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Der Kampf um Meinungsfreiheit geht weiter

Ein Gespräch über die Bedeutung des »Lesens gegen das Vergessen« und Lehren für unsere Gegenwart

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Seit 20 Jahren veranstaltet DIE LINKE jährlich am 10. Mai auf dem Bebelplatz das »Lesen gegen das Vergessen«, mit dem sie der Bücherverbrennungen durch die Nazis im Jahr 1933 gedenkt.

nd: Frau Lötzsch, warum ist es für Sie wichtig, jedes Jahr an die Bücherverbrennung der Nazis zu erinnern?
Gesine Lötzsch: Die Faschisten haben in der Hoffnung Bücher verbrannt, dass folgende Generationen diese Bücher nicht mehr in den Bibliotheken und Buchläden finden können. Dieses Ziel haben sie nicht erreicht. Sie haben aber erreicht, dass viele Autoren, deren Bücher damals verbrannt wurden, in Vergessenheit geraten sind. Wir wollen, dass Menschen auch 70 Jahre nach der Befreiung vom Faschismus die Bücher von Bertolt Brecht, Kurt Tucholsky, Oskar Maria Graf oder Egon Erwin Kisch lesen.

In diesem Jahr nehmen auch Schülerinnen und Schüler der Gustav-Heinemann-Schule an der Veranstaltung teil. Frau Langenheder, wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
Rebecca Langenheder:
Seit wir auf dieser Schule sind, beschäftigen wir uns mit Fragen der Entstehung, der Bedeutung, des Erhalts und der Weiterentwicklung von Demokratie. Immer wieder trafen wir Zeitzeugen, die uns mit ihren persönlichen Berichten für die deutsche Geschichte und das Zeitgeschehen sensibilisierten. Inge Deutschkron, Wilfried Seiring, Margot Friedlander, Elfriede Brüning, Vera Friedländer oder auch Beate Klarsfeld waren darunter. Das Verständnis für Demokratie kann weder über Nacht noch innerhalb einer Unterrichtstunde gelehrt werden. Im vergangenen Jahr waren wir an dem Punkt angelangt, uns selbst aktiv für die Demokratie einsetzen zu können. Und was wäre als Einstieg passender, als die Menschen an jenen Tag zu erinnern, als die Meinungsfreiheit zu Grabe getragen wurde?

Aus welchen Werken werden Sie denn lesen?
R.L.: Wir verfassten die Texte, die wir vortragen, selbst, um ein bisschen Abwechslung zu bringen und um nicht nur Vergangenheit zu rezitieren, was zweifellos der wichtigste Bestandteil der Veranstaltung ist und auch sein muss. Wir wollten aber auch etwas Neues einfließen lassen, um zu zeigen, wie wir uns mit dem Thema auseinandersetzen.
G.L.: Ich werde einen Text von Elfriede Brüning lesen. Sie war im vergangenen Jahr noch auf dem Bebelplatz dabei – damals 103 Jahre alt und drei Monate vor ihrem Tod. Als junge Frau war sie Zeitzeugin der Bücherverbrennung. Damit will ich an diese großartige Frau und Schriftstellerin erinnern.

Um 13.30 Uhr wird es einen Flashmob mit Schirmen auf dem Alexanderplatz geben. Was hat es damit auf sich?
G.L.: Die Schülerinnen und Schüler wollen auf unsere Lesung hinweisen. Auf den Schirmen werden die Namen der Autoren stehen, deren Bücher 1933 verbrannt wurden.
R.L.: Ein Flashmob ist eine sehr publikumswirksame Angelegenheit. Wir wollen versuchen, mehr Menschen mit unserer Botschaft zu erreichen.

Welche Rolle spielen für Sie die Bücherverbrennungen der Nazis heute noch, wo sie doch 82 Jahre zurückliegen?
R.L.: Noch werden zum Beispiel in Ungarn auf privaten Grundstücken solche Veranstaltungen inszeniert, und 2011 fand in Florida eine öffentliche Koran-Verbrennung statt. Weltweit werden Journalisten, Schriftsteller und kritische Intellektuelle verfolgt. Aktuellstes Beispiel ist der saudische Blogger Raif Badawi. Solange es so etwas noch gibt, müssen wir erinnern und immer wieder zum Umdenken aufrufen. Denn wie der spanische Schriftsteller George Santayana, dessen Zitat wir in Auschwitz lasen, einst sagte: »Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.«

Florida und Saudi-Arabien sind weit weg von Deutschland. Sehen Sie außer in Ungarn auch anderswo innerhalb der EU die Presse- und Meinungsfreiheit bedroht?
R.L.: Wir brauchen gar nicht so weit abzuschweifen, gucken wir nur rüber zu unserem Nachbarn Österreich. Dort gibt es zwar das Recht auf Meinungs- und Pressefreiheit, allerdings wurde dort am häufigsten in ganz Europa dagegen verstoßen. Darum gilt es, jenen zu helfen, die nicht die gleichen Vorrechte besitzen wie wir.

Frau Lötzsch, wird die LINKE auch im kommenden Jahr »Lesen gegen das Vergessen« veranstalten?
G.L:
Ja. Wir beginnen schon mit den Planungen für das nächste Jahr. Wir Linken dürfen unsere Traditionen nicht aus den Augen verlieren. Wenn erst einmal das Band zwischen den Generationen gerissen ist, dann ist es schwer oder unmöglich wieder zu flicken.

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