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Die Banalität des Bösen

Beim Theatertreffen präsentiert Susanne Kennedy ihr radikales Formexperiment »Warum läuft Herr R. Amok?«

  • Von Christian Baron
  • Lesedauer: 5 Min.
Welch ein verstörender Abend: Herr R. hat sich ein unleidliches Leben mit verklemmter Frau und biederem Chef geschaffen. Klar, dass sein Amoklauf am Ende klammheimliches Verständnis erzeugt.

Wie es einem auf die Nerven geht, dieses alberne Stück. Klar, dass der Berliner Kulturstaatssekretär Tim Renner weit vorne sitzt und sich kaum einkriegt vor Begeisterung ob dieser Münchener Bühnenadaption des Fassbinder/Fengler-Films »Warum läuft Herr R. Amok?« von 1970, die es zum Theatertreffen geschafft hat und am Sonntag- und Montagabend am Deutschen Theater gezeigt wurde. Zählt die Regisseurin Susanne Kennedy doch zum künstlerischen Team, das der von Renner als neuer Volksbühnen-Intendant installierte Kurator Chris Dercon in zwei Jahren in die Hauptstadt mitbringen wird.

Im vergangenen Jahr war Kennedy bereits mit ihrer kontrovers debattierten Inszenierung von Marieluise Fleißers »Fegefeuer in Ingolstadt« zum Theatertreffen eingeladen. Dieser befremdliche Gruselabend mit synchron zu den eigenen Tonbandstimmen sprechenden Schauspielern bescherte der 37-Jährigen den großen Durchbruch; sie erhielt den 3sat-Preis und die Zeitschrift »Theater heute« kürte sie zur »Nachwuchsregisseurin 2013«. Diesmal treibt sie mit Herrn R.’s Amoklauf ihr radikales Formexperiment noch mehr auf die Spitze.

Dabei ist schon der Plot schwer erträglich. Wenn sich überhaupt von einem solchen reden lässt: Zwei quälende Stunden lang wird Herr Raab in seinem Alltag zwischen Büro, Wohnzimmer, Kneipe und Plattenladen gezeigt. Zwei quälende Stunden lang passiert so gut wie nichts. Zwei quälende Stunden lang bewegen sich die Figuren mit einer exzessiven Langsamkeit und sagen monoton stotternd ihren Text auf, als stünden sie unter gestrengem Über-den-Rand-der-Brille-Blick des Deutschlehrers nervös beim Gedichtvortrag an der Schultafel vor der gackernden Klasse.

Wobei das Schauspiel-Quintett noch nicht einmal selbst spricht: Es bewegt nur die Lippen zu aus dem Off eingespielten Stimmen von Laien, die den lakonischen Text vorab steif eingesprochen haben. Alle fünf stecken sie in eigentümlichen Silikonmasken, die nur Augen und Mund freilassen und damit jede Mimik und jede Individualität unmöglich machen. Und dann diese Bühne: Wie Marionetten an unsichtbaren Fäden wandeln die Protagonisten in einem holzvertäfelten Guckkasten umher. Zwischen die Szenen sind Videoprojektionen aus einem ähnlichen Holzraum geschaltet, in denen Laiendarsteller unmaskiert über das karge Geläuf spazieren und profanen Tätigkeiten wie Blumengießen oder Abstauben nachgehen.

Dass in nahezu jeder Szene jemand anders in die Rollen des Ehepaars Raab schlüpft und sich die zerrobbte Lederjacke des Mannes und das gähnend gewöhnliche Kleid der Frau überstreift, macht es nicht einfacher. In dieser Anonymisierung zoomt Kennedy penibel auf Details aus dem unleidlichen Alltag des technischen Zeichners, der sich in seinen kleinbürgerlichen Komplexen ein Leben geschaffen hat mit verklemmter Frau, biederem Chef, verhaltensauffälligem Sohn und tratschenden Hausgenossen, an dem er allmählich zerbricht.

Es gibt an diesem Abend keine Entwicklung, keine Wendung, keine Überraschung. Alles läuft in zäher Zwangsläufigkeit auf den Mord des Herrn R. hinaus, der sich im Wohnzimmer eine Engelsstatue krallt und sie in genüsslicher Gemächlichkeit an die Köpfe von Frau, Kind und geschwätziger Nachbarin donnert. Dem Publikum wird eine Distanz aufgezwungen, die es inmitten dieses düsteren Settings herzlich zum Lachen bringen muss. Ist das noch Theater oder schon Performance? Weder noch! Dieser Abend ist schlicht das brutal exakte Protokoll eines angekündigten Amoklaufs.

