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Im Strudel der Gewalten

Im Kino: »Die Maisinsel« von George Ovashvili

  • Von Caroline M. Buck
  • Lesedauer: 4 Min.

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Er ist fruchtbar, dieser angeschwemmte kaukasische Erdklumpen mitten im Fluss. Der Geruch ist gut, die Farbe stimmt, die Krume zerbröselt genau richtig zwischen den Fingern. Und das Schwemmland ist gerade groß genug, um darauf eine Hütte zu errichten und ein Maisfeld anzulegen. Der Claim wird abgesteckt und mit einem Tuch markiert: Diese Insel habe ich zuerst gesehen, sie ist mein, bis Fluss und Regen sie im Herbst davonspülen werden. Dann macht der alte Mann sich daran, eine Hütte zu zimmern. Tag für Tag trägt das Ruderboot Bauholz und Nägel, Reetbündel für’s Dach und schließlich die Enkelin des Alten auf das Inselchen. Eine Hütte entsteht, wie sie karger nicht sein könnte. Der Mais wird ausgebracht, die Hütte bezogen. Die Enkelin bringt wenig mehr als missbilligende Blicke, eine Stoffpuppe und ein paar grüne Gummistiefel mit.

Für George Ovashvili ist »Die Maisinsel« erst der zweite lange Spielfilm in bald zwanzig Jahren Regie-Tätigkeit. Ein Regisseur hat es heutzutage nicht leicht in Georgien, da musste es lange bei Kurzfilmen bleiben. 2009 hatte Ovashvili mit »Das andere Ufer« Erfolg, seinem Spielfilm-Erstling über einen zwölfjährigen Abchasienkriegs-Flüchtling, einen gebürtigen Georgier, der sich von Tiflis aus aufmacht, in Abchasien nach dem verlorenen Vater zu suchen. Die Enkelin in »Die Maisinsel« ist älter, pubertär schon. Sie wird die Stoffpuppe noch im Laufe des Sommers zur Seite legen und sich für einen Mann zu interessieren beginnen, den es mit Kriegsverletzung auf das Inselchen verschlägt. Zunächst aber lernt sie Fische zu fangen, das Feld zu bestellen, sich nützlich zu machen.

Die Natur ist gefährlich, schließlich könnte das temporäre Inselchen jederzeit abtreiben oder weggewaschen werden. Noch gefährlicher aber sind die Menschen. Vor allem die männlichen, die mit Uniform, die von beiden Seiten des Flusses aus misstrauisch das Maisfeld und seine beiden Bewohner beäugen. (Gedreht wurde übrigens nicht inmitten des Grenzflusses Enguri, sondern auf einer aufgeschütteten Insel in einem künstlichen See.) Je näher die Uniformierten der beiden Seiten mit ihren Booten kommen, desto näher rücken dem Alten und seiner Enkelin auch die Schüsse, die man gelegentlich von der anderen Seite des Flusses hört - der anderen Seite als der georgischen, von der der Alte und seine Enkeltochter stammen. Denn der Fluss, in dem die Maisinsel festhängt, ist Grenzfluss zwischen Georgien und Abchasien, in einer dieser unglücklichen Weltgegenden, in denen imperiale Einflussnahmen für dauernde kriegerische Auseinandersetzungen sorgen.

»Die Maisinsel« ist ein wortkarger Film, in dem nur gelegentlich ein bisschen Georgisch und noch etwas seltener auch mal Abchasisch gesprochen wird. Produziert wurde Ovashvilis Film von einer ganzen Kette west-, mittel- und osteuropäischer, kaukasischer und transkaukasischer Länder, Fördermittel der Mitteldeutschen Medienförderung inklusive. Dreizehn Nationen waren am Set vertreten, das Drehbuch wurde von einem Dänen (mit)vollendet, die Kamera (35-mm-Film, ein Augenschmaus) führte ein Ungar, das Szenenbild fertigte ein gebürtiger Mongole (Ariunsaichan Dawaachu ist allerdings schon lange Professor an der HFF Konrad Wolf und Mitglied der Deutschen Filmakademie), für Sound Design zeichnete ein Franzose verantwortlich - die Liste ließe sich endlos fortsetzen.

Der türkische Darsteller İlyas Salman, der den eigenbrötlerischen alten Bauern spielt, bringt genau die richtige Lebens- und Wettergegerbtheit mit. Und Mariam Buturishvili, die georgische Darstellerin der Enkelin, ist eine spröde, sommersprossige Schönheit, die schon den selben Eigensinn ausstrahlt wie ihr filmischer Großvater. So wie sie das Erwachen der Enkelin spielt, wird der alte Bauer sich im folgenden Jahr bei seinem Maisanbau auf angeschwemmter Flussinsel wohl auf einen einsamen Sommer einstellen müssen, wenn er dann erneut versucht, der prekären Landbildung eine Ernte abzutrotzen. Denn dass sich das Ritual Jahr um Jahr wiederholt, jedenfalls solange der Krieg ihm nicht den Garaus macht, daran lässt Ovashvilis Film keinen Zweifel.

In Karlový Vary wurde »Die Maisinsel« im letzten Jahr mit dem Hauptpreis des Festivals, beim Panorama des europäischen Films in Athen mit dem Kritikerpreis und im Herbst in Cottbus auch noch mit einem Publikumspreis ausgezeichnet. Seltene Einhelligkeit also.

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