Von Ismail Küpeli

Beschäftigte gegen ihre Gewerkschaft

Im türkischen Metallsektor toben Arbeitskämpfe

Dass Angestellte mit ihren Gewerkschaften unzufrieden sind, ist nicht selten. Dass daraus ein größerer Protest wird dann schon eher: So geschehen in der Türkei. Die Gewerkschaft ist zufrieden, die Arbeiter streiken weiter!

Die Tatsache, dass Arbeiter bisweilen über Tarifabschlüsse und die erzielten Lohnerhöhungen unzufrieden sind, ist meist Anlass, beim Feierabendbier auf die Chefs, die wirtschaftliche Lage und vielleicht die Gewerkschaften zu schimpfen. Selten wächst daraus mehr, wie gerade im Automobil- und Metallsektor der Türkei.

Am vorigen Freitag erfuhren die Beschäftigten im Renault-Werk in Bursa, auf welchen Kompromiss sich der Arbeitgeberverband im Metallsektor und Türk-Is, der größte Gewerkschaftsverband, in der Tarifrunde geeinigt hatten. Weil die erzielten Lohnerhöhungen unterhalb jener lagen, die in anderen Betrieben im Metallsektor erzielt wurden, gingen die Arbeiter nicht zurück an die Arbeit. Trotz Beschwichtigungsversuche der Türk-Is und Drohungen seitens der Unternehmensführung setzen sie weiter die Produktion aus. Als Reaktion auf die Haltung der Türk-Is folgten massenhafte Austritte aus der Gewerkschaft.

Inzwischen hat sich aus dem Arbeitskampf im Renault-Werk eine große Welle nicht-gewerkschaftlich organisierter Kämpfe in vielen Betrieben entwickelt. Schwerpunkt ist der Automobilsektor in Bursa - auch im Fiat/Tofas-Werk ist die Produktion seit dem Wochenende ausgesetzt. Die Beschäftigten haben das Werk de facto besetzt und zeigen sich nicht mehr bereit, Türk-Is als gewerkschaftliche Vertretung anzuerkennen. Auch in kleineren Betrieben wird gestreikt.

Die aus deutscher Perspektive ungewöhnliche Konstellation, dass Arbeiter sich gegen Gewerkschaften richten, lässt sich nur aus der spezifischen Situation in der Türkei heraus verstehen. Türk-Is und andere größere Gewerkschaften sind traditionell regierungskonform und setzen nicht auf offensive Arbeitskämpfe, um die Interesse der Arbeiter durchzusetzen, sondern auf Verhandlungen mit den Unternehmerverbänden. Ebenso agieren sie nur unzureichend gegen unsichere und lebensgefährliche Arbeitsverhältnisse wie im Bergbau- und Bausektor. Bei Unfällen sterben jährlich über tausend Beschäftigte, womit die Türkei auf Platz 3 auf der Liste der gefährlichsten Länder für Arbeiter liegt. Das Grubenunglück von Soma am 13. Mai 2014 mit über 300 getöteten Bergleuten ist nur das bekannteste Beispiel. Aus Sicht der Beschäftigten tragen Gewerkschaften wie Türk-Is eine Mitschuld, weil sie sich nicht gegenüber dem Staat und den Unternehmern für sichere Arbeitsverhältnisse einsetzen.

In den Automobilwerken in Bursa sind inzwischen vielerorts Arbeiterkomitees entstanden, die die Arbeitsniederlegungen selbstständig organisieren. Bisher hat Türk-Is es nicht geschafft, die Lage zu beruhigen. Es ist ebenso offen, ob linke Gewerkschaften wie die DISK es schaffen, die spontanen und selbstorganisierten Kämpfe unter ihr Dach zu bringen. So oder so haben die Arbeiter in Bursa gezeigt, dass sie immer noch für eine Überraschung gut sind.

Inzwischen haben sich die Arbeitskämpfe über Bursa hinaus ausgeweitet. In Kocaeli setzen die Ford-Otosan-Arbeiter ebenfalls die Produktion aus. Unterstützung kommt auch von außerhalb des Sektors, etwa von linken Sozialwissenschaftlern. Gleichzeitig wächst die staatliche Repression: So wurden am Mittwoch mehrere linke Journalisten und Gewerkschafter in Bursa festgenommen. Ihnen wird vorgeworfen, die Beschäftigten zum Kampf »aufzuwiegeln«. Zudem häufen sich Auseinandersetzungen zwischen den Arbeitern und der Polizei an den Werkstoren.

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