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Anonym in RAL 1015

»Hellelfenbein« von Jessica Glause und Olivia Wenzel

  • Von Stephan Fischer
  • Lesedauer: 3 Min.

»Sie sind Kurzstrecke, vier Euro, das erkenne ich sofort. Sie wollen ihre Pflanzen nach Hause transportieren, 20 Euro. Und Sie fahren einfach nur aus Langeweile Taxi. 50 Euro.« Das Spiel beginnt bereits, bevor die sechs Berliner Taxen (Farbton klassisch: Hellelfenbein, RAL 1015) auf einem Parkplatz am Moritzplatz in Kreuzberg zu sehen sind. Die Fahrgäste im Theaterprojekt »Hellelfenbein« machen den Fahrern kein Theater (»Eine Komplettreinigung des Wagens kostet 400 Euro.«); sie schauen den Fahrern über die Schulter, wie sie ihre Wagen routiniert durch den Stadtverkehr lenken. Und dabei von sich erzählen.

Taxifahren - der klassische »Eigentlich«-Beruf: Eigentlich ist niemand der Abertausend Fahrer in Berlin »nur« Taxifahrer. Wer hier in einen der Wagen steigt oder fällt, ist sich selten bewusst, dass er oder sie gerade von einem Architekten, promoviertem Physiker, einem Arzt oder Ingenieur durch die Stadt kutschiert wird. Die allerwenigsten ausländischen Ausbildungs- und Studienabschlüsse werden hier anerkannt oder bekommen eine »Blue Card«, die EU-Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung. Die Frau eines Fahrers, der aus dem Kongo kommt: »Louis hat irgendwann mal zu mir gesagt: ›Ich bin jetzt in meinen besten Jahren. Ich bin jung und stark. Und kann hier einfach nicht richtig arbeiten.‹ Da ist ein Mensch und spürt genau, wie sein ganzes Potenzial vergeudet wird.« Stattdessen bleibt für viele nur die hellgelbe Karte. Wie für jenen Fahrer, der die Fahrgäste am Anhalter Bahnhof in seine Karosse bittet: »In der Türkei habe ich studiert, das hat mir aber in Deutschland nichts genutzt. Und Wissen, das nicht genutzt wird, verkümmert.« Deshalb liest er in jeder freien Minute - woher kommt die Kultur, was ist der Ursprung der Religion? Eine Ampelphase reicht, um jahrzehntelanges Nachdenken in wenige Worte zu verpacken: »Wissen sie, ich glaube nicht an Gott. Aber ich glaube, dass die Menschen die Religion brauchen.« Während das bei den Fahrgästen erst einmal sacken muss, lässt er ohne Regung eine Fahrradfahrerin rechts passieren, die bei Rot gefahren ist.

Potsdamer Platz, eine Frau im Businesskostüm winkt am Straßenrand, sechs Taxen fahren hintereinander an ihr vorbei, kein einziges hält an - ihr Pech, die Künstler haben ein anderes Fahrtziel als sie: ein menschenleeres Parkdeck. Dort auf einmal Fahrkunst und auch Berufung statt nur Beruf: Plötzlich tanzen sechs Autos Ballett, ziehen Kreise und Achten, steuern haarscharf aneinander vorbei. Was den Fahrgästen das Lächeln gefrieren lässt - und wie auf einer Achterbahn nach mehr verlangt. Pause. Tische raus. Wollen Sie was trinken? Wer was bekommt, bestimmt der Zufall, wie bei Fahrern und Fahrgästen. Wasser oder Wodka, Kurzstrecke oder lukrative Tour von Charlottenburg nach Erkner.

Rückfahrt, Disco im Taxi samt Beleuchtung. Anonym ist nichts mehr, jeder der Fahrer hat eine Geschichte. Nur die Farbe ihrer Autos macht sie noch verwechselbar. Aber die ist meistens auf Folie. Abziehbar.

Start: TAK-Theater im Aufbau Haus, Moritzplatz, Kreuzberg, 30.5. und 2. bis 4.6., jeweils 19 und 21 Uhr, 13, ermäßigt 8 Euro.

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