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Besuch aus Bautzen

Flüchtlinge und ehrenamtliche Helfer aus der sächsischen Provinz zu Gast in Berlin

Der Besuch einer Gruppe von Flüchtlingen und Helfern offenbart viel über die Zustände in der sächsischen Provinz und die Fehler des deutschen Asylsystems.

Besuchergruppen sind Alltag im Bundestag. Jeder Parlamentarier kann mindestens zweimal im Jahr eine Busladung Interessierter aus seinem Wahlkreis in die Hauptstadt einladen. Das Bundespresseamt übernimmt die anfallenden Kosten. Die Reisegruppen aus der Provinz bestehen oft aus älteren Menschen, die ihren Abgeordneten mal bei der Arbeit sehen wollen. Die bunte Gruppe aber, die da an einem Dienstagmorgen im Berliner Zentrum aus dem Bus steigt, ist anders: 35 Flüchtlinge aus dem Landkreis Bautzen, ehrenamtliche Helfer und ein paar Schüler. Sie sind hier auf Einladung der Bundestagsabgeordneten Caren Lay, die den Landkreis im Parlament für die LINKE vertritt. Bereits zum zweiten Mal hat sie Asylbewerber in die Hauptstadt geholt. »Es war nicht ganz einfach, die Bundestagsverwaltung zu überzeugen, aber letztendlich dürfen jetzt alle in den Reichstag«, erzählt Tino Wehner. Der junge Mann arbeitet im Wahlkreisbüro von Caren Lay und betreut die vielsprachige Gruppe auf ihrer Reise in die Hauptstadt. Die meisten sind zum ersten Mal in Berlin. Dementsprechend aufgekratzt sind die Teilnehmer. Der erste Programmpunkt hat es dann auch gleich in sich. Die Gruppe besucht die Dauerausstellung »Topografie des Terrors«, die auf dem Gelände des ehemaligen Gestapo-Hauptquartiers den Schrecken der Nazi-Herrschaft sichtbar macht. Viele der Flüchtlinge wirken überfordert. »Einige Syrer fühlten sich an die Folterkammern von Assad erinnert«, meint Tino Wehner später. Da es an Dolmetschern fehlt, die Zusammenhänge und Hintergründe erläutern, bleiben einige ratlos zurück.

Auch die drei Männer aus Indien und Pakistan setzen ihre Schritte mit Bedacht. So richtig verstehen sie nicht, was das Ganze soll. Die großen Schwarz-Weiß-Fotos, die Besuchern den NS-Terror vor Augen führen sollen, scheinen sie zu beunruhigen. Erst später, als die Männer beim gemeinsamen Mittagessen anfangen zu reden, wird klar, warum zumindest einer von ihnen sich an die Schrecken in seiner an die Heimat erinnert fühlt. Doch die Gruppe bleibt nicht lange in dem schlichten Zweckbau an der Niederkirchnerstraße.

Nächster Punkt auf der Tagesordnung ist der Besuch im Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit. »Eigentlich wollten wir ins Innenministerium, doch die haben uns abgesagt«, erklärt Tino Wehner. Das Innenressort habe sich mit Verweis auf den Umzug der Behörde in ein neues Gebäude entschuldigt. Vielleicht ist den Beamten der Besuch aus der Provinz auch unangenehm. Denn offiziell sollte der Umzug an diesem Dienstag längst vollzogen sein. Da das Ressort von Thomas de Maizière keine Gäste empfängt, besucht man stattdessen jenes Haus, das umgangssprachlich als Entwicklungshilfeministerium bekannt ist. Das Wort »Ministerium« macht Runde unter den Flüchtlingen und wird dabei andächtig in mehreren Sprachen geflüstert. Per Fahrstuhl geht es hoch in die zehnte Etage. Der Blick auf die Berliner Mitte ist beeindruckend. Erst recht für Menschen, die die letzten Monate in Hoyerswerda, Bautzen oder auf dem flachen Land verbrachten.

Der Referent des Ministeriums spult sein Standardprogramm für Besuchergruppen ab. Viele der Flüchtlinge sitzen verloren herum, sie verstehen weder Deutsch noch Englisch gut genug, um dem Vortrag folgen zu können. Als der Mann vom Ministerium die Gäste dazu einlädt, Fragen zu stellen, melden sich zumindest die mit Sprachkenntnissen. Ein Ingenieur aus Syrien, der mit seiner Familie über den Libanon ausreiste, beschwert sich, dass man die Qualifikation der Flüchtlinge ignoriere. Er als Spezialist aus der Erdölbranchehabe 20 Jahre im Ausland für Shell gearbeitet und hänge nun im kleinen Bautzen fest. »Da gibt es kein Öl, nicht einmal chemische Industrie.« Er würde gern woanders arbeiten, dürfe aber nicht. Der Frust sitzt tief, auch weil er sieben Monate auf einen Deutsch-Kurs warten musste. »Sie verschwenden Ihr Geld und unsere Zeit«, empört sich der Mann. Der Referent äußert Verständnis für die Sorgen und verweist auf den Umstand, dass sein Ministerium nicht zuständig sei.

