Werbung

Grausamer Guru

PERSONALIE

40 000 Militante in insgesamt sechs Ländern sollen das Heer des Gurus gebildet haben. Als ihn die Häscher vor genau 20 Jahren, am 16. Mai 1995, aufspürten, lag er verlassen und verdreckt in einem geheimen Gelass seines Stützpunktes in der japanischen Provinz Yamanashi.

Shoko Asahara, geboren 1955, war Anführer der Endzeitsekte Aum Shinrikyo, die knapp einen Monat vor seiner Festnahme den weltweit ersten Terroranschlag mit Giftgas verübt hatte. Mitglieder der bizarren Bande hatten in der Tokioter U-Bahn Sarin freigesetzt. 13 Menschen starben, Tausende wurden verletzt. Seit elf Jahren wartet der einst politisch und religiös ambitionierte Sektenführer auf die Vollstreckung des Todesurteils.

Die Motive des aus armen Verhältnissen kommenden, halb blinden Ex-Yogalehrers, in dem Tausende junger Menschen eine charismatische Vatergestalt sahen, brachte der jahrelange Prozess nicht ans Licht. Zu den politischen Peinlichkeiten zählt, dass es dem später in den Medien als Monster verdammten Asahara leicht fiel, in etablierten Zusammenhängen Furore zu machen.

In der Bundesrepublik Deutschland hatte der wirre Fanatiker gar deren damalige Hauptstadt Bonn zum europäischen Stützpunkt auserkoren, wie David E. Kaplan und Andrew G. Marshall in ihrem Buch »Aum. Eine Sekte greift nach der Welt« schrieben. Ende 1989 hatte der Heilsbringer am rheinischen Regierungssitz ein Büro eingerichtet. Es gab, so Kaplan/Marshall, immerhin »kleinere Treffen mit deutschen Politikern«. Weit erfolgreicher war Asahara demnach mit seinen Politkontakten Anfang der 90er in Russland. Er konnte auf Begegnungen mit dem damaligen Vizepräsidenten Alexander Ruzkoi, Parlamentschef Ruslan Chasbulatow und dem seinerzeitigen Sicherheitsratsvorsitzenden Oleg Lobow verweisen.

Sogar ein Vorbild für das Szenario der apokalyptischen Truppe gab es: Knapp 30 Jahre vor dem Tokioter Terrortrip hatte die US-Armee in der New Yorker U-Bahn einen angeblich gutartigen Heubazillus freigesetzt, um die Wirkung von B-Waffen zu simulieren.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln