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Das Warten auf die Stunde zwischen Hund und Wolf

Die europäische Finanzkrise und die griechische Mythologie.

  • Von Matthias Krauß
  • Lesedauer: 7 Min.

Zu den abenteuerlichsten Szenen der griechischen Mythologie gehört die Legende vom fürchterlichen Minotaurus, der die Griechen in grauer Vorzeit terrorisierte. Der Minotaurus war ein stierköpfiger Halbgott, gezeugt von Göttervater Zeus und der Europa. Dieses Monster konnte von den Griechen so lange Menschenopfer fordern, bis der Athener Held Theseus ihn zur Strecke brachte. Mit Hilfe des Ariadnefadens fand Theseus danach aus der dämonischen Wohnhöhle des Minotaurus heraus.

Mit Schaudern sieht der heutige Zeitgenosse, wohin Europas Politiker den Kontinent geführt haben. Politik und Wirtschaft sind nicht willens, die Ausplünderung breitester Schichten auch nur für einen Augenblick zu stoppen. Der Minotaurus, um im Bild zu bleiben, frisst. Vor allem den Griechen beißt er in den Nacken.

Die Botschaft der griechischen Mythologie ist so universell, dass Probleme und ihre Lösung darin vorgezeichnet sind. Man muss nur Augen haben, sie zu sehen. Ein Einbruch in die Gegenwart gelang dem Mythos zu allen Zeiten. Als Anfang der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts die türkische Flotte einen Sieg über die Griechen errang, ließ der türkische Admiral nach Ankara morsen: »Heute haben wir Hektor gerächt.« Hektor war der Held der Trojaner, der vom Griechen Achilles der Sage nach bezwungen worden war.

Was aber kann ein Mythos überhaupt in der Gegenwart leisten? Mythen besitzen keinen verbindlichen Gehalt mehr, der Umgang mit ihnen kann spielerisch sein. Was sie seit Menschengedenken am Leben erhält, ist das immerwährende Bedürfnis des Menschen nach Phantastischem und Sinnbildlichem. So ist nur eine Frage der Bildung und des Blickwinkels, inwieweit das mythische Drama ein gegenwärtiges Kostüm trägt.

Im konkreten Beispiel: Wenn auch der eine oder andere Grieche im Ministerpräsidenten Alexis Tsipras den neuen Helden Theseus erblicken mag, der den Minotaurus zur Strecke bringt: Stimmig ist das nicht. Tsipras hat nicht dessen Kampfeswillen. Die Sicht dieses Ministerpräsidenten auf den Vorgang ist nicht so verschieden von der seiner Gegenüber. Auf das konkrete Problem übertragen: Wenn Europas Steuerzahler die griechischen Schulden übernehmen, wäre damit der Minotaurus noch nicht besiegt. Der Kreis der von ihm Terrorisierten würde sich lediglich vergrößern.

Was die Troika verlangt, ist, Geld in ein Fass ohne Boden zu schütten. Die Griechen bekommen eine Hilfe, von der sie selbst nicht das Geringste haben und die zu nichts anderen führt, als das Land noch fester zu knebeln und von weiteren diabolischen Hilfen abhängig zu machen. Allein Griechenlands Gläubiger profitieren von diesen sogenannten Hilfen, weil der europäische Steuerzahler ihnen auf diese Weise die windigsten Finanzdeals verzinst. Das Befüllen aber eines Fasses ohne Boden war in der griechischen Mythologie Gegenstand der Danaidenarbeit. Die 50 Töchter des Danaos mussten auf diese schreckliche Weise in Ewigkeit die Tatsache büßen, dass sie allesamt in der Hochzeitsnacht ihre Ehemänner abgeschlachtet hatten. Sisyphos hat den Totengott an der Arbeit gehindert und muss zur Strafe in alle Ewigkeit einen Stein den Berg hinaufstemmen, der dort niemals ankommen wird. Sie alle büßten Verbrechen mit ewig zwecklosem Tun. Aber wofür büßt die griechische Mindestrentnerin?

Bleibt die heutige Frage nach dem Wie und dem Faden, der aus dem Labyrinth der politischen und Finanzbeziehungen herausführt. Worin heute das eigentliche Problem überhaupt besteht, ist umstritten. Haben »die Griechen« die hohe Verschuldung erzeugt, für die sie nun haften, oder vielleicht doch eine infame Troika, bestehend aus Politik, Wirtschaft, Banken und einer EU-Bürokratie, die all dies Treiben ermöglichte und immer nur weggesehen hat. Griechenland zahlt und erhält Überlebenshilfen, so wie ein Galeerensklave allein aus dem Grund ernährt wird, dass er weiter rudern kann. Nie aber bedeutet diese Zufuhr, dass er seinen Status als Sklave verbessert.

Friedrich Schiller lässt in seinem Poem »Aeneis« den apollinischen Priester Laokoon angesichts des Trojanischen Pferdes warnen: »Die Griechen fürchte ich, und doppelt, wenn sie schenken.« Mal abgesehen davon, dass dieser Satz beweist, dass der griechischste Gott aller Götter, also Apollo, im Trojanischen Krieg noch auf der Gegenseite gekämpft hatte: Heute sind es ja angeblich die Griechen, die »Geschenke« der EZB erhalten, aber auch das sind natürlich die sprichwörtlichen Danaergeschenke, also Gaben, die - ähnlich dem Trojanischen Pferd - das Land am Abgrund halten statt es davon wegzureißen.