Auch ein groß gewachsener Flüchtling aus Libyen meldet sich zu Wort. Er sei als Geschäftsmann nach Deutschland gekommen, als in seinem Heimatland der Bürgerkrieg ausbrach. »Ich konnte nicht zurück«, unterstreicht der bedächtig wirkende Mann mit tiefer Stimme. Man habe ihm hier Kreditkarte und Pass abgenommen. So wurde aus einem hofierten Gast des Exportvizeweltmeisters ein Flüchtling, den man an den Rand der Republik abgeschoben hat.

Auch für einen tunesischen Flüchtling gibt es zwei Deutschlands. Das erste lernte er vor ein paar Jahren bei einem Auslandssemester in Köln kennen. Freundlich, weltoffen, so wirkte dieses Deutschland damals, erzählt er. Dann kam er wieder - diesmal in die sächsische Provinz. Dort findet er keinen Job, obwohl Dolmetscher im Landkreis dringend gebraucht werden, wie er in gutem Deutsch erzählt. Doch er ist zum Nichtstun verdammt.

Hier im zehnten Stock wird klar, dass es den Flüchtling nicht gibt. Vielmehr sitzt hier eine Gruppe zusammen, deren einzelne Mitglieder so verschieden sind wie ihre Herkunftsländer. Und es wird auch klar, dass es nicht damit getan ist, die Menschen irgendwo zu parken und mit dem Lebensnotwendigen zu versorgen. »Meine Seele wird krank, weil ich hier nichts zu tun habe«, so ein syrischer Flüchtling. Monatelang sind die Menschen zum Nichtstun verdonnert, in einer Gegend, wo ihnen viele Einwohner feindselig gegenüber stehen. Der Königsteiner Schlüssel, nach dem Bund und Länder die Flüchtlinge im Land verteilen, ignoriert die Qualifikation der Asylbewerber ebenso wie die Arbeitsmarktsituation vor Ort oder die Gefährlichkeit der lokalen Neonazi-Szene.

Beim gemeinsamen Mittagessen in einem Restaurant unter den Berliner S-Bahn-Bögen berichtet der schüchterne Pakistani Noman, der in der Ausstellung zur Topografie des Terrors so verloren wirkte, dass er nur selten sein Zimmer in Hoyerswerda verlasse. »Wir trauen uns abends nicht hinaus«, sagt der hagere Mann mit den dichten Augenbrauen und schaut auf seinen Mitbewohner, einen Inder. Unter den älteren Einwohnern gebe es zwar viele, die grüßen würden. »Aber von den jungen Leuten sind 80 Prozent unfreundlich, teilweise richtig feindselig«, so Noman. Den Weg zum Supermarkt empfinde er manchmal wie einen Spießrutenlauf. Der Pakistani gehört zur religiösen Minderheit der Amadiyya. Die erst im 19. Jahrhundert gegründete Reformbewegung wird in Pakistan selbst von staatstragenden Muslimparteien verfolgt. Lynchjustiz und Terror gegen Angehörige der Minderheit sind an der Tagesordnung. »Unser Haus wurde mehrmals attackiert«, berichtet Noman. Sein Vater hatte nicht genug Geld für die Ausreise aller. Deshalb musste er Frau und Kinder zurücklassen. Mit jedem Tag in Hoyerswerda schwindet die Hoffnung, sie irgendwann nachholen zu können. Per Telefon hält er Kontakt in die Heimat. »Seit einer Woche ist die Nummer meiner Frau nicht mehr erreichbar.« Er stochert verlegen in seinem Salat und kommt zurück zum Thema Bautzen. Er wolle nicht missverstanden werden, schließlich gebe es dort auch viele Menschen, die ihnen helfen würden. »Aber ich würde gern woanders leben, etwa in Freiburg. Dort könnte ich in einem Restaurant arbeiten, die Zusage habe ich schon, doch ich muss in Hoyerswerda bleiben.«

Grit Maroske kennt seine Geschichte. Schließlich kümmert sich die energiegeladene Mittvierzigerin in Hoyerswerda ehrenamtlich um die Flüchtlinge und hat dabei einiges auf die Beine gestellt. Ihre Bürgerinitiative »Hoyerswerda hilft mit Herz« hat mehr als 120 Mitglieder und versucht, etwas Willkommenskultur in dieser abgehängten Ecke Deutschlands zu etablieren. »Bei uns in der Stadt gibt es viel Frust und Resignation«, sagt sie und klingt, als würde sie sich entschuldigen. In der DDR hätten die Bergleute hier die Republik mit Kohle und Strom versorgt. »Das machte sie stolz«. Doch die ehemalige sozialistische Vorzeigestadt hat seit der Wende fast die Hälfte der Einwohner verloren. Überall wurde Hoyerswerda »zurückgebaut«, wie der Abriss von nicht mehr benötigtem Wohnraum im neudeutschen Amtsjargon heißt.

