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Kein Glaube. Kein Dogma. Kein Kanon.

Ein Streit um die Bedeutung des Alten Testaments zeigt die Grenzen der »wissenschaftlichen« Theologie auf

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Muss das Alte Testament für Christen zum biblischen Kanon gehören? Notger Slenczka, Theologieprofessor in Berlin, plädiert für eine »Entheiligung« und handelt sich den Verdacht des Antijudaismus ein.

Ließ der Höchste »seine Stimme erschallen mit Hagel und Blitzen«, wie es Psalm 18 verheißt? Steckte er gar hinter dem tückischen Tornado, der diese Woche die mecklenburgische Kleinstadt Bützow anderthalb Jahrhunderte nach literarischer Publizität (Wilhelm Raabe, »Die Gänse von Bützow«) ins Zentrum medialer Kundgabe peitschte? Immerhin gehören die insgesamt 150 Psalmen zu jenem Teil der Bibel, den ein häretischer Hochschultheologe angeblich »infrage stellen«, »einfach herauskürzen«, »verbannen«, gar »abschaffen« will. So jedenfalls einige der vollmundigen Vokabeln, mit denen die Positionen von Notger Slenczka (55), Professor für Systematische Theologie an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin, in den Medien markiert wurden.

Nun ist, was für Gottes Mühlen gilt, auch denen seiner Kirche - sei sie katholisch, evangelisch, orthodox oder sonst wie verfasst - eigen: Sie mahlen halt sehr langsam. So kommt es, dass der Vortrag »Die Kirche und das Alte Testament«, den Slenczka 2013 hielt und selben Jahres in einem Sammelband publizierte, erst jetzt eine öffentliche Skandalisierung erfuhr.

Da es eine oberste Glaubensbehörde, wie sie dem Papst seit Inquisitionszeiten solide zuarbeitet, in der evangelischen Kirche nicht gibt, erfolgte die Aufdeckung in klassisch dezentraler Manier: Der hessische Pfarrer Friedhelm Pieper, Evangelischer Präsident des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, zeigte in einer Stellungnahme einen »handfesten theologischen Skandal im gegenwärtigen deutschen Protestantismus« an. Slenczka verlasse mit seinen Ansichten einen »Grundkonsens christlicher Theologie«.

Die Position, gegen die das großkalibrige Geschütz aufgefahren wurde: Slenczka vertritt in seinem Aufsatz die These, dass das Alte Testament in der Kirche keine »kanonische Geltung« haben sollte und auch faktisch nicht hat, sondern den Apokryphen gleichzustellen sei - jenen religiösen Dokumenten, die nicht zu den »heiligen Schriften« gehören.

Zweifellos eine »steile These«, wie der protestantische Theologe Friedrich Wilhelm Graf konzedierte. Deren politische Brisanz erstrangig aus dem Verdacht erwächst, Slenczka wolle mit einer theologischen Umwidmung des Alten Testaments, also der Hebräischen Bibel als der religiösen Basisschrift des Judentums, das jüdische historisch-theologische Erbe des Christentums abwerten.

Nur vor einem solchen Hintergrund haben theologische Spitzfindigkeiten, die sonst allenfalls akademische Gemüter erhitzen, überhaupt eine Chance, vor ein Massenpublikum gebracht zu werden. In einem Gespräch von Deutschlandradio Kultur mit dem jüdischen Publizisten Micha Brumlik stellte der Moderator denn auch die obligate Frage nach »Parallelen zu den öffentlich geförderten Bestrebungen mancher Theologen in der NS-Zeit, die jüdische Seite des Christentums zu tilgen«. Diese Parallelen gebe es leider, bestätigte Brumlik. Und er verwies auf einen von den Nazis missbrauchten »Mann namens Marcion, der dann auch aus der Kirche verstoßen wurde, weil er als einzige Schrift des Christentums nur einige Paulus-Briefe und das Lukas-Evangelium gelten lassen wollte«.

Marcion wirkte Mitte des 2. Jahrhunderts zunächst in Roms Christengemeinde, überwarf sich dann jedoch mit ihr und wollte anschließend eine eigene Kirche gründen. Seine Ablehnung des Alten Testaments hatte indes keine antijudaistischen Motive, sondern entsprang dem Wunsch, den Gott der Liebe, wie er sich in Jesus offenbart hatte, von den theologischen Spannungen mit dem jähzornigen Jahwe zu lösen. Gott ist schließlich kein Unmensch, mag sich Marcion gedacht haben. Ein Versuch, der zwar viele Anhänger fand, aber letztlich scheiterte.

Als der Marburger evangelische Theologe Jörg Lauster kürzlich seine fulminante Kulturgeschichte des Christentums »Die Verzauberung der Welt«* veröffentlichte, war der Streit um Slenczka noch nicht in Sicht. Doch wirken Abschnitte in Lausters Buch, als wären sie eigens zu diesem Anlass verfasst worden. »Man muss«, schreibt er, »das zeigt schon Marcion, kein Antijudaist geschweige denn ein Antisemit sein, um die Frage aufzuwerfen, welche Rolle das Alte Testament für das Christentum spielt. In der Neuzeit haben vor allem protestantische Theologen von Schleiermacher bis Harnack das Problem erneut zur Diskussion gestellt. Eine Generation später missbrauchten nationalsozialistische Theologen Marcion für ihre antisemitische Ideologie und brachten so die Frage, die Harnack umgetrieben hatte, für lange Zeit zum Verstummen. Beantwortet ist sie dadurch nicht.«

Nun hat Notger Slenczka diese Frage erneut aufgeworfen. Und zwar mit ausdrücklichem Bezug auf den evangelischen Theologen Adolf von Harnack (1851-1930), der vorschlug, das Alte Testament solle in der Kirche keine kanonische Geltung mehr haben.

