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Die Menschlichkeit indes, sie siegt

Verdis »Ein Maskenball« am Volkstheater Rostock

Eine tolle Inszenierung. Ein Verdi, wie er leibt und lebt. Keine Sekunde Langeweile. Charakteristisch und deutlich wahrnehmbar das Statuarische der Aufführung. Kein Rauschen und maßlose Buntheit walten, kein gepeppter Aktionismus prangt, wozu sich Regisseure gern verleiten lassen, wohl aber Klarheit und soziale Genauigkeit. Inszenator Edward Dick verlässt sich löblicherweise ganz auf die Musik, die ist ja selber dramatisch genug, und er setzt zugleich auf ökonomische Lösungen.

Die Bühne markiert in knappen Strichen ein Kreisen und fiebrige Stimmungen. Meist grau, dunkel, kahl, genügt ihr ein winziger Tisch, ein Stuhl. Dem Üppigen der Musik gesellt sich nicht selten Leere. Edward Dick materialisiert das Undurchsichtige, die Gefährdungen der Gefühle und die Sackgassen der Liebe, indem er zeigt, wie verschlungen die Wege sind auf der Suche nach dem Glück und wie unerbittlich das Ersehnte den Protagonisten jedes Mal davonläuft. Klar wird: Höfische Gesetze, die Feinde jedweden hohen Glücks - wie Stolpersteine wirken sie - schreiben es so vor. Und gleichzeitig, dass jene Suche nicht endet, bevor die Schandtaten der Helden zur Erscheinung kommen und alle Liebe in einem Gemisch aus göttlichen Schwüren, Misstrauen, Irrtum, Kampf und Tod erstickt. Die Menschlichkeit indes, sie siegt in Verdis Dreiakter letztendlich, wenn auch nur in Resten.

Schön die Idee, Menschenkörper zwiefach hinzustellen, als Figuren, die singen, wie als Elemente des Inventars (Bühne und Kostüme Anna Eiermann). Stehen die Choristen, so stehen sie wie Säulen, die den Suchenden Schutz bieten. Auch die baumelnden Kugellampen sind Teil dieser Idee. Sie erhellen kaum, vielmehr markieren sie den nächtlichen Kampfplatz. Welche eine Spannung, wenn die Glühbirne pendelt, während sich unter ihr die herzzerreißendsten Arien und Duette abspielen.

Der Chor ist zwar geteilt in Höflinge und Rächer - hier bringt Verdi Kontrapunktik -, ihrem Wesen nach sind die Gruppen jedoch von gleichem Schrot. Der englische Adel hat Dreck am Stecken, Riccardo, der Amelia innig liebt, so sehr wie Renato, der Freund, der sie zur Ehefrau hat. Ungeheuerlich die Dramatik, die aus dieser Tripelspannung erwächst. Eine Verschwörung baut sich auf. Schwarzbetuchte, maskierte, bewaffnete Männer erscheinen, den Landraub des Grafen Riccardo zu rächen. Hingegen singt die Schar der Höflinge ihr scheinheilig Lied. Höhepunkt zuletzt der Ball, Gelegenheit für Riccardo, Amelia wiederzusehen, für Renato indes, rachetrunken, den Revolver blank zu ziehen. Die Geheimnisse unerfüllbarer Sehnsucht enthüllen sich auf diesem anonymen Fest. Wut- und tränenerfüllte Duette und Trios wechseln einander ab, bis der Schuss fällt, der Riccardo tötet, worauf das finale Lamento über Schuld und Unschuld beginnt.

Famos die sängerischen Leistungen. Stefan Bilz darf für sich in Anspruch nehmen, die Chöre (Opernchor und Mitglieder der Singakademie Rostock) fabelhaft einstudiert zu haben. Mit welcher Hingabe Jamila Raimbekova ihrer zerrissenen Amelia noch die innigsten, quälerischsten Nuancen abgewann, kann nur bewundert werden. Garrie Davislim, der emotiven kantablen Linie besonders zugetan, realisierte seinen liebessüchtigen, alles riskierenden Riccardo auf der Höhe tenoraler Leistungsfähigkeit. Um keinen Deut schlechter Johan Hyungbong als Renato, der Gehörnte, dessen Rachegelüste seinem Munde derart entfahren, als wäre er selber der Betroffene. Über alle Maßen wusste Theresa Grabner als Oskar, Diener des Riccardo, zu überzeugen. Eine der Rollen, die das Komödiantische der Oper am deutlichsten hervorkehrt. Die Grabner, Supertalent, ist ein Bündel von Agilität, darstellerisch wie stimmlich. Gegen den Schwarzen Block spielt sie - einfach grandios - ihre ganze Gewitztheit, Schlauheit und Tapferkeit aus. Anders komisch die Stimmlage der aus guten Gründen von den Blaublütlern frequentierten Wahrsagerin Ulrica. Kerstin Descher gab diese dunkel eingefärbte Rolle in ihrer vollen Absonderlichkeit. Nicht zuletzt bot sich das Hausorchester, die Norddeutsche Philharmonie Rostock unter Manfred Hermann Lehner, an dem Abend in hervorragender Verfassung dar. Der Löblichkeiten kein Ende. Wunderbar anzusehen nämlich auch die kunstvoll gestalteten Masken mit ihren Hörnern und Schnäbeln.

Insgesamt eine Arbeit, wie sie die großen Häuser in Berlin oder Dresden nicht besser machen können. Volk agierte nicht auf der Bühne des Volkstheaters. Unterklassen fehlen in Verdis »Maskenball«. Einzig Oskar verkörpert die Stimme des Volkes, in güldener Verkleidung, ewig schillernd und glitzernd, schnell wie eine kluge Ratte und mit einem Maul, das kaum zu halten ist. Das Publikum, niemand bestritte, dass es zum Volke gehört, spendete am Ende enthusiastisch Beifall.

Nächste Vorstellung: 29. Mai

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