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Im Kino: »Welcome to Karastan« von Ben Hopkins

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In der Tragikomödie »Welcome to Karastan« glänzt Bob Hopkins als ewig scheiternder Londoner Regisseur, der für einen Diktator eines fiktiven Kaukasus-Staat einen Film dreht.

Hauptsache, dem Hund geht es gut. Auch wenn er teuer ist, weil ihm die Melancholie des Daseins kein bisschen auf den Appetit geschlagen ist. Wenn Emil Forester, fast noch junger Londoner Filmregisseur, der immerhin schon einen Oscar, wenn auch nur in der Sparte Kurzfilm, gewann, ehrlich zu sich ist (meistens ist er das nicht), muss er sich eingestehen: Es sieht nicht gut aus mit seiner Laufbahn als weltberühmter Regisseur.

Das sehen wir bereits am halb mitleidigen, halb verächtlichen Gesichtsausdruck seiner Putzfrau, die mit müder Stimme sagt, für dieses und das letzte Mal schulde er ihr noch vierzig Pfund und er antwortet wie abwesend, beim nächsten Mal könne er ihr zehn geben. Vielleicht. Ja, Emil Forester hat mit seinem kinematographischen Perfektionswahn schon mehrere Produzenten in den Ruin oder zumindest in die Verzweiflung getrieben. Es sieht wirklich nicht gut aus. Wenn er sich das klar macht, muss er sich sofort eine CD einlegen: »Schließen Sie die Augen. Atmen sie ruhiger.« Hilft aber auch nicht wirklich.

Wie dieser Film über einen Regisseur auf der Parkspur des Lebens (das alter Ego Ben Hopkins') von der ersten Szene an den mitleidlos lapidaren Gestus trifft, mit dem allein über die lächerliche Existenz eines Künstlers zu sprechen ist, der eine kinematographische Mission in sich spürt, die außer ihm aber keiner spürt, das sieht man mit großem Entzücken. Aber gar keiner, stimmt nicht. Denn eines Tages, kurz bevor der Strom wegen unbezahlter Rechnungen abgestellt werden soll, kommt ein Anruf vom Palchik-Filmfestival in Karastan. Woher bitte? Aber das ist jetzt auch egal. Wichtig ist einzig, dass die charmante Frauenstimme am Telefon ihn in die Kaukasus-Republik zu einer Retrospektive seines noch recht übersichtlichen Lebenswerks einladen will. Wobei »Republik«, nur im weiteren Sinne stimmt, im engeren ist der Präsident derjenige, der allein das Sagen im Lande hat, wobei man hier aber nicht gern von Diktatur spricht. Wichtig ist doch, dass Präsident Abashiliev, der vor seiner Präsident-von-Karastan-Karriere in England Public Relations studiert hat und von dorther auch Emil Foresters schmales Oeuvre kennt, das er bewundert, ihn nach Karastan einlädt. Man hat große Pläne mit ihm! Emil hat gerade keine großen Pläne, dafür einen Hund mit großem Appetit. Also, was tun, wenn man keine Wahl hat?

Regisseur Ben Hopkins (»Die neun Leben des Tomas Katz«) kennt sich aus mit den tristen Dingen des Lebens eines zur Kunst Berufenen, all die B- und C-Filmfestivals an Orten auf der Welt, die man noch nicht kannte und im Rückblick auch nicht unbedingt hätte kennen lernen müssen. Und schöner noch, er kann auch dieser bittersüßen West-Ost-Reise mehr abgewinnen als einen Blick in die schwarz eingeschrumpfte Künstlerseele, er hat einen Blick für Landschaft, Mentalität und Geschichte von Orten. Wobei das bereits eine überaus gefährliche Rhetorik ist, derer sich auch Präsident Abashiliev gern bedient. Denn der sucht jemanden, der einen guten Namen in der Filmwelt hat und trotzdem darauf angewiesen ist, für sein schäbiges Land einen Propagandafilm zu drehen. Matthew Macfadyen, Theaterschauspieler der Royal-Shakespeare Company und des British National Theaters, Hauptdarsteller zuletzt in Filmen wie »Robin Hood« und »Anna Karenina« ist als Mann auf verlorenem Posten auf skurrile Weise überzeugend. Panik wäre in allen bedrohlichen Lebenslagen der falsche Ratgeber, schließlich hat Emil Forester für einen Hund und eine Putzfrau zu sorgen, das verlangt Haltung!