Eine Intention, die, wie Lauster zeigt, durchaus diametral zum Vorwurf des Antijudaismus gesehen werden kann: »Der Anspruch, die jüdischen Schriften seien als Hebräische Bibel oder Erstes Testament Bestandteile der christlichen Bibel, ist vermessen, denn er raubt dem Judentum das Recht, seine heiligen Schriften im Sinne des Judentums zu lesen und zu verstehen.«

Was passiert nun eigentlich, »wenn man sagt, dass das AT nicht kanonisch ist, sondern, wie Harnack sagt, den Apokryphen gleichzustellen ist«? Slenczka stellt und beantwortet diese Frage auf seiner Website. Zuallererst: Das Alte Testament wird weder »verbannt« noch »abgeschafft«. »Es wird«, so der Theologe, »niemals eine Bibel ohne das AT geben.« Denn: »Es ist die religionsgeschichtliche Voraussetzung und die Sprachwelt, in der die ersten Gemeinden leben, ihre Gotteserfahrung formuliert sehen und die Neubestimmung der Gotteserfahrung aussprechen, die ihnen durch Jesus von Nazareth zuteil wird.« Allerdings »werden die Texte vom christlichen Glauben her, vom Evangelium in Christus her neu gelesen und als dessen Ausdruck verwendet, also anders verwendet, als sie vom Judentum gelesen werden«.

Mittlerweile gibt es diverse Wortmeldungen: distanzierende Stellungnahmen, Appelle zur Mäßigung, Forderungen nach wissenschaftlicher Klärung. Nun ist Letzteres in Sachen Theologie, mithin der »Lehre von Gott«, nicht ganz so einfach. Schließlich sollten sich Wissenschaft, Forschung und Lehre unter anderem dadurch auszeichnen, dass ihnen nichts »heilig« ist. Kein Glaube. Kein Dogma. Kein Kanon. Theologie, ob katholisch oder protestantisch, die in Deutschland an staatlichen Lehranstalten unter Ägide und Kontrolle der christlichen Großkirchen praktiziert wird, scheitert an solcher Forderung. Insofern ist die Feststellung der Vizepräsidentin der Lutherischen Generalsynode, Jacqueline Barraud-Volk, in der Slenczka-Debatte, die wissenschaftliche Theologie sei frei und auf diesen Freiraum angewiesen, sympathisch, aber sinnlos. »Wissenschaftliche Theologie« ist ein (ungewolltes) Oxymoron, also ein aus sich einander widersprechenden Begriffen gebildetes Konstrukt.

Das musste zum Beispiel Gerd Lüdemann (geboren 1946) erfahren. Der damalige Professor an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Göttingen erregte Mitte der 90er Jahre mit seiner demonstrativen Zurückweisung des Dogmas von der leiblichen Auferstehung Jesu die Aufmerksamkeit der Medienöffentlichkeit und den Unmut der Kirchenfunktionäre. 1998 erschien sein Buch »Der große Betrug - Und was Jesus wirklich sagte und tat«. Der daraufhin von der evangelischen Kirche geforderten Entlassung aus dem Staatsdienst respektive Entfernung von der Fakultät kam die Universität zwar nicht nach, entzog ihm aber die Prüfungsberechtigung und strich Fördermittel. Dagegen ging Lüdemann bis vor das Bundesverfassungsgericht, das dann 2008 seine Beschwerde endgültig zurückwies.

Lüdemann ist auch Autor des Buches »Altes Testament und christliche Kirche« und kommt unter Verweis auf die historisch-kritische Bibelforschung zu einem weit drastischeren Urteil als Slenczka, was die Beziehung zwischen Altem und Neuem Testament betrifft. »Das Verhältnis des Alten zum Neuen Testament ist wissenschaftlich weder als Erfüllung des Alten Testaments im Neuen zu verstehen noch als Vorabbildung des Neuen Testaments im Alten, sondern ausschließlich als Abhängigkeit des Neuen Testaments vom Alten«, so Lüdemann zum Autor dieses Beitrags. »Juden betrachten das ›Alte Testament‹ daher zu Recht als ihnen gehörend. Dieser Befund wirft Licht auf die Tatsache, dass die christliche Mission in den meisten jüdischen Gemeinden von Anfang an scheiterte. Deren Mitglieder empfanden zu Recht Unverständnis, ja Empörung gegenüber dem christologischen Gebrauch ihrer eigenen heiligen Schrift durch die christlichen Theologen.« Der Göttinger Theologe geht noch weiter: »Das Neue Testament hat das Alte Testament in seinen Intentionen verfehlt und historisch missbraucht. Im Interesse besserer Kommunikation sollte die Theologie darüber ebenso aufklären, wie die Naturwissenschaft über die Unhaltbarkeit des ptolemäischen Weltbildes aufgeklärt hat.«

Der »handfeste theologische Skandal« hätte durchaus das Potenzial, eine spannende interreligiöse Debatte zu erzeugen. Angesichts von Meldungen, es gehe jetzt vor allem darum, von der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität Schaden abzuwenden, erscheint diese Option allerdings nicht sehr wahrscheinlich.

*Jörg Lauster: Die Verzauberung der Welt. Eine Kulturgeschichte des Christentums. C.H.Beck. 734 S., geb., 34 €.

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