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Kein Pop um jeden Preis

Jamie xx

Sechs Jahre ist das jetzt her. Kurz darauf war man in keiner Bar mehr sicher vor diesem Musik gewordenen Mischgefühl aus verführerischer Verlorenheit und diffuser Sehnsucht. Vor Eiskristallen, die einem direkt ins Herz wachsen. Oliver Sim und Romy Madly Croft sangen mit schwachem Puls über Nuancen der Liebe, während Jamie Smith, der Kopf der Londoner Gruppe, sehr spartanische Beats in den weiten Raum stellte und subsonische Bässe diskret brummen ließ.

Die Gruppe heißt The xx. Ihr Debüt »xx« machte die damals 19-jährigen Schulfreunde auf einen Schlag berühmt. Vor allem der schüchterne Eigenbrötler Jamie Smith konnte sich bald nicht mehr retten vor lukrativen Aufträgen. Adele, Radiohead, Drake - alle wollten Produktionen aus seiner Hand. Nicht immer gestaltete sich die Zusammenarbeit einfach. Wie auch, wenn eine Hundertschaft von Musikangestellten ein eitel-gewichtiges Wörtchen mitreden will, wie bei Alicia Keys?

Von einem spannenden Kontrast getragen ist Smith' sympathisch unfertig wirkende Neuinterpretation von Gil Scott-Herons Comeback-Album »I'm New Here«. Die von Crack-Konsum und Alter gezeichnete Soul-Stimme Herons bewegt sich auf »We're New Here« von 2011 wie ein staunender Fremdkörper inmitten der flirrenden, blubbernden Synthiesounds, sitzt seltsam schräg auf Freestyle- und Dubstep-Beats.

Diese Form eines starken, produktiven Kontrasts gibt es auf Jamie xx’ erstem Solo-Longplayer so zwar nicht. Gleichwohl ist »In Colour«, an dem Jamie xx die letzten sechs Jahre mit vielen Unterbrechungen saß, ein gutes Beispiel für Ecken und Kanten, für kleine interne Widersprüche, Idiosynkrasien und Überraschungen. Wie die dominante Steeldrum, die dem basssatten »Obvs« karibisches Flair verleiht und damit eine gewisse Leichtigkeit inmitten melancholisch-mächtiger Schwere.

Schwer zu sagen, was genau »In Colour« ist, ein zeitgemäßes elektronisches Popalbum ist es jedenfalls auch - mit aufs große Gefühlsganze abzielenden Dance-Popsongs mit hymnenartiger Dramaturgie. Dreimal singen die Ex-Kollegen von The xx, Romy Madly Croft und Oliver Sim. Und dann und wann übertreiben sie es fast mit der gefühligen Tiefe nahe dem emotionalen Kitsch.

Smith, der von sich sagt, »wenn ich nicht kreativ sein kann, werde ich depressiv«, hat kein Popalbum um jeden Preis gemacht, erst recht keines um den Preis seiner besonderen Vorlieben. Was das heißt, hört man auf den herrlich bedrohlichen Endzeittracks »Gosh« und »Hold Tight«: Harsche Breakbeats und eine maschinenwesenhafte Atmosphäre erinnern an Zeiten, als Drum ’n’ Bass, made in Großbritannien, gar nicht dunkeldüster genug sein konnte. Womit auch gesagt ist, dass Jamie Smith für »In Colour« das Soundrad für die Zukunft der Gegenwart nicht unbedingt neu erfunden hat. Aber wer tut das derzeit schon?

Jamie xx: »In Colour« (Young Turks / Beggars Group / Indigo)

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