten.

Versucht man den Vergleich mit bundesdeutschen Zahlen, wird die Privilegierung deutlich. Insgesamt gab es 2012 in der Bundesrepublik 20 000 Unfalltote, 1080 von ihnen wurden Opfer von Arbeitsunfällen. Diese ereigneten sich wiederum fast zur Hälfte auf Verkehrswegen. Eine gesicherte Gesamtzahl der Unfallverletzten gibt es nicht, 2013 wurden vom Verband der Berufsgenossenschaften 488 916 Unfälle registriert. Zahlen der gesetzlichen Unfallversicherung weisen aber darauf hin, wo es die höchsten Gefahrklassen gibt. Das ist wichtig für die Beitragsberechnung, zeigt aber gleichzeitig, wo Arbeit am ehesten gefährlich ist: In der Zeitarbeit gilt die Gefahrklasse 7,97, in Sicherheitsunternehmen 3,94, bei den Finanzdienstleistern beträgt dieser Wert nur 0,38.

Konkrete Bedingungen in manchen Berufen machen ebenfalls krank - und zwar mit solcher Sicherheit, dass es in der Bundesrepublik eine Liste von 77 anerkannten Berufskrankheiten gibt.

In diesem Jahr wurden der Aufzählung vier weitere Leiden hinzugefügt. Das sind zum Beispiel der weiße Hautkrebs, hervorgerufen durch natürliche UV-Strahlung bei Beschäftigten, die viel bei direkter Sonneneinstrahlung arbeiten, und der Kehlkopfkrebs, ausgelöst durch jahrelanges Einatmen von Schwefelsäuredämpfen. Auch das Karpaltunnelsyndrom - das auch Schreibtischarbeiter erwischen kann - ist neu dazugekommen. Auf der Liste stehen bereits seit längerem Bandscheibenvorfall oder Lungenkrebs. Ob ein Leiden als Berufskrankheit zählt, hängt von den konkreten Einwirkungen und Gefährdungen am Arbeitsplatz ab.

Für steigenden Druck in der Arbeitswelt sprechen darüber hinaus die Zahlen derjenigen, die sich - etwa wegen psychischer Krankheiten - früher berenten lassen. Unter den Anträgen für eine Erwerbsminderungsrente bezogen sich 2011 41 Prozent auf eine Depression, Angstzustände oder andere psychische Leiden, mit stark steigender Tendenz zumindest für die Jahre zwischen 2008 und 2011. Weitere Ursachen für das vorzeitige Ausscheiden der Menschen aus dem Beruf sind Herz-Kreislauf- oder Krebserkrankungen.

Kann es ausgebeutete, entfremdete Arbeit geben, die nicht krank macht? Offenbar ja, denn sonst wären alle krank. Zudem haben viele der schweren Krankheiten, darunter die von Herz und Kreislauf, ihre Ursachen im Lebensstil insgesamt. Keine Illusion sollte man sich über eine durchgreifende Wirkung von Prävention machen, weder für Produzenten noch für Konsumenten. Vorbeugung hat eher die Funktion einer einfach zu dosierenden Beruhigungspille: Gymnastik in der Arbeitspause, Verringerung der Exposition von Giftstoffen, Händehygiene im Krankenhaus. Für sich alles sinnvolle Maßnahmen, aber sie erhöhen in der Regel die Arbeitskosten. Insofern werden sie weiterhin Gegenstand politischer und gewerkschaftlicher Kämpfe bleiben.

Krankheit durch die Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse abzuschaffen, das erscheint - gerade DDR-Erfahrenen - ein falsches Heilsversprechen. Es kündet zudem von dem Wahn, dass eine absolute Kontrolle über Gesellschaft und Natur möglich ist. Dieser Vision nicht anzuhängen schließt allerdings nicht aus, die Arbeitsbedingungen auf kurze wie auf lange Sicht menschlicher gestalten zu wollen. Beschäftigten bliebe auf diese Weise zumindest der Teil des Leidens erspart, der sich durch eine Umgestaltung der Arbeitsprozesse vermeiden ließe.

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