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Die Abgründe der menschlichen Seele

Ayelet Gundar-Goshen: «Löwen wecken»

  • Von Lilian-Astrid Geese
  • Lesedauer: 3 Min.

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Eine Nacht, Markowitz« hieß 2013 das furiose Debüt der Tel Aviver Psychologin Ayelet Gundar-Goshen. Dafür erhielt die junge Autorin (Jahrgang 1982) den renommierten Sapir-Preis. Nun legt sie mit einem weiteren psychologischen Thriller nach. Auch »Löwen wecken« handelt von Liebe, Hass und Schuld. Doch ist der Held der Geschichte nicht ein Verfolgter, dessen Leben bedroht ist, sondern der ehrgeizige Neurochirurg Etan Grien, der, weil er die Korruption seines Chefs nicht billigt, im wahrsten Sinn des Wortes in die Wüste geschickt wird.

Strafversetzt, mitsamt seiner Frau Liat, einer Kriminalbeamtin, und seinen beiden Söhnen, gibt er sich resigniert und lustlos der Arbeit im Kreiskrankenhaus von Beer Scheva hin: »Manchmal überlegte er, wen er mehr hasste - den Staub oder die Einwohner von Beer Scheva. Vermutlich den Staub. Eine dünne, weiße Schicht, die das leuchtende Rot des Jeeps trübte und es in ein verblichenes Rosa verwandelte, eine Parodie seiner selbst.«

Der rote Jeep, eigentlich gekauft, um Spritztouren im Negev zu genießen, ist nur noch Vehikel, um Etan von zu Hause zur Arbeit und zurück in die künstliche Welt der jüdischen Siedlung zu transportieren. Bis er eines Nachts nach der Spätschicht den Ausbruch wagt und mit 120 Stundenkilometern durch den Sand rasend die Freiheit testet.

Der Ausflug endet tödlich. Etan überfährt einen eritreischen Flüchtling und begeht Fahrerflucht. Was er nicht ahnt: Sirkit, die Ehefrau des Unfallopfers, ist Zeugin. Sie droht, ihn zu verraten. Es sei denn, er erkläre sich bereit, künftig nachts in einem provisorischen Ambulatorium illegale afrikanische Flüchtlinge zu behandeln. Die schöne Witwe hat dabei ihre eigene Agenda. Nach und nach verstrickt sich Etan in ein gigantisches Lügenkonstrukt. Seine Familie sieht er immer seltener. Spannungen, Ehe- und Nervenkrisen bleiben nicht aus. Ein dramatisches Finale scheint unausweichlich ...

Ayelet Gundar-Goshen erzählt eine spannende Geschichte über Leidenschaft und die Abgründe der menschlichen Seele. Ihre Charaktere sind Israelis, arabische Juden, Eritreer, Kriminelle, maskierte Gutmenschen, bestechliche Eliten und Elende auf der Flucht, für die die Frage von Recht und Gesetz ein Luxusproblem ist. Dabei fällt es nicht leicht zu entscheiden, wem die Sympathie gelten soll. Etans Handeln ist verständlich, die Konsequenz, die er aus seiner Schuld zieht, könnte Sühne sein. Doch Etan verliert sich und fühlt sich zunehmend zu der Frau hingezogen, die dabei ist, sein Leben und die träge Idylle, in der er sich mit seiner Familie einrichtete, zu zerstören. Was nicht einmal Sirkits primäre Absicht ist. Sie ist eine ebenso tragische Gestalt wie andere Opfer in dieser verwobenen Erzählung.

Die Autorin selbst urteilt nicht. Sie beschreibt. Urteilen sollen die Leserin, der Leser. Doch nicht, ohne sich der unangenehme Frage zu stellen, wie sie selbst gehandelt hätten.

»Löwen wecken« ist ein erstaunliches Buch. Und einer der interessantesten Romane aus Israel in jüngerer Zeit.

Ayelet Gundar-Goshen: Löwen wecken. Roman. Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama. Kein & Aber. 432 S., geb., 22,90 €.

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