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Eine neue Linke gegen alte Mächte

Die indische Wirtschaftswissenschaftlerin Jayati Ghosh eröffnet den Alternativgipfel

  • Von Rudolf Stumberger, München
  • Lesedauer: 4 Min.

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Jayati Ghosh wünscht sich eine Ökonomie in enger Kooperation mit der Politik und dem Sozialen. Die herrschende neoliberale Lehre habe diese Verbindung längst verloren, kritisiert sie.

Wenn am Mittwochabend in München der »Internationale Gipfel der Alternativen« beginnt, hält eine der renommiertesten Akteurinnen der globalisierungskritischen Bewegung den Eröffnungsvortrag: Jayati Ghosh spricht über »Die Politik der G7, die aktuellen globalen Krisen und mögliche Alternativen«. Zu den Spezialgebieten der Professorin für Ökonomie an der Jawaharlal-Nehru-Universität in Delhi gehören Globalisierung, Makroökonomie, internationale Finanzen sowie Gender- und Entwicklungsfragen. Seit 2002 ist sie Generalsekretärin der »International Development Economics Associates«, eines internationalen, kritischen Netzwerks von Ökonomen.

In einem Interview für den Newsletter der »World Economic Association« erläuterte Ghosh ihren Zugang zur Wirtschaftswissenschaft. Im Mittelpunkt steht für die 1955 geborene Ökonomin das Verständnis, wie die materielle Welt um uns herum funktioniert und wie sich soziale Beziehungen in wirtschaftlichen Strukturen ausdrücken.

Im Gegensatz zur neoliberalen Lehre sieht Ghosh die Ökonomie eng verbunden mit sozialen, politischen und kulturellen Prozessen sowie in ihrer historischen Gewordenheit. Ihrer Auffassung nach hat Wirtschaft viel mit Politik zu tun und Politik viel mit Wirtschaft. Diese Anschauung ist dem Neoliberalismus entgegengesetzt, der Ökonomie als einen isolierten Bereich mit eigenen Gesetzen versteht. Die Wirtschaft werkelt demnach quasi in einem gesellschaftlichen Vakuum vor sich hin, völlig unabhängig von Politik, Kultur und dem Sozialen. Dieser herrschende Mainstream sei weit entfernt von den Ökonomen des 19. und 20. Jahrhunderts, die eine politische Ökonomie betrieben.

Was sind für Ghosh die Elemente einer alternativen Wirtschaftspolitik? Als erstes bedarf es ihrer Meinung nach einer echten Reform des internationalen Finanzsystems, weil die bisherigen Maßnahmen zwei grundlegenden Anforderungen in keinster Weise genügen: dem Verhindern von Krisen und Instabilität sowie der Übertragung von Wohlstand von den reichen zu den armen Ländern.

Darüber hinaus kritisiert die Ökonomin exportorientierte Wirtschaftsmodelle für Entwicklungsländer - diese sollten nicht länger auf die USA und Europa als Absatzmärkte setzen, sondern auf den heimischen Markt. Hierfür müssten die Steuerpolitik und Investitionen der öffentlichen Hand wieder in den Mittelpunkt rücken, um die materielle Ungleichheit innerhalb der Länder als auch zwischen den Ländern zu reduzieren.

Um das zu erreichen, brauche man ein neues Verständnis von Nachfrage und Produktion: Anstelle von statistischem Wachstum des Bruttoinlandsproduktes sollte es um eine neue Definition von Wachstum, Wohlstand und Lebensqualität gehen. Zum Beispiel durch die Ersetzung eines chaotischen, privatisierten Nahverkehrs in den Metropolen der Entwicklungsländer durch ein effizientes öffentliches Verkehrssystem. Diese Maßnahmen und Zielsetzungen dürfe man aber nicht den Kräften des Marktes überlassen, die durch Werbung und Reklame immer wieder unerfüllbare Wünsche weckten. Vielmehr befürwortet Ghosh eine staatliche Intervention, wobei allerdings darauf zu achten sei, dass diese Einmischungen demokratisch kontrolliert und zugänglich sind.

Um all dies zu realisieren, hält Ghosh einen internationalen wirtschaftlichen Rahmen für notwenig, der eine Kontrolle und Regulierung der Kapitalströme gewährleistet. Zudem sei die Veränderung der Normen setzenden globalen Institutionen notwendig, die nicht nur in ihrer Struktur demokratisiert werden müssten, sondern auch in ihren Zielsetzungen und Aufgaben.

Wie lassen sich diese Ziele erreichen? Ghosh glaubt, was die Umsetzung der Reformen angeht, an eine erstarkende globale Linke. Diese zeichne sich durch eine Reihe von Merkmalen aus, die sie von der alten Linken unterscheide. Dazu gehört für die Ökonomin der Trend weg vom traditionellen Schema einer zentralistischen Regierung der Arbeitermassen. Ghosh, die selbst in sozialen Bewegungen aktiv ist, betont stattdessen den Kampf für die Rechte und Interessen von Frauen, ethnischen Minderheiten und anderen marginalisierten Gruppen sowie den Einsatz für ökologische Themen.

Diese Linke zeichne sich durch ihre Bereitschaft aus, sich sowohl in demokratischen Prozessen einzubringen als auch die Eigentumsfrage zu stellen. Statt einer grundlegenden Ablehnung von Privateigentum rückt für sie neben der Kritik an Monopolen und globalen Konzernen die Unterstützung kleiner, lokaler Unternehmen in den Fokus.

Was unterm Strich das Denken von Ghosh ausmacht, ist ein Verständnis von Kapitalismus als eine Wirtschaftsform, die Ungleichheit, Ausbeutung und Unterdrückung produziert. Dagegen müsse eine Linke gesellschaftliche Veränderungen durch kollektiv und fortschrittlich agierende Organisationen anstreben.

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