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Die Lichter bleiben an

Um die Stromversorgung im Freistaat muss man sich keine Sorgen machen - Alternativen zur Atomkraft gäbe es

Auch nach der Abschaltung des AKW Grafenrheinfeld bleibt Bayern das Atombundesland Nummer eins.

Die Einladungen zur »Abschaltparty« sind verschickt: Mit einem Fest am Betriebsgelände wollen Umweltschützer am Abend des 31. Mai die Stilllegung des bayrischen AKW Grafenrheinfeld feiern. Die Party kommt eigentlich zu früh. Vor kurzem kündigte Betreiber E.on an, den Meiler erst in der zweiten Juni-Hälfte vom Netz zu nehmen. Grund: Nach dem milden Winter sind die Brennelemente noch nicht ganz abgebrannt.

Nach dem infolge der Fukushima-Katastrophe novellierten Atomgesetz hätte das nahe Schweinfurt gelegene AKW sogar bis zum 31. Dezember 2015 Strom und Atommüll produzieren dürfen. Dafür wäre der Einsatz frischer Brennelemente nötig gewesen. E.on wollte die fälligen Steuern aber nicht zahlen.

Grafenrheinfeld ist nach vier Jahren das erste deutsche AKW, das dauerhaft abgeschaltet wird. Acht andere bleiben am Netz, nur ein weiteres soll bis Juni 2019 stillgelegt werden. Der Atomausstieg bleibt eine »Schnecke«, findet Jochen Stay von der Anti-Atom-Organisation »Ausgestrahlt«: »In gewissem Sinne ist es ein Meisterwerk der politischen PR, den jahrelangen Weiterbetrieb alter Reaktoren einfach Atomausstieg zu nennen und damit einen Teil der kritischen Öffentlichkeit zu beruhigen.«

Auch wenn etwa Landeswirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) im Vorfeld einen gegenteiligen Eindruck zu vermitteln versuchte: Die Lichter in Bayern gehen mit der Abschaltung von Grafenrheinfeld nicht aus, die Stromversorgung ist nicht gefährdet. Es werden nur Überkapazitäten reduziert und die enormen Stromexporte aus Deutschland etwas zurückgehen. 2014 erreichten diese mit einem Nettoüberschuss von 35,5 Milliarden Kilowattstunden einen Rekord - das entspricht mehr als der dreieinhalbfachen Jahresproduktion des AKW Grafenrheinfeld.

Zudem wird Bayern nicht atomstromfrei. Gundremmingen B und C sowie Isar 2 liefern knapp 40 Prozent des Stroms - der Freistaat bleibt Atombundesland Nummer eins. »Das war es auch von Anfang an«, weiß der Augsburger Ökonom und Umweltaktivist Raimund Kamm. Der erste deutsche Atomreaktor ging zu Forschungswecken 1957 in Garching in Betrieb, das erste Versuchs-AKW fuhr 1961 im unterfränkischen Kahl hoch. 1966 folgte das Groß-AKW Gundremmingen A - es ging 1977 beim bislang einzigen deutschen AKW-Unfall mit Totalschaden kaputt.

»Zwei Triebfedern«, so Kamm, hätten Bayern zum Atompionier gemacht. Franz-Josef Strauß habe über die »zivile« Atomtechnik die Option auf den Bau von Atomwaffen sichern wollen. Zudem meinte man, mit der Atomkraft eine billige Energiequelle erschließen zu können. Für die Beseitigung radioaktiver Hinterlassenschaften hat die Regierung hingegen nur eine Antwort: Bei uns nicht. Das Land sträubt sich dagegen, einen Teil der 26 Castorbehälter aufzunehmen, die aus ausländischen Wiederaufarbeitungsanlagen zurückkommen. Gegen das erste Gorleben-Moratorium strengte die Regierung eine Verfassungsklage an - scheiterte aber.

Dabei deckte Bayern noch Anfang der 1950er 90 Prozent seines Strombedarfs aus erneuerbaren Quellen - vor allem durch aus den Alpen herab strömendes Wasser. Gesegnet mit viel Sonne und dank des - von der CSU heftig bekämpften - Erneuerbare-Energien-Gesetzes hat das Land viel Photovoltaik installiert. »Es gibt schon jetzt Stunden im Jahr, wo aller in Bayern verbrauchter Strom aus Photovoltaik stammt«, sagt Kamm. Insgesamt werde ein Drittel der Energie regenerativ erzeugt. Um die Bauern zu fördern, war die CSU auch für den Bau vieler Biogasanlagen. Umweltschützer hoffen, dass Bayern in naher Zukunft je ein Drittel des Strombedarfs aus Sonne, Wind und Biostoffen deckt.

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