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»Wir sind keine kleinen Leute!«

Zum Tod des Schriftstellers Joachim Fest. Seine Erinnerungen »Ich nicht« sind ein Ereignis

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: ca. 6.0 Min.
Es ist eine hinreißende, ergreifende Szene. 1936. Der Vater richtet einen zweiten »Abendtisch« ein, einen für die drei jüngeren Kinder, einen für die beiden älteren Söhne, Wolfgang und - Joachim, der neun ist. Johannes Fest, Schulrat in Berlin-Lichtenberg, den die Nazis schon 1933 wegen dessen offener Ablehnung der neuen Machthaber aus dem Staatsdienst entfernten, braucht »einen Platz auf der Welt, wo er offen reden und seinen Ekel loswerden« kann. Vor den Kleinen müsse er sich hüten, zu deren Schutz, die Älteren aber hören fortan Klartext: »Ein Staat, der alles zur Lüge macht, soll nicht auch noch über unsere Schwelle kommen. Ich will mich der herrschenden Verlogenheit wenigstens im Familienkreis nicht unterwerfen.« Wie hatte die sorgende Mutter, um dieser Familie willen, bis dahin gebarmt, der Vater möge, pro forma nur, der NSDAP beitreten; die Unwahrheit sei doch immer das Mittel der kleinen Leute gegen die Mächtigen gewesen. Und war man diesen kleinen Leuten unter dem Druck der Umstände ohnehin nicht näher und näher gerückt? Ohne Dienstmädchen inzwischen? In enger gewordener Karlshorster Wohnung? In Verlegenheit, sogar geflickte Kleider zu tragen? Der Vater hebt den Kopf: »Wir sind keine kleinen Leute. Nicht in solchen Fragen!« Und dann diktiert er seinen Söhnen den Satz fürs Leben: »Etiam si omnes - ego non!« Matthäus, Ölbergszene. Wenn alle mitmachen - ich nicht. Vater Fest auferlegt seinen Söhnen, mitten in der Diktatur, eine Verhaltenslast, die kindliche Schultern brechen könnte. Sie brechen nicht. Es gibt keine Tugend ohne Risiko. Dieses »Ich nicht« gab Joachim Fests »Erinnerungen an eine Kindheit und Jugend«, die dieser Tage erscheinen, den Titel. Das Wort markiert den lebenstiefen Hochmut des Historikers, sich mit der Schärfe des Beobachters fernzuhalten, etwa von Masse und Fortschrittsradikalismus; jenes Prozess-Schema, das Linien von Fortschritt oder Verfall entwirft, konnte für ihn nicht das letztgründliche der Geschichte sein. Er sah Geschichte eher als einen Wechsel von geistnahen und geistfernen (gottnahen und gottfernen) Zeiten auf ewig unsicherem menschlichen Grund. Fest wird 1926 geboren. In seinen Erinnerungen wähnt er das Vergangene nicht als das, was es war, sondern als Begründung, »wie man wurde, was man ist«. Fest, einst FAZ-Mitherausgeber und -Feuilletonchef, wurde publizistisch ein großer deutscher Konservativer, und noch immer fällt es seinen linken Gegnern schwer, Größe und Konservatismus als Attribute der Qualität zu verwenden. Wer die Erinnerungen liest, könnte besser verstehen, warum es einen gewaltlosen Antikommunismus geben kann, der seinen Ursprung im zutiefst bürgerlich Humanen, in republikanisch gewünschter politischer Mitte hat. Wo das Leben ganz Maß sei, vor allem aber eine achtsame Sorgepflicht der realen Erfahrung gegenüber der utopischen Erwartung. Auf dass da nichts überschieße an Verführungsenergie, der Mensch könne, als gestaltende Masse, beglückend eingebaut werden in die Logik einer planbaren Vernunft. Die Wurzel dieser Denkweise rührt vom Vater her: aus tiefer Trauer über den Untergang Weimars im »Bürgerkrieg« der ideologischen Lager. Kürzlich sagte der Historiker Hannes Heer in einem ND-Interview über Grass und Fest: »Beide haben 1945 beschlossen: Jetzt ist die Stunde Null. Und sie meinten, sich damit ihrer eigenen Verwicklungen und Verstrickungen entledigen zu können.« Verwicklungen? Verstrickungen? Sich dessen entledigen? Bezogen auf Fests Zeit vor 1945, tut diese unsinnige, bei Heers Kenntnissen verwunderliche Beschuldigung - wenn man gerade Fests bewegendes Buch liest - richtiggehend weh. Sie wirkt wie jener billige linke Reflex, der aus dem Historiker Fest rasch den Hitler-Biographen macht und so, mit Kalkül, jenen abwertenden Stempel des Anrüchigen setzt, der ein genaues, differenziertes Hinsehen auf Werk und Leben erübrigt. Joachim Fest muss sich, was sein Aufwachsen unter Hitler betrifft, keiner dringlichen Befleckung, keines Verdachts auf fatales Geistglühen entledigen. Es gab nichts zu verbergen. Das (ja!) Bezaubernde seines Buches besteht im Erzählen eines natürlichen