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Abgestuftes Gruppenschnarchen

Die Jugendtheaterwerkstatt Spandau zeigte Nikolai Gogols »Tote Seelen« im Theater an der Parkaue

»In alle Figuren habe ich etwas von mir hereingetan und habe es dann vergrößert, bis ich erschrocken bin«, sagte Gogol einst über seinen Roman. Die Akteure der Jugendtheaterwerkstatt Spandau, die unter Leitung des mehrfach preisgekrönten Regisseurs Carlos Manuel eine Theaterfassung der »Toten Seelen« auf die Bühne im Theater an der Parkaue gebracht haben, suchen in ihrer Aufführung nicht die Nähe zu den Figuren, sondern die Distanz zu Gogols Parade der Spukgestalten. Schon der Beginn weist auf Absichten hin.

Schreiend, jauchzend und sich mit der Stimme überschlagend führen die Spieler unterschiedlichen Alters das Publikum in den Zuschauerraum, nachdem sie in Textsplittern das seltsame Gefährt des Helden Tschitschikow sowie dessen auffälliges Äußeres beschrieben haben. Drinnen wird ein aufwendiges Stahlgerüst, das in zwei verschiedenen Höhenebenen die Bühne umschließt, zum szenischen Schauplatz. Tschitschikows Weg zum Ereignisort wird in Textbruchstücken angedeutet, die auf verschiedene Spieler verteilt worden sind. Einen einzigen, durchgängig agierenden Helden wird es nicht geben, verschiedene Darsteller springen nacheinander in diese Rolle. Auch die Beschreibungen von Landschaften, Gutshäusern, Speiseplänen und Straßenzuständen werden auf gleiche Weise aufgeteilt.

Schon nach wenigen Minuten erfolgt ein umständlicher Umzug der Zuschauer auf die Hinterbühne. Dort sitzend, schauen sie auf einen riesigen Kegel frisch aufgeworfener Erde. Auf dem Kegel spielen die Kapitel 2 bis 6 des Romans, in denen der Held den wechselnden Gutsbesitzern das Besitzrecht an verstorbenen, aber in den Revisionslisten noch geführten leibeigenen Bauern abluchsen will, um es später zu Geld zu machen. Wenn auch bei Gogol die Figuren austauschbar sind, weil sie kaum unverwechselbares individuelles Profil gewinnen, so gelingt es dem Autor doch, die unterschiedlichen Verläufe der Verhandlungen, den überraschenden Wechsel von Überredung, Widerstand und taktischer Einigung ins Bild zu zwingen.

In Manuels Inszenierung werden einzelne Sätze herausgeschrien oder mit unverständlichen Arm- und Handbewegungen unterstrichen. Tschitschikow selbst muss zur Illustration eines bis zum Morgengrauen währenden Gelages beim Gouverneur an einer Stange des Bühnenaufbaus schwingen. Auf der Suche nach Spielmöglichkeiten für die an den Einzelszenen nicht beteiligten Spieler wird wiederholt die kollektive Illustration des Vorgangs eingesetzt. Hundegebell wird durch kollektives Wimmern und Jaulen erzeugt, Schnarchen von Herr und Diener durch vielfach abgestuftes Gruppenschnarchen. Ansätze individueller Gestaltung finden Kjell Pirschel, wenn er im herausfordernden Ton Preise in die Höhe treiben will oder Michael Schmidt, wenn er die Eigenschaften der verstorbenen Leibeigenen aus taktischen Gründen preist.

Im zweiten Teil treten dem Helden choreographisch geführte Gruppen gegenüber und lassen sich von einem Tanzlehrer zum entfesselten Kollektivtanz animieren. Auf der Suche nach dem richtigen Büro, in dem Verträge beglaubigt werden, unterwerfen sich die Prozessbeteiligten den Befehlen von uniformierten Staatsdienern und folgen denen Marionetten gleich im militärisch abgezirkelten Gruppentanz.

Auch im zweiten Teil sind Mittel abgefordert worden, die den künstlerischen Leistungsstand der Akteure deutlich überfordern. Augenscheinlich wird das in der Szene, in der sich die »angenehme Dame« mit der »in jeder Beziehung angenehmen Dame« über die Entlarvung Tschitschikows unterhält, eine Szene, die vielen als Vorbote des absurden Theaters gilt. Wie sie sich da unter Wahrung von Contenance gegenseitig Spitzen zuwerfen, ist ein »Fressen« für große Schauspielerinnen. Im Theater an der Parkaue stehen sich zwei junge Männer in Frauenkleidern gegenüber und übertreffen sich in kreischenden hohen Tönen.

Bei aller Achtung gegenüber der Spielfreude der Truppe - bei der nächsten Arbeit ist ihr eine glücklichere Hand bei der Stückwahl zu wünschen.

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