Die Griechen und ihre Geisteswelt konnten in Deutschland seit Jahrhunderten einen besonderen Platz beanspruchen. Weil ihre Mythologie, ihre Götter- und Sagenwelt, zum bürgerlich-geistigen Wissensfundament gehörte. In neuerer Zeit kam dann noch ein Griechenland als »Wiege der Demokratie« hinzu. Für Idealisierung indessen besteht wenig Anlass, denn die griechische Sklavenhalterdemokratie gestand allenfalls einem Viertel ihrer Einwohner politische Rechte zu. Als heutiges Vorbild taugt das bedingt bis gar nicht. Und ein Mann wie Aristoteles durfte niemals wählen.

Goethe und Schiller taten das Ihre, um den griechischen Mythos in deutschen Klassenzimmern lebendig zu erhalten. Sie belieferten die deutsche Geisteswelt mit Zitaten, die in Deutschland zu denken gaben. Vor allem aber der Archäologe Johann Joachim Winckelmann mit seiner Deutung des Griechentums als »edler Einfalt, stiller Größe« verklebte die Hirne von Generationen von Gymnasiallehrern und -schülern. Nicht weil dem im »klassischen Altertum« so gewesen wäre, sondern weil er die deutsche Aufklärung und die Klassik »dort verwirklicht wähnte, worauf Sehnen und Hoffen sich richtete«, schrieb der DDR-Mythenforscher Fritz Jürß (Humboldt-Universität).

Seit Jahren wird angeblich die Finanzkrise gelöst, obwohl keine Maßnahme eine Lösung darstellt. Selbst Bundeskanzlerin Merkel betrachtet die Krise keineswegs als beseitigt. Aus dem Blickwinkel der griechischen Mythologie sind schwungvolle Lösungen ohnehin mit Vorsicht zu genießen, sie lässt offen, ob »Lösungen« das Verhängnis für Mensch und Gesellschaft überhaupt abwenden können. Ihr zeitloser Kunstgriff besteht darin zu zeigen, dass genau die Mittel zur Abwehr des fürchterlichen Schicksals diejenigen sind, die zielsicher zu seiner Erfüllung führen.

Eine wirkliche Lösung des Problems wäre demnach immer selbst problematisch, sie ist sinnbildlich angesiedelt in einer Zeit, als die Legenden schon einen geschichtlichen Hintergrund besaßen. Alexander der Große stand auf seinem Eroberungszug einmal einem verwickelten Problem gegenüber. Der Streitwagen des phrygischen Königs Gordios war so kunstfertig mit Stricken befestigt worden, dass niemand ihn abbinden konnte. Alle rätselten, keiner fand die Lösung. Alexander zog sein Schwert und hieb die Stricke einfach durch. Das war die Lösung des Gordischen Knotens. Es lohnt sich, den Vorgang zu durchdenken: Alexander hat das Problem als solches nämlich nicht gelöst, sondern beseitigt. Voraussetzung war, dass er es als solches nicht anerkannte. Ein Vorbild? Warum nicht? Das Problem, wie die EU es darstellt, dürfte so nicht akzeptiert werden. Und auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil.

Wann ist die Stunde dieser Erkenntnis da? Wann, um es mit Marx zu sagen, können versteinerte Verhältnisse zum Tanzen gebracht werden? In der griechischen Mythologie war die Trägerin der Weisheit die Eule der Minerva (der Athene). Erkenntnis leuchtete immer dann auf, wenn sie zum Flug ansetzte. Wann aber geschieht das? Es geschieht nicht am Tag und nicht in der Nacht. Es geschieht in der Dämmerung: Erst wenn die Zeiten zur Veränderung drängen, ist die Stunde der Erkenntnis da. Einsicht ist nur im Übergang zu erwarten. Die Franzosen nennen es die Stunde zwischen Hund und Wolf.

Wird gerecht sein, was dann als Befreiung abläuft? Laut griechischer Tragödie nur sehr bedingt. Die Interessen der EU-Bürger stehen jenen der Wirtschaft entgegen wie Antigone dem König Kreon. Natürlich, Antigone verteidigt das Prinzip der Menschlichkeit auch im Akt der drohenden eigenen Vernichtung gegen die böse königliche Macht. Aber auch das, was König Kreon vertritt, stellt ein sittliches Prinzip dar. Die Staatsraison ist das ebenfalls. Und eine ungerechte Macht ist aus der Perspektive der meisten Einwohner immer noch besser als gar keine. »Ich kann eher eine Ungerechtigkeit ertragen als eine Unordnung«, rief Goethe vom Berg seines Kontostandes herab. Die meisten Menschen in der EU wollen keinem goldenen Kalb dienen, das längst schon die Form eines Stiers angenommen hat. Die Finanzwirtschaft aber pocht auf »Pacta sunt servanda« (Verträge gelten) als der Grundlage aller Rechtsbeziehungen. Wenn die aufhört zu gelten, gilt möglicherweise bald gar nichts mehr.

So bleibt die Menschheit weiter auf der Suche nach den »Inseln der Seligen«, die dem Mythos zufolge das Elysium darstellen, »wo ruhiges Leben die Menschen immer beglückt«. Die »Inseln der Seligen« liegen fern der Menschen und der so menschlichen Götter. Es sind die Wohnorte der Heroen. Man würde heute einem Herakles oder einem Alexander eine Chance geben wollen. Aber die sind nicht in Sicht.

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