»Botho« heißt Respekt

Alexander McCall Smith und seine »Mma Ramotswe«

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: ca. 3.0 Min.
Die Romane dieses Autors erzählten mehr über Afrika als manche Reiseführer, urteilte eine Journalistin. (Auf Grund welcher Kenntnisse, fragt man sich. Oder ist es einfach so dahingeschrieben, wie es heute gang und gäbe ist?) Ich kann nicht sagen, inwieweit Alexander McCall Smith mir ein stimmiges Bild von Botswana gibt, wo seine Romane um »Mma Ramotswe« spielen. Ich erfahre, dass er lange dort gelebt hat. Inzwischen wohnt er aber in Schottland. Was er schreibt, wirkt beinahe wie eine Idylle vor dem Hintergrund der Bilder, die uns die Medien vor Augen führen: Der »schwarze Kontinent«, auf dem täglich Tausende (jedenfalls beängstigend viele Menschen, auch diese Unschärfe gehört zum Bild) an Hunger oder Aids sterben, in diversen Kriegen hingemetzelt werden, ist etwas Ferngerücktes. Allgemeine Anklage und folgenloses Schuldgefühl - das scheint das Gegenteil von postkolonialer Arroganz. Aber ist es vielleicht doch ein einseitiges, überhebliches Afrika-Bild, wenn das normale, friedliche Leben, das es dort auch gibt, ausgeblendet wird? Insofern bietet Alexander McCall Smith ein Kontrastprogramm. Seine Mma Ramotswe ist eine liebenswürdige Frau mit »traditioneller Figur«, also kein dünner »Tausendfüßler«, wie er mehrfach betont, eine Frau mit Scharfsinn und sonnigem Gemüt, die sich jeden Tag neu freut, in den Himmel zu blicken, »so weit und frei, dass der Geist aufsteigen und umherschweben konnte Und schließlich gab es noch das Volk - ruhige, geduldige Menschen, die trotz aller Widrigkeiten in diesem Land überlebt hatten und es leidenschaftlich liebten«. Von dieser Liebe ist immer wieder die Rede. Wir haben es offensichtlich mit einem Autor zu tun, den die Sehnsucht nach Harmonie zum Schreiben treibt. Also erwarten Sie von seinen Krimis keinen Thrillergrusel. Die Chefin der »No. 1 Ladies Detective Agency« in Gaborone braucht keine Kampfsportausbildung und keine anderen Waffen als ihre Courage und ihren Menschenverstand. Mit diesen vorzüglichen Eigenschaften versucht sie in diesem Roman, die Inhaberin von mehreren Friseursalons, vor Männern zu bewahren, die es bloß auf ihr Geld abgesehen haben. Vergeblich, die Neigung der Dame siegt über jede Vernunft. Mma Ramotswe selbst heiratet am Ende ihren langjährigen Verlobten, Mr. J. L. B. Matekoni, Besitzer der Werkstatt »Tlokweng Road Speedy Motors«. Wobei es einiger weiblicher List bedarf, den Schüchternen zu diesem Schritt zu bewegen. Bei Alexander McCall Smith sind die Frauen die Zupackenden und die Männer diejenigen, die mitunter Hilfe brauchen. Was jedoch sein Fach betrifft, die Autoschlosserei, ist Mr. J. L. B. Matekoni unübertroffen. Das liegt nicht nur an seinem Geschick, sondern auch an seiner Überzeugung: »Ein Techniker hatte eine moralische Pflicht gegenüber technischen Einrichtungen.« Lassen Sie sich diesen Satz auf der Zunge zergehen. Die hier dargestellte Maxime des Handelns hat weitreichende Folgen und gehört zum Komplex der Forderungen, die mit dem Wort »botho« bezeichnet werden, »was so viel wie "Respekt" oder "gute Manieren"« bedeutete. Die »alten botswanischen Sitten«: Das heißt, »Dinge für andere Menschen zu tun, um ihnen zu helfen und nicht, um sich dafür belohnen zu lassen«. Man kann es so zuspitzen: In seinem Kern ist das Buch eine Polemik gegen die menschlichen Verluste, die mit der Kapitalisierung einhergehen, ein Protest gegen Selbstsucht, Unehrlichkeit, Oberflächlichkeit - eine Auseinandersetzung mit den Folgen der Entfremdung, die die westliche Gesellschaft durchwuchern wie ein Krebsgeschwür. Insofern hat der Autor, als er im nebligen Edinburgh an das sonnige Botswana zurückdachte, durchaus auch seine eigenen Sorgen zu Papier gebracht. Immerhin arbeitet er in seinem »anderen Beruf« in internationalen Gremien als Spezialist für Bioethik. Für dieses Buch erhielt er übrigens den »Saga Award for Wit«. »Selten hat man sich nach der Lektüre eines Krimis besser gefühlt«, so wird vom Verlag der »Stern« zitiert. Und das stimmt auch: Man kann, aber man muss sich beim Lesen nicht den Kopf zerbrechen. Man darf sich auch einfach hineingleiten lassen in eine ferne - und freundliche! - Welt, in der die eigenen Probleme in noch abgemilderter Form existieren. Man fühlt sich bestens unterhalten. Aber ist es etwa wenig, wenn man sich dabei gerne vorstellt, ma...

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