Widerstandsvermögen gegen das herrenlose Gesträune wechselnder Mitläuferschaften. Berührend, gerade in diesem Kontext, das Porträt des Vaters, eines gütigen wie strengen Katholiken, Preußen, Republikaners und Bildungsbürgers; in ihm offenbart Fest den Typus Mensch und Bürger, der die Weimarer Republik hätte retten können. Nichts Gutes ist so stark, um eine Republik retten zu können. Von anmutiger Feingeistigkeit die Zeichnung der Familie, der weniger werdenden (auch jüdischen) Freunde - bei gleichzeitiger Verrohung und Verspitzelung des Lebens; von eindringlicher Spannung Wolfgangs und Joachims Internatszeit in Freiburg; bitter-lakonisch die Auslieferung der Jungen an den Krieg - irgendwann verliert doch ein jeder seine Welt an die Welt. Beklemmend der Soldatentod Wolfgangs, die russische Kriegsgefangenschaft, die den Vater bricht; Joachims eigene US-Gefangenschaft, Flucht, Frieden ... Großartig und in all den Jahren der Vorsicht, der Angst, der Einsamkeit mit dem Vater und den Freunden gepflegt: die Gespräche (der Fast-Kinder noch!) über die Kunst, dieses Wunder, sich in durchschauter öder Welt durch Unerschließbares erschüttern zu lassen; Schiller und Beethoven, Mozart und Rilke für den Kreisschluss von Wert und Kraft. Gespräche, durch die dem jungen Fest eine gesteigerte Klugheit zuwächst, die der gesellschaftliche Außenseiter, der kritische Nonkormist, der unbeirrte Zeitfremdling immer besitzen muss, will er von andräuender Dummheit - der Alltag ist deren verlässlich fruchtbarer Humus - nicht arg zugerichtet werden. Und immer wieder: Familie als gelebte Tugend der grundsicheren Anständigkeit, Wahrheitstreue und Sittlichkeit. Von Fest so unzweifelhaft klar und gestochen gut erzählt, dass man als Leser dankbar ist ob der Fülle des Empfangenen. Ein Historiker, der keinen Streit auslöst, ist nicht mehr als der Absicherungskünstler des gerade gültigen politischen Gemeinplatzes. Fest hat mit seinem Weltbestseller »Hitler« gehörigen Streit ausgelöst, hat den Diktator erforscht als »anthropologische Möglichkeit, die es immer wieder geben wird«. Hitlers Vermächtnis, so Fest, sei die endgültige Zerstörung jenes positiven Menschenbildes der Aufklärung, nach dem das Boshafte durch Erziehung und durch Verbesserung der sozialen Umstände zu beseitigen sei. Den künftigen Verzicht auf solcherart Utopien nennt er den Preis einer Moderne, unter deren dünner zivilisatorischer Decke das Grauen auf seine Stunde wartet. Wer ein Buch liest, schließt keinen Bund mit einem Lebenswerk. Fests »Untergang. Hitler und das Ende des Dritten Reiches« hat mich ebenso wenig getroffen wie des Autors ausgiebige Zuarbeit für jenes Bild des »Guten Nazis«, das Albert Speer abgeben durfte, bis auch ihn der Ruch eines gewieften Verbrechers mit ausgeprägten Vertuschungsfähigkeiten erfasste. Aber andere Bücher Fests bleiben im Gedächtnis, wurden Begleittrost; Lesen als schönes Abirren ins Meisterliche: etwa das Buch »Begegnungen«, in dem »nahe und ferne Freunde« porträtiert werden, Ulrike Meinhof darunter und Hannah Arendt. Oder das Tagebuch zu Begegnungen mit dem Maler und Grafiker Horst Jannsen. Und vor allem »Im Gegenlicht«, das stilreine, gedankendichte, so römisch helle Reisebuch über Italien. Dort sein und seitdem wissen, warum man auf der Welt ist - eine berückende deutsche Erfahrung. Im Lichte des Buches »Ich nicht« erscheint das Italien-Buch von 1988 wie ein nachträgliches Gerechtwerden-Wollen gegenüber dem geliebten Vater. Der hatte zweimal seinem Sohn heftig gezürnt. Zum einen, als Joachim 1944 zur Luftwaffe will, um der Einberufung in die SS zu entgehen. Man melde sich selbst mit einem solchen Motiv nicht freiwillig zum »Verbrecherkrieg Hitlers«, schreibt ihm der Vater von Berlin nach Freiburg, in kühner Ungeschütztheit. Der zweite Anlass des Ärgers: dass sich Joachim, nach erlebter Barbarei, als Historiker ausgerechnet dem »Gossenthema« Hitler zugewandt habe; Verrat sei das an der stets so innig beschauten italienischen Renaissance. Ein langes Leben, so sagte Fest kürzlich, lehre die Widersprüchlichkeit aller Dinge. »Dem Gedanken an die Sterblichkeit zum Beispiel verdankt die Welt eine Vielzahl unsterblicher Werke.« Den zumindest gegenwärtig zu erwartenden Erfolg seines jüngsten Buches hat Fest (Foto: dpa) nicht mehr erleben können. Am Montag starb er, Woche...

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