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Du bist raus

Ein Politiker, Sex mit einem Zimmermädchen und ein Becher gesellschaftspolitischer Schlummertrunk: Matthias Dell über den genderpolitisch dann doch erstaunlich offensiven Tatort »Roomservice«

Es ist, wenn man von Bedeutung und Tradition des »Tatort« sprechen will, leicht gesagt, dass die beliebte Krimireihe ein Teil bundesdeutscher Kulturgeschichte ist. Das ist sie naturgemäß schon deshalb, weil »Tatort« seit 45 Jahren geguckt wird.

Dass Zeitgeschichte im »Tatort« explizit aufbewahrt würde, kann man dagegen nicht behaupten: Über den Wandel in der Kultur gibt die Reihe nicht Auskunft dadurch, dass sie permanent die Nachrichten nachfiktionalisierte. Viel öfter lässt sich das, was sich geändert hat zwischen 1970 und heute, am standardisierten Nebenher erkennen, an der Darstellung der Beziehungen zwischen Männer und Frauen zum Beispiel.

Deshalb passt die Dominique-Strauss-Kahn-Variation, an der sich der Ludwigshafener Fall »Roomservice« (SWR-Redaktion: Melanie Wolber, Manfred Hattendorf) versucht, auch ins Bild. Denn in der Geschichte vom gefallenen IWF-Chef, der im New Yorker Hotel ein Zimmermädchen vergewaltigt haben soll und der aktuell das Urteil erwartet in einem Prozess, in dem ihm Zuhälterei vorgeworfen wird, geht es um das Verhältnis der Geschlechter.

Es hat im deutschen Fernsehen bereits im letzten Jahr einen Film dazu gegeben, »Männertreu« mit Matthias Brandt als Zeitungsverleger, der Bundespräsident werden soll. Obskurerweise wurde der Film von Hermine Huntgeburth (Regie) und Thea Dorn (Buch) gefeiert als Satire auf alles Mögliche (Politik, Medien, den Fall Dominique Gaston André Strauss-Kahn), nicht aber als das erkannt, was er eigentlich erzählt - die Wiedereinsetzung des alten Sacks als einzigem Abonnenten von Macht mit den Mitteln der Drolligkeit. Irgendwie müsste man darauf auch noch mal zu sprechen kommen, wie ein komplett revanchistischer Film einfach so durchgeht.

An dieser Stelle ist »Roomservice« also zu loben als die bessere Version der Dominique-Strauss-Kahn-Geschichte, auch wenn der »Tatort« dafür keinen Grimme-Preis gewinnen wird. Peter Sattmann spielt den hochrangigen Politiker Sattler, der Sex mit einem Zimmermädchen hat, das durchs Treppenhaus gestürzt als Mordopfer die Ermittlungen von Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) motiviert. Als Frau an seiner Seite taucht Suzanne von Borsody in der gleichen Rolle auf wie in »Männertreu«.

Das macht in dieser strengen Wiederholung sichtbar, wie öde die Rollen in der realen Welt scheinbar verteilt sind: Während die Dösbattel immerfort handeln dürfen und Schaden anrichten, gibt’s die Gattinnen nur, um den Dreck wegzumachen und zu ihnen zu halten in größter Not. (Auf die Idee, den Dominique-Strauss-Kahn-Fall als Emanzipationsgeschichte von Anne Sinclair zu erzählen, die sich nach anfänglicher Treue doch trennt, könnte man freilich auch kommen.)

»Roomservice« (Buch: Stefan Dähnert, Patrick Brunken) trägt seine Gender Issues erstaunlich offensiv vor; in das Ermittlerteam sind sie übersetzt als Streit um die Frauenquote. Wobei der »Tatort« sich als gesellschaftspolitischer Schlummertrunk einmal mehr konservativ gibt und den Gefälligkeitsfloskeln (»Gute Frauen brauchen keine Quote«) keine besseren Argumente gegenüberstellt. Denn natürlich ist es richtig, dass kein Mensch als Quotenmensch durchs Leben gehen will. Es ist aber auch richtig, dass kein Mensch auf eine Form von Teilhabe und Macht verzichten soll, nur weil er kein Mann ist.

Dass der »Tatort« aus seinen selbstreferenziellen Anspielungen - Frage an Lena Odenthal: »Würde’s ihnen gefallen, als Quotenfrau ihre Ermittlungen zu leiten?« - keinen Witz schlägt, deutet auf die Armut seiner Möglichkeiten. Für Ludwigshafener Verhältnisse ist der Film nicht schlecht; man muss ihn sich als Rohbau vorstellen.

Mit mehr Zeit und Feinsinn (Regie: Tim Trageser) wäre etwa das Spiel der housekeependen Schwester der Toten als Choreografie des Arbeitens im modernen Hotelwesen denkbar. Die Schwester (Nilam Farooq) erzählt zwar vom Druck, der gerade in der High-End-Hotellerie gerade auf den Leuten am unteren Ende der Hierarchie herrscht (und zeigt mit einem vom Gast hinterlassenen Fünf-Euro-Schein die Möglichkeit des Trinkgelds als Verbesserungspragmatismus auf), aber in die gemächlichen Bewegungen der Figur ist das rezitierte Wissen nicht eingewandert - der Professionalismus der Servicekraft ist nicht zu sehen.

Ein Frage, mit der man auf Stehpartys reüssieren kann:
»Können Sie im Gehen reden?«

Eine Feststellung, die man immer gebrauchen kann:
»Die schrecken vor nichts mehr zurück.«

Ein Satz, der in einer Joachim-Gauck-Rede zur Schule ging:
»Für viele ist das Hotel auch ein Stück Freiheit.«

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