Die Stadt muss sich zudem erst an die Asylbewerber gewöhnen. Seit den pogromartigen Ausschreitungen gegen ein Flüchtlingsheim im Jahre 1991 hat man es zwei Jahrzehnte lang vermieden, hier Schutzsuchende aus anderen Ländern unterzubringen. Im September 2013 kamen dann die ersten Asylbewerber. Die Einheimischen haben darauf reagiert: Grit Maroske zählt 36 Bürgerinitiativen gegen Flüchtlinge im Landkreis Bautzen - zu dem auch Hoyerswerda gehört. Die ehrenamtlichen Helfer versuchen dagegenzuhalten. Das sei nicht immer einfach, so Maroske. »Auch weil es keine Schulungen für unsere Mitstreiter gibt, dabei müssen wir oft auch Rechtsberatung leisten.« Vor allem bemühen sich die Ehrenamtlichen, die Flüchtlinge mit Einheimischen zusammenzubringen. Dass das funktionieren kann, zeigt eine Gruppe von Schülern aus Großröhrsdorf. Die Kinder durften auch mit nach Berlin, denn sie spielen regelmäßig Fußball mit Asylbewerbern. »Die guten, schönen Geschichten werden zu selten erzählt, auch weil die Medien sich lieber den Konflikten widmen«, meint Grit Maroske.

Am nächsten Tag ist die Gruppe zu Gast im Bundestag. Am Einlass gibt es nur kurz Probleme, weil einige Flüchtlinge nur provisorisch ausgestellte Dokumente besitzen. Doch schließlich sitzen alle im großen Plenarsaal, wo auch über ihr Schicksal entschieden wird. Aber heute ist kein Sitzungstag und so ist die Parlamentarierin Caren Lay die einzige Bundestagsabgeordnete, die die Flüchtlinge zu sehen bekommen. Beim gemeinsamen Treffen in einem Tagungsraum schütten viele ihr Herz aus. So erzählt eine Frau, dass sich die Ärzte in Bautzen weigerten, sie zu behandeln. Zwar ist die Ärzteversorgung in Südsachsen alles andere als optimal, so dass auch die Bautzener lange auf einen Termin beim Spezialisten warten müssen, allerdings, so die sichtlich erregte Frau, ging es hier um einen Besuch beim Kinderarzt.

Ein afghanischer Jugendlicher berichtet von seinen Erlebnissen in Bautzen. Dort würde man ihn regelmäßig beschimpfen und auch bedrängen. Die Polizei habe ihm gesagt, da könne sie nichts machen, schließlich sei dies nicht seine Heimat, berichtet er. Während er spricht und nervös auf seinem Stuhl hin und her rückt, rutschen die Ärmel seines T-Shirt hoch und geben den Blick frei auf Narben, die nicht von einem Unfall herrühren können.

Caran Lay weiß, dass es in ihrem Wahlkreis viele gewaltbereite Neonazis gibt. »Meine beiden Büros wurden 17 Mal angegriffen«, so die Parlamentarierin. In der Senfstadt treffen sich regelmäßig Rechtsradikale vor dem Flüchtlingsheim zu einer Mahnwache. Dabei tragen die jungen Männer Fackeln. Die Botschaft ist klar und wird von vielen Flüchtlingen auch so verstanden. »Wir dürfen den Nazis das Feld nicht überlassen«, unterstreicht Lay. Eben deshalb habe sie die Gruppe von Flüchtlingen und ehrenamtlichen Helfern nach Berlin eingeladen. Die Idee dahinter sei auch gewesen, dass sich die Ehrenamtlichen »kennenlernen und vernetzen«, so Lay. Tatsächlich werden Telefonnummern und E-Mails getauscht. Auch die Flüchtlinge, die hoffen, hier eine Vertretung gefunden zu haben, lassen ihre Kontaktdaten da. Dann geht es aufs Dach des Reichstages. Hier wartet bereits ein Fotograf und schießt das obligatorische Erinnerungsfoto. »Bitte Lächeln«, fordert er die Gruppe auf. Doch das Lächeln auf einigen der Gesichtern wirkt gefroren. Schließlich geht es gleich zurück in den Landkreis Bautzen.

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