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Historiker: Wir brauchen ein neues 1968

Karl Heinz Roth: Auch Enkel der Täter müssen um Aufklärung von NS-Verbrechen kämpfen / Abschließender Reparationsvertrag soll 2+4-Vertrag ergänzen / Gauck: Möglichkeiten von Wiedergutmachung »ausloten«

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Berlin. Der Historiker Karl Heinz Roth hat in der Debatte über eine Entschädigung Griechenlands für erlittenes NS-Unrecht einen abschließenden Reparationsvertrag gefordert, der den 2+4-Vertrag nachträglich ergänzt. Gegenüber »neues deutschland« plädierte Roth für »eine Art Schlussakte, in der noch einmal alles auf den Tisch kommt und in der eine Bilanz der deutschen Besatzungs- und Vernichtungspolitik im Zweiten Weltkrieg gezogen wird«. Auf dieser Basis könnten dann die Ansprüche der noch nicht entschädigten Angehörigen und überlebenden Opfer befriedigt und die ausstehenden Reparationsleistungen geklärt werden.

Es sei »völkerrechtlich eindeutig«, dass die Frage der Reparationen für Griechenland bisher nicht abschließend beantwortet wurde, so der Historiker. Was er in den Akten der deutschen Außenpolitik gelesen habe, die sich mit dem Thema Entschädigung befassen, habe ihn »bestürzt: Wie extrem arrogant und herablassend mit den Forderungen aus Athen umgegangen wurde! Es gab ein paar Brosamen vom deutschen Herrentisch in den 1950er und 1960er Jahren – aber letztlich wurden die Griechen immer auf den Sankt Nimmerleinstag vertröstet.«

Bestialische Besatzer
Der Historiker Karl Heinz Roth über die Ausplünderung Griechenlands durch die Nazis, die Berliner Arroganz gegenüber Reparationsforderungen und die Notwendigkeit eines neuen 1968. Das komplette Interview mit Karl Heinz Roth gibt es hier

Roth verwies zudem auf »das ungeheure Defizit in der Erinnerungskultur«. Es würden »nur Krokodilstränen vergossen«, aber eine »materielle Wiedergutmachung« werde von den Zuständigen »gar nicht in Betracht gezogen«. Der Historiker sprach sich daher für ein »neues 1968« aus: Seine »Generation, die der Kinder der Täter, hat in den 1960er und 1970er Jahren einen langen Kampf um die Aufklärung von NS-Verbrechen und die Aufarbeitung der Schuld geführt«, erinnerte Roth, der zu den Aktivisten der 1968er-Bewegung gehörte. Heute werde »einem schnell klar: Auch die Enkel der Täter müssen jetzt einen solchen Kampf führen«.

Derweil hat sich Bundespräsident Joachim Gauck der Position der Bundesregierung angeschlossen, derzufolge die Frage der Reparationen politisch und rechtlich abgeschlossen sein soll. Gauck betonte, er teile diese Rechtsauffassung. Dennoch verfolge er mit Interesse »die Diskussion über unterschiedliche Vorschläge, dem Bedürfnis vieler Griechen nach einer Art Wiedergutmachung gerecht zu werden.« Im Gespräch waren zuletzt eine Aufstockung des deutsch-griechischen Zukunftsfonds und die Gründung einer Stiftung für griechische Opfer der Nazi-Besatzung.

»Wir sind ja nicht nur die, die wir heute sind, sondern auch die Nachfahren derer, die im Zweiten Weltkrieg eine Spur der Verwüstung in Europa gelegt haben - unter anderem in Griechenland, worüber wir beschämend lange wenig wussten«, sagte Gauck der »Süddeutschen Zeitung«. Es sei richtig, »wenn ein geschichtsbewusstes Land wie unseres auslotet, welche Möglichkeiten von Wiedergutmachung es geben könnte.« Gleichzeitig forderte er, dass die griechische Regierung in der Debatte »etwas verbindlicher aufträte, als sie es bisweilen tut«.

Griechenland fordert von Deutschland Reparationen von bis zu knapp 280 Milliarden Euro. Darunter ist auch die Rückzahlung eines einstigen NS-Zwangskredits von gut zehn Milliarden Euro. Gauck hatte sich im vergangenen Frühjahr bei einem Besuch in Griechenland für deutsche Kriegsverbrechen entschuldigt, jedoch keine Zusagen zu möglichen Reparationen gemacht. nd/Agenturen

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