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Mörder, Fälscher, Kickstarter-Aufklärer

Fast ein Jahr nach dem Abschuss von Flug MH17 bestimmen Mutmaßungen aus dem Internet die Schlagzeilen

Die Russen fälschten Satellitenbilder, um den Abschuss von Flug MH17 und damit den Mord an 298 Insassen der Ukraine anzuhängen. So verbreiten es zahlreiche Medien. Ohne kritische Distanz.
Was allzu viele täglich verdrängen: Das Internet ist ein Wunderding des Wissens mit beschränkter Aussagekraft.
Was allzu viele täglich verdrängen: Das Internet ist ein Wunderding des Wissens mit beschränkter Aussagekraft.

Eines ist sicher - der Berg der Lügen wächst weiter. Fast elf Monate sind seit dem Abschuss von Flug MH17 über dem Bürgerkriegsgebiet in der Ostukraine vergangen. Seit Wochenbeginn scheint - wieder einmal - auf der Hand zu liegen: Den Massenmord hat Moskau zu verantworten. Warum sonst fälschte man dort Satellitenfotos und präsentierte sie als Beweise gegen die Ukraine?!

Dass es so ist, will die Internet-Aufklärungsplattform »Bellingcat« herausgefunden haben. Die Mitglieder analysierten zwei Satellitenfotos des russischen Verteidigungsministeriums. Die hatte man eine Woche nach dem Abschuss in Moskau präsentiert. Sie lassen vermuten, dass Einheiten der ukrainischen Truppenluftabwehr am Tag des Absturzes nahe dem Rebellengebiet aktiv waren.

Die Mehrheit der europäischen Medien hatte sich schon so rasch wie unwissend der These verpflichtet, dass das Passagierflugzeug von einer Buk-Flugabwehrrakete getroffen worden ist. Die Initialinformation dazu hatten die USA gestreut, sich aber dann rasch wieder aus der Debatte zurückgezogen. Auf den von Russland präsentierten und nun von »Bellingcat« analysierten Bildern sollte zu sehen sein, dass am Mordtag mindestens eine mobile Buk-Startrampe der ukrainischen Armee nicht mehr auf einem Militärstützpunkt nördlich von Donezk stand. Das zweite Satellitenbild soll belegen, dass zwei Rampen und ein weiteres ukrainisches Militärfahrzeug südlich des Dorfes Zaroschinskoje in Stellung gegangen waren - und somit als Abschussverursacher infrage kommen.

»Bellingcat« will jetzt herausgefunden haben, dass die von Moskau präsentierten Fotos nicht am Abschusstag, dem 14. Juli 2014, aufgenommen wurden, sondern bereits im Juni. Zudem habe jemand die Bilder manipuliert: Die Buk-Raketenrampen seien auf einem Bild entfernt und auf einem anderen hinzugefügt worden. Metadatenanalysen zeigten zudem, dass die Fotos mit Photoshop bearbeitet wurden. Auch die Beschaffenheit der Wolken sei verdächtig.

Bislang hatte der russische Militärgeheimdienst GRU nicht den Ruf, so schlampig zu arbeiten. Doch es kann ja so sein. Womöglich deckt Moskau die Schuldigen und wird dabei von westlichen Diensten unterstützt. Wer checkt die Behauptung von »Billingcat« gegen? Welches zweite Expertenurteil holten diejenigen ein, deren Schlagzeilen jetzt so eindeutig auf Moskau zeigen? Wie fachlich gediegen sind die Analysen der Internet-Rechercheure?

Gründer von »Bellingcat« ist ein Eliot Higgins (36). Er wollte mal Journalist werden. Das wurde nichts. Nun wird er als Finanz- und Verwaltungsfachmann bezeichnet, denn er absolvierte eine Kaufmannslehre. Higgins verbringt sein Leben am Computer, analysiert ins Internet gestellte Fotos und Videos aus Kriegsgebieten, speichert, katalogisiert, vergleicht. Durchaus erfolgreich lokalisierte er Örtlichkeiten, entdeckte dieselben Waffensysteme an verschiedenen Orten, versuchte so Herkunft, Besitz und Bewegung zu klären. Kein Zweifel, auch so muss man Indizien sammeln. Nachrichtendienste tun das seitdem es das Internet gibt. Doch die Geheimdienstfachleute wissen, dass die Internetsicht trügerisch sein kann, dass sie mit anderen Erkenntnissen gepaart werden müssen, bevor man daraus halbwegs sicheres Wissen ableiten kann. Von solcher Recherche ist »Billingcat« weit entfernt.

Seine Karriere als Netz-Aufklärer begann Higgins als Brown Moses - das Pseudonym stammt aus einem Frank Zappa Song. »Moses« kommentierte - auf Teufel komm raus - Meldungen und Artikel. Allein dem britischen »Guardian« soll er über 5000 Meinungsäußerungen angehängt haben. 2012 eröffnete er einen Blog zum Syrien-Krieg - freilich ohne etwas von Waffen oder Militärtaktik zu verstehen. Dass Diktator Assad das Giftgas Sarin mit selbstgebastelten Raketen verschoss, war der Welt dennoch klar. Higgins legte die »Beweise« vor. Natürlich gibt es inzwischen ein Team an seiner Seite, hört man.

2014 rief der Blogger mit Hilfe privater Spenden über die Crowd-Funding-Methode Kickstarter.com »Bellingcat« ins Leben. So ein privates Finanzierungssystem hat - neben vielen Vorteilen - einen entscheidenden Nachteil. Wer Geld wofür gibt, lässt sich recht gut verschleiern.

Eigentlich ist eine herkömmliche Untersuchungsbehörde damit beauftragt, eine Antwort auf die Frage zu finden: Wer schoss womit und warum die Boeing ab? Die Behörde heißt Onderzoeksraad voor Veiligheid - kurz OVV -, sitzt in den Niederlanden und hat eigentlich einen seriösen Ruf. Doch in knapp einem Jahr brachten die Experten nur einen dürren Zwischenbericht zustande. Darin wird festgestellt, dass »Objekte mit hoher Geschwindigkeit« von außen den Rumpf zerfetzten.

So sehr man die (ungenannten) politischen Gründe für die Expertenzurückhaltung auch begreifen mag - solange nicht endlich alle Fakten auf den Tisch kommen, bestimmt unter anderem »Bellingcat« Schlagzeilen. Unkontrolliert. Auch ungewollt?

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