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Im falschen Lager

Die meisten sowjetischen Kriegsgefangenen erhielten keine Entschädigung

Pargev Zakaryan und Iskhan Melkonyan waren Soldaten der Roten Armee, als sie während des Zweiten Weltkriegs in deutsche Gefangenschaft gerieten. Die beiden Armenier wurden schließlich nach Deutschland deportiert, wo sie als Zwangsarbeiter missbraucht wurden. Zakrayan schuftete drei Jahre lang in einer Ziegelei, Melkonyan arbeitete ein halbes Jahr in einer Prothesenfabrik. Als vor mehr als zehn Jahren in Deutschland ein Gesetz zur Entschädigung von Zwangsarbeitern aus der NS-Zeit Gestalt annahm, hofften sie auf späte Wiedergutmachung.

Doch bald stellte sich heraus, dass kriegsgefangene Soldaten von dem Entschädigungsgesetz höchstens in Ausnahmefällen betroffen sind. Denn es unterscheidet zwischen KZ-Häftlingen und Soldaten, die meist in Internierungslager gesperrt und dort ausgebeutet wurden. Letzteres, hieß es, sei »allgemeines Kriegsschicksal«. Oder ganz unjuristisch: Pech gehabt.

Mit Blick auf die sowjetischen Kriegsgefangenen ist das ein besonders widerwärtiger Zynismus. Sie wurden einer extrem brutalen Ausbeutung und Behandlung ausgesetzt, die auf physische Vernichtung zielte. Über drei Millionen von ihnen starben in der grausamen Gefangenschaft der Deutschen - mehr als jeder zweite.

Für einen Teil der überlebenden Rotarmisten setzte sich der Berliner Rechtsanwalt Stefan Taschjian ein. Er kümmerte sich um rund 2000 Armenier, die einst in der Roten Armee kämpften. Weit weniger als zehn Prozent von ihnen erhielten eine Entschädigung. Im Namen von Zakaryan und Melkonyan betrieb Stefan Taschjian, der selbst aus einer armenischen Familie stammt, ein Musterverfahren - vergeblich. »Die ehemaligen Rotarmisten hatten von Anfang an keine Lobby«, sagt Taschjian.

So musste er Hunderten Mandanten erklären, dass sie leer ausgehen. »Aber erklären Sie mal, dass jemand, der in Dachau war, etwas bekommt, und ein anderer aus einem dieser entsetzlichen Lager der Deutschen in der Ukraine kriegt nichts.«

Kürzlich starteten LINKE und Grüne im Bundestag den praktisch letzten Versuch. Sie wollen erreichen, dass den verbliebenen Betroffenen möglichst schnell eine symbolische Entschädigung zukommt - und damit die Anerkennung: Ja, ihr wart Opfer des Naziregimes. Aber die Anträge wanderten in die Ausschüsse; die Union will sie mit der Frage verknüpfen, ob auch in der Sowjetunion gefangene deutsche Soldaten entschädigt werden. »Das aber«, wendet Taschjian ein, »blendet aus, was die Ursache all der Grausamkeiten war: der Krieg, der von Deutschland ausging.«

Noch gibt es bis zu 4000 einstige Rotarmisten, die dem NS-Regime als Zwangsarbeiter dienen mussten. Pargev Zakaryan und Iskhan Melkonyan hätten von einer Lösung ohnehin nichts mehr. Sie sind inzwischen verstorben. wh

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