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Die Freiheit im Niemandsland

Das sächsische Schwarzenberg erinnert an die unbesetzte Zeit nach Kriegsende vor 70 Jahren

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Der Krieg war aus, doch es kamen keine Besatzer: Die Region Schwarzenberg blieb 1945 sechs Wochen lang unbesetzt. Bis zum Juni erinnert die Erzgebirgsstadt daran.

Schwarzenberg. Eine Fahne der »Freien Republik«, die von Schachfiguren in die Höhe gestemmt wird: Diese Skulptur hat Jörg Beier ins Zentrum einer Ausstellung gerückt, mit der die Künstlervereinigung »Zone« aus Schwarzenberg an ein spektakuläres Kapitel der Stadtgeschichte erinnert. Als das NS-Regime am 8. Mai 1945 kapituliert hatte, blieben Stadt und Amtshauptmannschaft Schwarzenberg unbesetzt - ein 2000 Quadratkilometer großes Gebiet im Westerzgebirge mit 300 000 Menschen, unter ihnen viele Flüchtlinge. Erst sechs Wochen später rückt die Rote Armee ein. Bis dahin lenkten »Antifaschistische Aktionsausschüsse« die Geschicke in den 21 Städten und Dörfern der Region - im »Niemandsland«, wie es bald hieß.

Die Skulptur von Beier stellt die Frage, wie eigenständig die Mitglieder der Ausschüsse handelten: »Waren sie nur Schachfiguren in der Geschichte, oder nutzten sie die unverhoffte Freiheit?« In der Stadt Schwarzenberg hatte sich ein Gremium aus fünf Männern und einer Frau, davon vier Kommunisten und zwei Sozialdemokraten, um die Versorgung mit Lebensmitteln zu kümmern; man gab eine Zeitung, Briefmarken und ab 18. Mai 1945 eigenes Geld heraus. Der Ausschuss inhaftierte aber auch den NS-Bürgermeister Ernst Rietzsch.

Die unbesetzte Zeit bot stets Stoff für Gedankenspiele. Der Schriftsteller Stefan Heym entwickelte 1984 in seinem Roman »Schwarzenberg« die Utopie einer Republik, die sich »auf befreitem Boden, aber ohne Druck von Seiten fremder Mächte« entwickelt und in der versucht wird, »Demokratie und Sozialismus miteinander zu verknüpfen«. Den DDR-Oberen passte der Ansatz nicht; das Buch erschien zunächst nur im Westen.

Beier und seine Künstlerfreunde knüpfen an diese Gedankenspiele an. Sie riefen einst die »Freie Republik Schwarzenberg« aus und druckten Pässe, auf deren Deckblatt der Europa symbolisierende Kreis goldener Sterne augenzwinkernd um eine kleine Fichte ergänzt wird: »Mit so einem Pass hat es mancher schon bis nach Indien geschafft«, sagt Beier. Derlei Aktivitäten sind keine Albernheiten. Sie sollen vielmehr den Blick auf den utopischen Gehalt der unbesetzten Zeit lenken: »Man kann lernen, wie Menschen die sich ihnen bietende Freiheit nutzen und nicht auf Fremdbestimmung warten.« Er sieht Parallelen zur anarchischen Zeit am Ende der DDR - und macht keinen Hehl daraus, dass auch die Gegenwart ein wenig politische Träumerei sehr gut vertragen könnte.

Indes: Das Festprogramm, mit dem in Schwarzenberg an 70 Jahre unbesetzte Zeit erinnert wird, ist deutlich bodenständiger; ein Symposium über politische Utopien, wie es Beier vorschwebte, gibt es nicht. Immerhin: In einem ehemaligen Lokschuppen führt das Theater Annaberg eine Adaption von Heyms Roman auf; es gibt Führungen in der Stadt, dazu Vorträge, Filmvorführungen und eine neu gestaltete Abteilung im Stadtmuseum. Am 20. Juni findet schließlich ein Fest statt, bei dem die Stadt symbolisch in vier Besatzungszonen und eine unbesetzte Zone rund um den Markt aufgeteilt wird. Es gibt Musik und nationale Gerichte der Alliierten; die Befreiung soll dabei in ausgelassen-heiterer Stimmung gefeiert werden.

Bei ähnlichem Anlass bekam Beier vor Jahren Ärger, weil mit einem Kübelwagen die Verhaftung des Bürgermeisters nachgestellt wurde. Eine Lokalhistorikerin stellte später in einem Buch die Episode als Beleg dafür dar, dass mit den Aktionsausschüssen gleich nach der braunen die »rote Diktatur« begonnen habe. Solche Stimmen sind kaum noch zu vernehmen - nicht zuletzt, weil inzwischen belegt ist, dass Rietzsch nicht kleinlicher Rache zum Opfer fiel. Dass ihn die Sowjets später hinrichteten, ging auf seine Beteiligung an der NS-Besatzung in Belarus zurück.

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