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Eine größere Familie macht Buntbarsche sozialer

Jungfische lernen besser, später als Erwachsene mit Artgenossen klarzukommen, wenn sie in einer größeren sozialen Gruppe aufwachsen.

Wenn Buntbarsche auch nur Menschen wären, könnte man von einer neuen Tierstudie auf die Prägung des menschlichen Sozialverhaltens in der Kindheit schließen - aber das wäre dann doch etwas zu kühn. Jedenfalls haben die Berner Verhaltensökologin Barbara Taborsky und der früher ebenfalls in Bern tätige Zoologe Stefan Fischer von der Universität Cambridge das Gruppenverhalten einer sehr familiären Buntbarsch-Art untersucht, die den beneidenswerten Namen »Prinzessin vom Tanganjikasee« (Neolamprologus pulcher) trägt und nur dort, in Afrikas zweitgrößtem See, vorkommt.

Die äußerst soziale Fischart lebt in Gruppen mit klar verteilten Aufgaben und darf wie der Mensch als sogenannter kooperativer Brüter gelten. Bei solchen Tieren teilen sich die Eltern die Brutpflege und die Aufzucht der Jungen mit anderen ausgewachsenen Individuen, die verwandt mit ihnen sein können, aber nicht müssen. Auch beim untersuchten Buntbarsch wird ein dominantes Brutpaar bei der Aufzucht der Larven und Jungfische von erwachsenen Gruppenmitgliedern unterstützt - zusammen ergibt sich daraus eine eng aufeinander bezogene Brutgruppe, eine Art Familie. Zum Beispiel putzen unterwürfige Helfer das Gelege einer dominanten Fischfrau.

Die Forscher hat interessiert, ob die Größe einer miteinander lebenden Fischgruppe Einfluss darauf hat, wie sozial und anpassungsfähig die darin aufwachsenden Fischjungen später sind. Denn für Tiere, die in Gruppen leben, kann es lebensentscheidend sein, wie gut sie ihr eigenes Verhalten auf das von anderen Gruppenmitgliedern abstimmen können. Doch ähnlich wie Menschenkinder müssen Jungtiere diese Fähigkeit erst einmal erlernen, und wie gut sie das schaffen, hängt offensichtlich stark von der Größe der prägenden Gruppe ab, in die sie schlüpfen oder hineingeboren werden.

Wegen ihres ausgeprägten Sozialverhaltens eignen sich die Buntbarsche vom Tanganjikasee gut als Modellorganismen, »um die Effekte der sozialen Früherfahrung auf das spätere Verhalten zu untersuchen«, sagt Stefan Fischer. Ihre hochsoziale Lebensweise benötige ein ausgefeiltes soziales Zusammenspiel: Gruppenmitglieder müssten angemessen auf Aggressionen größerer, dominanterer Tiere sowie auf die Unterwürfigkeit kleinerer Gruppenmitglieder reagieren. »Nur so entsteht eine stabile Gruppe mit wenig Aggression und lebensgefährlichen Kämpfen.«

Für ihre im Fachjournal »The American Naturalist« (DOI: 10.1086/ 681636) publizierte Studie haben Taborsky und Fischer junge Buntbarsche entweder mit drei oder mit neun erwachsenen Familienmitgliedern großgezogen, so wie es auch bei ihren Artgenossen im Tanganjikasee vorkommt. Nach zweimonatiger Aufzucht testete das Team, wie sich Tiere im Kontakt mit anderen Fischen verhielten, und vermaß im Anschluss die Größe verschiedener Gehirnareale, die das Gruppenverhalten beeinflussen.

Wie sich herausstellte, reagieren Barsche aus großen Familien in sozialen Interaktionen angepasster und deeskalierend. »Sie können so vermeiden, ausgestoßen oder verletzt zu werden - das ist in Gruppen ein entscheidender Vorteil«, urteilt Barbara Taborsky. »Je kleiner eine Familie, desto weniger entwickelten die Tiere soziale Fähigkeiten.« Solche Verhaltensunterschiede gehen ganz offensichtlich einher mit Größenänderungen in zentralen Gehirnarealen, ohne dass sich dadurch die Größe des Gesamthirns verändert. Steuerende Hirnteile wachsen oder schrumpfen demnach mit den jeweiligen Erfahrungen der jungen Fische.

Die Ergebnisse zeigen Taborsky zufolge generelle Prinzipien der Evolution des Sozialverhaltens wie auch der Ökologie auf: »Unsere Studie könnte unter anderem auf einen Mechanismus hinweisen, den man ›environmental matching‹ nennt.« Danach besitzen Tiere die Fertigkeit, sich schon früh an ihre jeweilige Umgebung anzupassen - was sinnvoll erscheint, weil die Natur quasi davon ausgeht, dass sie ausgewachsen unter ähnlichen Umweltbedingungen wie während ihrer Kindheit und Jugend überleben und sich fortpflanzen müssen.

Eine solche Umweltwirkung ist auch die Mitgliederzahl der sozialen Gruppe, in der sie mit anderen Tieren gut auskommen sollten. Vereinfacht ausgedrückt, heißt das laut Stefan Fischer: »Für Tiere, die in kleinen Gruppen aufwachsen, ist es wahrscheinlicher, dass sie auch als Erwachsene in kleinen Gruppen leben werden.« Und deshalb braucht ihr Sozialverhalten weniger raffiniert zu sein. Umgekehrt profitieren erwachsene Fische, die schon früh mit vielen anderen Artgenossen zurande kommen mussten, stärker von sozialen Fähigkeiten als weniger gut eingebundene Individuen - ein guter Grund, solche zu entwickeln.

Das alles klingt auch mit Blick auf die persönliche Entwicklung von Menschenkindern plausibel. Doch Stefan Fischer weist auf Nachfrage ausdrücklich darauf hin, dass es »unglaublich schwierig« sei, von Fischen auf Säugetiere und besonders den Menschen zu schließen. Ihm liegt daran klarzustellen, »dass unsere Ergebnisse wenig Schlüsse über den Menschen zulassen« - und schon gar nicht den, »dass Kinder aus kleinen Familien asozial sind«.

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