Also das Nationalepos von Tanat! Das ist der urtümlich-wilde Befreier der Bergvölker, nach dem in Karastan auch ein Wodka benannt ist. Und Emil braucht gerade so einen Auftrag wie man ihm ihn hier offeriert: ohne finanzielles Limit! Wo bekommt man so etwas sonst noch zu hören?

Und ist es nicht bereichernd, einmal die Welt, wie sie sich außerhalb Londons darstellt, kennen zu lernen? »Warum sind hier so viele Panzer?« fragt er die ihm in Palchik zur Seite gestellte Assistentin Chulpan, nachdem er sich gerade erst bei der Einreise nach Karastan, wo man ein »Problem« mit seinem Pass konstatiert hatte, freikaufen musste. »Wir lieben Panzer«, bekommt er zur Antwort. An derartige Reden von Hofschranzen wird er sich noch gewöhnen müssen. Aber woran gewöhnt sich so ein hungerleidender Künstler bei Hofe nicht alles? Der Präsident ist überaus huldvoll zu ihm: »Sie sind ein Genie. Widersprechen Sie nicht. Wer widerspricht, wird erschossen.« So klare Regeln aber herrschen nicht überall in den Bergen, wo sich die Rebellen sammeln. Der Präsident will einen Film, der große Kunst ist, nicht nur billige Action. Es gibt auch einen Hauptdarsteller, Xan Butler, der mal bessere Tage in Hollywood gesehen hat und dessen Exzentrik sich inzwischen von Tag zu Tag mehr zu purem Wahnsinn auswächst.

Ben Hopkins ist mit »Welcome to Karastan« ein wahrhaft meisterlicher Film gelungen, in dem sich schwarze Komödie, die höhere Idiotie des sich zur Kunst in einer schäbigen Welt berufen Fühlendem mit dem präzisen Blick auf die postsowjetische Kaukasus-Welt verbindet. Diese ist ebenso lächerlich wie brutal. Gedreht wurde in Georgien, und oft bekam Ben Hopkins dort zu hören, bis vor wenigen Jahren sei es hier genauso zugegangen wie im Film. Korruption, Elend, Gewalt auf der einen und beharrlicher Erfindungsreichtum auf der anderen Seite. Eine Woche wurde auch in Frankfurt am Main gedreht, das war billiger als London.

Nachdem beim »Tanat«-Dreh die Komparsen nur mit vorgehaltener Maschinenpistole zugeführt wurden, sein Hauptdarsteller ihm auf mysteriöse Weise abhanden kommt, wächst Emil Forester so langsam wieder in seine Rolle als blindwütiger Imperator am Set hinein. »Ich hatte zwei Rosinenkekse und einen Kaffee bestellt. Und zwar schon vor einer halben Stunde!«, herrscht er seinen ihm zur Seite gestellten Assistenten an, einen Russen mit leider gutem Gedächtnis, wie sich noch zeigen wird.

Das Karastan-Nationalepos »Tanat« ist noch lange nicht fertig, da gibt es einen blutigen Aufstand im Lande und der Regisseur des Präsidenten kann gerade noch fliehen. In London angekommen, wirft er zuerst all seine Festivalauszeichnungen in den Müll, auch den Kurzfilm-Oscar. Schluss mit dem faulen Filmzauber! Er arbeitet nun in einem Laden für Handwerkerbedarf, wo er Kunden mit gebremster Leidenschaft die Vorzüge von Bohrmaschinen (längere Akku-Laufzeit oder stärkere Leistung?) auseinandersetzt. Da steht eines Tages Ex-Präsident Abashiliev vor ihm, mit weit ausgebreiteten Armen »Emil my friend!«. Vor Glück strahlend teilt er mit, er habe das Filmmaterial von »Tanat« retten können und alles vorbereitet, damit es weitergeht. Geht alles immer weiter?

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