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Blair Witch für die Geschworenen

Warum der Einsatz von Body-Cams keine Polizeigewalt verhindert

  • Von Roberto J. De Lapuente
  • Lesedauer: 3 Min.

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US-Amerikanische Bürgerrechtler bringen die Body-Cam als Weg gegen die eskalierende Polizeigewalt ins Spiel. Das ist ein verzweifeltes Begehren. Denn Kameraüberwachung hat noch nie Gewalt vereitelt. Und die auf der Schulter sitzende Kamera verschleiert mehr als sie offenbart.
Manchmal ist man verzweifelt und dann glaubt man an Dinge, die man unter rationalen Aspekten ablehnen würde. Angesichts der Polizeigewalt gegenüber Schwarzen in den Vereinigten Staaten kann man natürlich verzweifeln. Und dann kommen Ideen auf, die kontraproduktiv sein können. So wie die Body-Cam, die Bürgerrechtler jetzt als Chance sehen, um tödliche Schüsse auf schwarze Bürger zu vereiteln. Denn wenn der Polizist einen kleinen Überwachungsapparat auf der Schulter montiert hat, dann wird er sich ja sicherlich überlegen, was er da mit seiner in Uniform ausgestatteten Macht anstellt. Wer lässt sich schon dabei filmen, wie er einen unbewaffneten Teenager in den Rücken schießt? Oder einen wehrlosen Alten drangsaliert? So jedenfalls der Ansatz und die Theorie, die die Bürgerrechtler da haben.

Dabei wissen wir doch mittlerweile nur zu gut, dass Kameraüberwachung noch nie Straftaten und Gewaltdelikte verhindert hat. Waren wir nicht alle Zuschauer, als in U-Bahn-Stationen Passanten verprügelt wurden? Kameraüberwachung hat uns nicht von Gewaltexzessen befreit, sondern uns bestenfalls zu Voyeuren gemacht, die jetzt zusehen konnten bei Übergriffen, von denen man vorher nur aus der Zeitung erfuhr. Fahndungsformate wie »Aktenzeichen XY … ungelöst« bestehen fast nur aus Kameraaufnahmen, die zur Aufklärung dienen sollen. Vereitelt haben die Kameras, von denen die Täter wussten, aber gar nichts. Tilman Baumgärtel von der »taz« hat sich diese Woche auch damit befasst und sieht es ähnlich: Kameras retten kein Leben. Auch die nicht, die auf Beamtenschultern sitzen. Wer das annimmt, verklärt das Wesen der Überwachung. Das mag wie gesagt der Verzweiflung geschuldet sein.

Bei der Body-Cam kommt noch ein spezielles Manko hinzu. Sie liefert Bilder, die überhaupt nicht auswertbar sind. Oder sagen wir so: Man kann sie natürlich auswerten, aber wie ehrlich und zutreffend sie sind, bleibt fraglich. Es sind Independentfilm-Bilder – verwackelte und verzehrte Aufnahmen, die Teile des Geschehens abschneiden oder einfach »übersehen« und die daher alle möglichen Mutmaßungen zulassen oder eben auch nicht. In etwa so, wie die Sequenzen in »Blair Witch Project«. Bei diesem Streifen wurde kontinuierlich mit Handkamera gefilmt und auf ein Stativ verzichtet, um einen dokumentarischen Anschein zu erzeugen. Wenn die Protagonisten rannten, wippte man als Zuschauer von links nach rechts, sah dort einen Baum, huschte hinüber zu einem Strauch, sah plötzlich bloß das Laub am Boden. Mit schwachem Magen konnte es einem regelrecht schlecht dabei werden. Erkenntnisse über die Abläufe bekam man eher nicht. Man sah Abschnitte von Szenen. Mehr nicht. Plötzlich stand zum Beispiel der Gegenüber ganz nah. Aber als Zuschauer wusste man nicht so richtig, wie das geschah.

Kurzum, die Aufnahmen, die eine solche Kamera liefert, können einen Tathergang gar nicht lückenlos dokumentieren. Sie können also ganz leicht missinterpretiert werden. Man sieht einen Mann, der sich angenähert hat, eine kurze Aufnahme seines Gesichts, das vielleicht für den Bruchteil einer Sekunde nach Wut aussieht und dann wackelt alles. Vermutlich hat sich der Beamte stark in Bewegung gesetzt. Aber wieso, das weiß man nicht so genau. Mit etwas Phantasie wird daraus ganz leicht ein Angriff, auch wenn man darüber gar nichts Genaues sagen kann. Und dann ist das Opfer der Polizeigewalt dennoch ein potenzieller Täter, weil es die Bilder »erlauben«. Weil sie so verwackelt vor die Geschworenen gebracht werden, dass alles und nichts die Wahrheit sein kann. Bewiesen wird mit solchen Bildern gar nichts. Außer vielleicht, dass der Magen etwaiger Geschworener besonders empfindlich ist, wenn das Video von oben nach unten saust wie bei einer Achterbahnfahrt.

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