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New Labour nach der Schlacht

Blair-Anhänger suchen Gegenkandidaten für Gordon Brown

  • Von Ian King, London
  • Lesedauer: 3 Min.
Der angeschlagene Premierminister Tony Blair will angeblich im kommenden März seinen geplanten Rücktritt offiziell ankündigen. Er werde nach der Vorlage des neuen Haushaltsentwurfs durch Finanzminister Gordon Brown ein Datum nennen, berichtete die Londoner »Times« am Mittwoch.
Unterschriftenlisten mit der Forderung nach Tony Blairs sofortigem Rücktritt machten in der Labour-Fraktion die Runde, Freunde des Premiers schrien von Erpressung, gar einem Putsch, der angeblich vom Finanzminister und Rivalen Gordon Brown organisiert worden sei. Dass Blair - wegen Irak verhasst, als Premier auf Abruf verspottet - nächstes Jahr zurücktritt, hat er selber öffentlich zugestehen müssen. Aber seine wenigen Anhänger wollen, dass er einige Monate weiter regiert. Nicht, dass er noch große politische Erfolge erreichen könnte. Sie möchten jedoch in der Zwischenzeit einen Gegenkandidaten aufbauen, um Brown den Umzug in die Nachbarwohnung von Downing Street Nr. 10 zu versperren. Fürs erste haben sie schlechte Karten. Industrieminister Alan Johnson, als ehemaliger Gewerkschaftsvorsitzender geachtet, ist unter Parteimitgliedern und Wählern noch relativ unbekannt. John Reid, ein schottischer Haudegen, setzt mit seiner kompromisslosen Politik gegen den Terror traditionelle Bürgerrechte aufs Spiel, und sein starker Glasgower Akzent könnte empfindsame Seelen aus dem von Blair gehätschelten »Middle England« in panikartige Flucht schlagen. Rechte Flügelmänner wie Stephen Byers und Alan Milburn haben nirgendwo Rückhalt: Mit ihren Plänen für uferlose Privatisierungen und Steuersenkungen könnten sie höchstens bei der FDP Gleichgesinnte finden. Ein fotogenes »Blair Babe« mit der Beliebtheit von Ségolène Royal fehlt ebenso wie ein Linker mit Siegeschancen. John McDonnell, als Londoner Kommunalpolitiker früher Stellvertreter vom »roten Ken« Livingstone, mahnt alle anderen mit Recht zum Waffenstillstand, besitzt aber kaum Anhänger außerhalb der linken »Campaign Group«. Also Brown als Nachfolger, schon deswegen, weil weit und breit kein ernsthafter Alternativkandidat zu sehen ist? Als Favorit steht dem Schatzkanzler eine Durststrecke bevor, die Neider wetzen das Messer. Charles Clarke, der als Bildungsminister die Studiengebühren verdreifachte und als Innenminister keine Ahnung von der Zahl straffälliger Einwanderer besaß, hätte zwei gute Gründe, den Mund zu halten. Stattdessen griff er im Londoner »Evening Standard« sowie im stockkonservativen »Daily Telegraph« Brown frontal an: Er mische sich überall ein, sei ein jähzorniger Einzelgänger ohne jeden Teamgeist. Das klingt wie die unfairen Vorwürfe eines doppelt Gescheiterten, aber im nächsten Parlamentswahlkampf werden David Camerons Tory-Mannen alles genüsslich zitieren. Der Geschmähte zeigte sich jetzt im BBC-Fernsehinterview von der menschlichen Seite. Das Leben als frischgebackener Familienvater hat Brown angeblich mehr verändert als jedes politische Amt. Als Finanzminister habe er sich dienstlich mit Kollegen auseinanderzusetzen, damit die Kasse stimmt und der Aufschwung weitergehen kann - das soll die Vorwürfe des mangelnden Teamgeistes entkräftigen. Illoyal könne er auch nicht sein, schließlich hätten ihn die Unterzeichner der Anti-Blair-Rundbriefe nicht verständigt, er hätte dringend abgeraten. Eine Krönung erwartet Brown nicht, sondern vielmehr einen fairen Kampf ums höchste Amt. Und von seinem Vater, einem schottischen Pfarrer, habe er einen Moralkompass mitbekommen, danach richte er sein Leben - was auch heißen soll, anders als Tony, der sich nach dem neuesten Befehl aus dem Weißen Haus richtet. Ob das vorsichtige Fernsehinterview Brown hilft? Clarkes Wutausbruch schade dem Kandidaten jedenfalls nicht, meint die Labour-freundliche »Guardian«- Journalistin Polly Toynbee. Brown werde jeden Blair-Getreuen leicht aus dem Feld schlagen. Aber im Kampf ums Spitzenamt könne er doch beschädigt werden, was den späteren Feldzug gegen Camerons Konservative beeinträchtigen würde. Fazit: Brown hat zusammen mit Blair New Labour gegründet, unterstützte Irak-Krieg und -besatzung, befürwortet den Kauf neuer Atomwaffen. Das alles ist keine Empfehlung. Andererseits: Fast zehn Jahre hat er den Wirtschaftsaufschwung geleitet, er spricht die von Blair entfremdeten Traditionswähler an, bleibt ein fähiger, integrer Freund der Dritten Welt. Brown scheint Labours Januskopf: Verderber und Retter zugleich.

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