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Das bittere Ende einer Legende

Die Uni Konstanz legt ein Gutachten zur SS-Karriere eines einst verehrten Professors vor

  • Von Holger Reile, Konstanz
  • Lesedauer: 4 Min.
In Konstanz (Baden-Württemberrg) machte sich Hans Robert Jauß einen Namen als Literaturtheoretiker, seine SchülerInnen verehrten ihn. Doch Jauß hatte eine finstere NS-Vergangenheit.

Für viele Jahre galt er als Vorzeigeprofessor der Universität Konstanz: Hans Robert Jauß (1921-97), weltweit bekannt als Romanist und Literaturwissenschaftler. Zwar wusste man schon in den späten 1970er Jahren um seine Mitgliedschaft bei der Waffen-SS, doch dies wurde in Konstanz lange heruntergespielt. Nun liegt eine wissenschaftliche Dokumentation vor, die das Denkmal Jauß vom Sockel holt.

Jauß hatte ab 1966 an der neu gegründeten Universität Konstanz gelehrt. Er war Mitbegründer der einflussreichen Forschungsgruppe Hermeneutik und Poetik. Sein Name ist eng verbunden mit der »Rezeptionsästhetik«, die das Verhältnis zwischen Leser und Werk in den Mittelpunkt stellt und die Literatur nicht isoliert betrachtet. Ein für damalige Zeiten revolutionärer Ansatz, der ihm den literaturwissenschaftlichen Durchbruch und internationale Anerkennung bescherte. Seine SchülerInnen verehrten Jauß.

Auslöser für die aktuelle Aufarbeitung des Falles Jauß durch die Universität war eine szenische Lesung zur NS-Vergangenheit des Professors im November 2014. Der Bühnenautor Gerd Zahner, im Hauptberuf Rechtsanwalt, sorgte mit ihr für viel Furore und heftige Diskussionen. Universitätsrektor Ulrich Rüdiger reagierte umgehend und beauftragte den Potsdamer Historiker Jens Westemeier mit weiteren Nachforschungen, um die Lücken in der Biografie von Jauß zu schließen. Westemeier durchforstete Archive, unter anderem auch in Tschechien, Polen und Serbien, in der vergangenen Woche trug er im Audimax der Universität vor rund 150 Interessierten eine Zusammenfassung seiner 138-Seiten-Dokumentation vor.

Jauß, so Westemeier, war »politisch hoch ideologisiert«. Er sei schon bei der Hitlerjugend durch seine »Führungsqualitäten« aufgefallen, rasch stieg er zum Oberjungzugführer auf. Im Alter von 17 Jahren trat Jauß der SS bei, drei Jahre später wurde er zum SS-Untersturmführer befördert. 1942 kämpfte er mit der Freiwilligen Legion Niederlande an der Ostfront und gehörte zur Heeresgruppe Nord, die über zwei Jahre Leningrad aushungerte, wobei über eine Million Leningrader ihr Leben verloren.

1947 erklärte Jauß bei seinem Spruchkammerverfahren, von den Vorgängen habe er damals nur »mitunter« etwas aus diversen Mitteilungsblättern erfahren, aber von durch die Waffen-SS verübten Kriegsverbrechen habe er nichts gewusst. Für den Einsatz vor Leningrad hatte er das von Hitler gestiftete Deutsche Kreuz in Gold und die Nahkampfspange in Bronze erhalten.

Hans Robert Jauß führte im Herbst 1943 eine Kompanie in Kroatien im sogenannten Partisanenkampf. Seine Gruppe war nachweislich beteiligt an Kriegsverbrechen gegen die Zivilbevölkerung. Vier Dörfer wurden niedergebrannt, Menschen starben, eine ganze Region wurde von der SS verwüstet und ausgeplündert. Eine individuelle Tatbeteiligung, beispielsweise bei Deportationen oder Massakern, erklärt der Historiker Westemeier, könne man Jauß zwar nicht nachweisen, »aber er hatte Führungsverantwortung, wusste, was geschah und war vorne mit dabei«. Noch vor Ort wurde der schneidige SS-Mann am 9. November 1943 zum Obersturmführer ernannt.

Im Mai 1944 folgte seine Versetzung an die Junkerschule nach Kienschlag bei Prag, wo er Chef der wallonisch-französischen Inspektion wurde. Seine Aufgabe bestand hauptsächlich darin, weltanschaulichen Unterricht zu erteilen und das nationalsozialistische Weltbild der ihm anvertrauten Junker zu formen und zu festigen. Bei seinen Vorgesetzten kam Jauß gut an, mit dem Resultat, dass er mit knapp 23 Jahren zum SS-Hauptsturmführer befördert wurde, was in diesem Alter nur ganz wenigen gelang. Eine Blitz- und Bilderbuchkarriere im NS-Staat.

Nach Kriegsende wollte sich Jauß im Herbst 1945 an der Bonner Universität immatrikulieren lassen, legte aber, so die Recherchen Westemeiers, »gefälschte Dokumente« vor. Er versuchte, seine SS-Zugehörigkeit zu verschleiern und »log hartnäckig«. Die Abschrift der Bestätigung des Rektors der Prager Universität vom März 1945, in der zu lesen war, dass Jauß zwei Semester dort studiert haben soll, war ebenfalls gefälscht, denn der Rektor hatte sich bereits im August 1944 das Leben genommen.

Im Dezember 1945 stellte sich Jauß den britischen Besatzungsbehörden und wurde interniert. 1947 verurteilte ihn eine Spruchkammer zu einer »Sühne« über 2000 Reichsmark, da er »Angehöriger einer verbrecherischen Organisation« gewesen sei. Westemeiers Fazit: Hans Robert Jauß »war kein normaler Soldat«, vielmehr »Mitglied einer Terrorgruppe«, stets »ein aktiver Führer« mit einer »stimmigen und stringenten SS-Karriere«. Alles andere käme einer unzulässigen Bagatellisierung gleich.

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