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Supermond und Raumschiffklänge

Sophie Hunger präsentierte ihr neues Album im Heimathafen

Eineinhalb Jahre war die schweizer Künstlerin ununterbrochen auf Tournee. Danach verkroch sie sich für einige Zeit, um wieder zu sich selbst zu finden. Nun ist sie wieder zurück mit einem neuen Album.

Sie hatte die Nase voll. Nach einer schier endlosen Tournee und einer Viertelmillion verkaufter Platten wollte Sophie Hunger nur noch ihre Ruhe haben. Deshalb verkroch sich die Schweizer Musikerin letztes Jahr in San Francisco, wo sie erst mal drei Wochen brauchte, um ihren Biorhythmus wieder zu ordnen. »Ich war vorher anderthalb Jahre auf Tour gewesen. Mein erstes Ziel war also: nachts schlafen und drei Mahlzeiten am Tag«, erinnert sich die 32-Jährige, die es jedoch mit dem Nichtstun nicht lange aushielt. Bald kaufte sie sich eine Gitarre und lauschte auf musikalische Eingebungen.

Die kamen ihr zum Beispiel im Naturkundemuseum am Golden Gate Park. »Da wurde in einem 3D-Film gezeigt, wie Erde und Mond gleichzeitig entstanden, als ein Meteorit auf eine Gesteinsmasse flog. Der Mond ist also nicht etwas Fremdes, sondern ein Teil von uns«, erklärt Sophie Hunger, die ein Lied schrieb, in dem sie selbst als Mond zur Erde spricht. Der Song hat eine schweifende Melodie über einem pochenden Schlag - als würde ein Mikrofon im Brustkorb stecken.

»Supermoon« wurde zum Titelsong des neuen Albums, das Sophie Hunger am Donnerstag im Neuköllner Heimathafen vorstellte. Die komponierende sowie Gitarre und Klavier spielende Sängerin mischt hier sämtliche Genres, die in den letzten Jahrzehnten das Licht der Welt erblickten: von Rock, Blues und Folk bis hin zu Jazz und Chanson. In Sachen Text findet das Ganze auf Englisch, Französisch, Deutsch oder Schweizerdeutsch statt. Als Garnitur gibt es Farbtupfer von Trompete, Klarinette oder Mundharmonika.

Mal geht rhythmisch die Post ab, wie in dem dreckig über einem Gitarrenriff hingerotzten »Love is not the answer«. Dann wieder bringt die schmerzhaft inbrünstige Soul-Ballade »Die ganze Welt« den Fluss der Zeit zum Stillstand. Diese Mannigfaltigkeit wirkt nicht etwa beliebig, sondern wie das Resultat einer ungezügelten, versponnenen Phantasie. Ein schwärmender »Spiegel«-Autor verglich diese Musik gar mit einem Schweizer Kräuterbonbon.

Spinnt man die Analogie weiter, so übernehmen der melancholische Grundton und Hungers ungekünstelter, kehlig hauchender Gesang die Aufgabe der klebrigen Melasse, welche die Aromen zusammenhält. Als Verpackungspapierchen dient der psychedelische, außerirdisch anmutende Hall. Den verursachen Geoffrey Burton, der eine effektlastige Gitarre spielt, und Pianist Alexis Anérilles, der auch Elektronisches beisteuert. Weitere Mitglieder der versierten Band: Schlagzeuger Alberto Malo und Simon Gerber am Bass.

Das Zentrum der Bühne beherrscht Sophie Hunger, die zwischen Gitarre und einem Stutzflügel wechselt, den man aber nur an sehr leisen Stellen hört. Alle zusammen bieten eine solide, bodenständige Show ohne Mätzchen - ein wohltuender Unterschied zum ausufernden Superstar-Gehabe.

Für Sophie Hunger, die seit ein paar Monaten in Prenzlauer Berg lebt, ist der Auftritt ein Heimspiel. Allerdings bleibt auch Berlin nur eine Durchgangsstation, denn die Künstlerin hat nicht die Absicht, ihr nomadisches Dasein aufzugeben. »Mein Beruf führt dazu, dass ich nirgendwo zu Hause bin«, erklärt sie. »Es gibt doch dieses Bild vom Cowboy, der in den offenen Horizont reitet. Ich mache etwas Ähnliches.« Aber sie spürt auch, dass es Frauen ab dreißig nicht ohne weiteres zugestanden wird, abenteuerlustig und frei von Mann und Kind durch die Welt zu ziehen.

Das Unterwegssein reflektiert sie in dem unendlich wehmütigen Song »Queen Drifter«, der am Ende ihres Albums steht und unverhofft abbricht. Als sei Sophie Hunger schon wieder hinter dem Horizont verschwunden.

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