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Das Aussitzen und seine Folgen

  • Von Roberto J. De Lapuente
  • Lesedauer: 3 Min.
Die Gewerkschaft der Lokomotivführer bewege sich keinen Zentimeter. So jedenfalls der Tenor der meisten Medien. Dass aber auch die Deutsche Bahn stur ist, erwähnen sie eher nicht. Das hat seine Gründe. Denn Aussitzen ist in diesem Land zu einer anerkannten Herrschaftsmentalität geworden.

Die Gewerkschaft der Lokomotivführer (GdL) lässt einfach nicht locker. Wie kann man nur so stur sein! Gut, die Deutsche Bahn legt dieselbe Haltung an den Tag. Und doch ist es nicht dasselbe. Denn was die Deutsche Bahn tut, ist etwas, was man in Merkel-Deutschland perfektioniert hat, wenn man für irgendwas verantwortlich ist: Man sitzt aus. Gnadenlos und ohne Hemmungen. Wird man unter Druck gesetzt, müsste man eigentlich reagieren und endlich aus dem Quark kommen, lehnt man sich zurück, verschränkt die Arme oder macht mit den Fingern eine Raute und sitzt und sitzt und – genau: sitzt. Außerdem sagt man nicht viel, wenn man so in der Gegend hockt. Man wird kleinlaut, redet nur das Nötigste. Und je mehr von einem erwartet wird, dass man sich zur Sache äußert, desto leiser und zurückhaltender, ja unsichtbarer wird man. Diskretion wird just dann zu einer Tugend, wenn man eigentlich auf die Bühne sollte.

Dieses Verhalten nimmt man im Merkelismus nicht als Ziel von Anfeindungen. Denn das Aussitzen ist zu einer anerkannten Mentalität der Herrschenden geworden. Zu einem Hochamt geradewegs. Man hat diesen möglichen Umgang mit einer Sachlage so verinnerlicht, dass man in der Öffentlichkeit schon vergessen zu haben scheint, dass Regieren oder Unternehmensführen auch mit Transparenz und Bewegung geschehen könnte. Aussitzen ist ein Lebensgefühl der Verantwortlichen geworden. So ein Moment, wo man die Füße wegstreckt und das Verantwortliche einfach ausblendet. Die Bundeskanzlerin macht das in so vielen Fällen vor. Sie ist da Perfektionistin. Und ihre Minister exerzieren es seit Jahren nach. Unternehmen, denen es an die Gurgel geht, haben von der Politik gelernt. Und die Deutsche Bahn macht jetzt nur, was in dieser Bundesrepublik mittlerweile zum guten Ton gehört.

Die GDL tut das übrigens nicht. Sie sitzt ihren Willen nicht aus. Denn Aussitzen ist etwas, was man sich leisten können muss. Was einem die Arroganz der Macht gewährt. Wer in keiner solchen Position ist, der sitzt nicht aus – der ist aufmüpfig und frech und hat seine gesellschaftliche Stellung vergessen. Das ist der feine Unterschied. Aussitzen ist ja keine Sit-in von Wutbürgern oder so. Aussitzen ist das Recht der Mächtigen und nicht etwa die schlechte Angewohnheit von Gewerkschaftern, die ihre Rolle im hiesigen System falsch interpretiert haben.

Das Aussitzen ist ein gut erkennbares Symptom des allgemeinen Stillstandes, der uns im Merkel-Deutschland ereilt hat. Die Botschaft des »Prinzip Merkel« lautete ja immer, dass man so weitermachen müsse. Keine Experimente bitteschön. Weiter im Programm. Auch wenn es gar keines gab. Selbst wenn man nicht mal genau wusste, worauf die Politik ihrer Kanzlerschaft hinauswollte. Einfach weiter so, dann wird es schon klappen und dann wird schon nichts schiefgehen. Aussitzen ist das Grundelement einer solchen Haltung. Es bewegt sich nichts mehr. Man fragt und antwortet nicht mehr. Verfällt in eine unerklärliche Starre und in einen Aktivismus, der einem vorschreibt, dass es weiter und immer (so und nicht anders) weitergehen soll – und falls sich dann doch mal Fragen auftun, die man beantwortet haben möchte, dann sitzt man es eben aus und wartet, bis die Öffentlichkeit wieder bereit ist, ohne weitere Störungen weiterzumachen. Denn wenn man lange genug auf seinem Arsch sitzt und die Lippen zusammenkneift, wird es schon irgendwie weitergehen.

Wer ein Land so regiert und damit auch noch die Grundhaltung einer ganzen Gesellschaft und Epoche beeinflusst, der nimmt Dynamiken ihren Schwung, macht das Land intransparent und schwerfällig, versetzt es in Narkose, untergräbt demokratische Elemente und macht den Stillstand zur Präambel einer Politik in Zeiten, da eigentlich Bewegung und neue Wege unbedingt notwendig wären.

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