Das ist auch der Grund, warum diese Inszenierung grandios zu nennen ist, ohne dass auch nur ein Satz des bisherigen Gemeckers zurückgenommen werden muss. Schon die Idee, ausgerechnet dieses Frühwerk aus dem Fassbinder-Kosmos auszuwählen, von dem sich der Großmeister später auch noch barsch distanzierte, ist zu loben. Kennedys Umsetzung brilliert gerade wegen ihrer Konsequenz und Kompromisslosigkeit.

Bei Fassbinder ist nämlich immer erstmal Vorsicht angesagt. Viele seiner Filme sind ein Fall fürs Museum, weil sie heute nicht mehr funktionieren. Das gilt auch für »Warum läuft Herr R. Amok?«. Schaut man sich den Film an, dann versprüht dessen blassbunte Siebzigerjahre-Atmosphäre kaum noch Charme. Viel zu langweilig plätschert das Geschehen dahin. Und auch die in jeder Einstellung auf den Zuschauer übergreifende Empathielosigkeit mit der karikierten Sozialfigur des kleinen Mannes im wirtschaftswunderlichen Wohlstands-Westdeutschland erzielt bestenfalls die Wirkung, sich mit dieser elitär-erhabenen Künstlerperspektive keinesfalls gemein machen zu wollen.

Wie beeindruckend erscheint dagegen Susanne Kennedys Zugriff: Sie leuchtet die verstörende Normalität in einer ökonomisierten Welt aus und holt diesen verstaubten Stoff gerade durch ihre extreme Verfremdungsstrategie aus der Mottenkiste der bleiernen BRD-Jahre in unsere Nach-Wende-Gegenwart und demonstriert: Wir alle sind gemeint!

Nichts bringt das besser auf den Punkt als Herrn Raabs als Motiv immer wieder auftauchender Versuch, seiner Frau eine »Freude« zu machen, indem er ins Plattengeschäft schlurft und den ins Leere blickenden Verkäuferinnen unbeholfen ein Liedchen vorsummt, das er tags zuvor in der »Hitparade« im Radio gehört hatte. Dabei ist es tieftraurig und brüllend komisch zugleich, wie sich beide Seiten in maximal reduziertem Einfühlungsvermögen anstieren und aneinander vorbeireden, während Herr R. sein stakkatohaftes »Da da di« unablässig wiederholt, sich in seinen Erklärungen ständig verhaspelt und durch die Entschleunigung jedes »Äh« so grotesk zum Ausdruck bringt, wie es nicht einmal dem besten aller Edmund-Stoiber-Imitatoren gelänge.

Walter Hess, Christian Löber, Anna Maria Sturm, Edmund Telgenkämper und Çigdem Teke stehen ihr Synchronsprechen auch dann noch in Perfektion durch, wenn sie die Rollen schlagartig getauscht haben. Indem Kennedy dieses herausragend agierende Ensemble als zu Charaktermasken entstellte Menschen aus ihrem verkorksten und in der Langeweile gefangenen Leben berichten lässt, stellt sie das selbstentfremdete Subjekt des neoliberalen Zeitalters ins analytische Schaufenster. Und dieses Subjekt muss den Abend von den Zuschauerreihen aus in all seiner Langatmigkeit ertragen, aushalten, erleiden. Wo Fassbinder und Fengler den sich nach Reihenhaus und Rente sehnenden fordistischen Facharbeiter verspotteten, da erweitert Kennedy das bedrängende Grundthema zu einer fundamentalen Kritik an der auf ökonomische Verwertbarkeit aller Lebensbereiche ausgerichteten Architektur unserer Gesellschaft.

Nach diesem Vorlauf wirkt, man traut es sich kaum zu schreiben, die in die Länge gezogene Mordszene geradezu befreiend. Klammheimlich kommt sogar Verständnis auf für diesen elenden Biedermann, der zuvor so tragisch gescheitert ist in seinem trotz aller Abstumpfung doch aufrichtig daherkommenden Bestreben, mit dem Boss auf einer öden Betriebsfeier Bruderschaft zu trinken oder seinem Sohnemann den Sprachfehler abzutrainieren. Diese Arbeit wühlt auf. Und die Volksbühne darf sich auf eine spannende Künstlerin freuen.

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