Reise zum Tatort in »Deutsch-Südwest«

Hüseyin Aydin unterwegs in Namibia, um Wiedergutmachung für Herero und Nama zu unterstützen

  • Von Thomas Nitz
  • Lesedauer: ca. 2.0 Min.

Der Linkspartei-Abgeordnete Hüseyin Aydin bereiste eine Woche lang die Schauplätze des vergessenen Genozids deutscher Kolonialtruppen an den Herero und Nama in Namibia.

100 Jahre gab es keine Entschuldigung - nicht einmal ein Schuldeingeständnis. Erstmals im August 2004 räumte ein Mitglied einer deutschen Regierung, die Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul, die Verantwortung Deutschlands für den Völkermord an den Herero, Nama und Damara in Namibia ein. Auf der offiziellen Gedenkveranstaltung bat sie die Betroffenen um Entschuldigung. Eine finanzielle Wiedergutmachung sicherte Wieczorek-Zeul dennoch nicht zu. Dabei sind die Hintergründe des Genozids an den geannten Gesellschaften in der damaligen Kolonie »Deutsch-Südwest-Afrika« gut erforscht und die Schuld der Kolonialtruppen des Deutschen Reiches unbestritten. Bereits 2001 war der Versuch von Vertretern der Herero gescheitert, Entschädigungen vor einem Gericht in Washington DC einzuklagen. Damals auf der Anklagebank: Die Bundesrepublik als Rechtsnachfolgerin des Kaiserreiches und drei große deutsche Unternehmen - darunter die Deutsche Bank. Mit seiner Reise versuchte jetzt der Linkspartei-Abgeordnete Hüseyin Aydin die Problematik der fehlenden Entschädigungen ins politische Bewusstsein und auf die Agenda des Bundestags zurückzubringen. Hierfür sprach er während seines Aufenthalts in Namibia mit der stellvertretenden Premierministerin Libertina Amathila und Herero-Chief Kuaima Riruako. Thema der Gespräche waren unter anderem die Konsequenzen des Völkermordes: Nach der Niederwerfung der Herero 1904 konnte die totale Kontrolle des Deutschen Kaiserreichs über Südwestafrika und die Umwandlung des »Schutzgebietes« in eine Kolonie vollzogen werden. Die Herero hingegen, einst die ökonomisch überlegene Gruppe im Zentrum der heutigen Republik Namibia, gingen als völlig enteignet und entwurzelt aus diesem Kolonialkrieg hervor. Ihre Kultur und soziale Ordnung waren zerstört. Die Überlebenden wurden von erfolgreichen Rinderzüchtern zu billigen Arbeitskräften degradiert. Der seit Mitte 2005 von der Bundesregierung angekündigten Versöhnungsinitiative, nach der mit 20 Millionen Euro besonders die betroffenen Gesellschaften unterstützt werden sollen, steht Aydin ablehnend gegenüber. »Deutschland wird damit seiner historischen Verantwortung nicht gerecht«, erklärte er. Zum einen sei diese Vereinbarung in einer paternalistischen Art und Weise einseitig von der Bundesregierung verkündet worden. Zum anderen trage sie den Forderungen der Herero nach einer entsprechenden Entschädigung keine Rechnung. Im Gegenteil sei diese Versöhnungsinitiative von vielen der betroffenen Herero und Nama geradezu als Affront aufgefasst worden, so Aydin weiter. Dabei gehen die Vorstellungen des Linksparteiabgeordneten in eine ganz ähnliche Richtung wie die von Wieczorek-Zeul. Es kann um keine kurzlebige Bargeldvergütung gehen, sondern es müsse sich bei einer Entschädigung um Entwicklungsprojekte handeln, erläuterte Aydin. Mehrere traditionelle Führer der Herero, mit denen er gesprochen habe, hätten diese Meinung sogar geteilt. Im Unterschied zu Wieczorek-Zoll sieht Aydin jedoch den einzig gangbaren Weg zur Wiedergutmachung in Verhandlungen zwischen Namibia und der Bundesregierung: »Ich denke, dass in Deutschland eine offizielle Anerkennung des Völkermordes überfällig ist. Ebenso erachte ich es für notwendig, dass endlich die Bereitschaft zur Leistun...

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