Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Mercedes, Bibeln, Schulderklärung

Baden-Württembergs Hauptstadt richtet zum vierten Mal den Evangelischen Kirchentag aus

  • Von Marcus Mockler, Stuttgart
  • Lesedauer: 2 Min.
Am Mittwoch wurde in Stuttgart der 35. Evangelische Kirchentag eröffnet. Zu den Besonderheiten der gastgebenden württembergischen Landeskirche gehört die Basisdemokratie.

Auf dem Turm des Stuttgarter Hauptbahnhofs dreht sich weithin sichtbar der Mercedes-Stern. Er hat den Namen der baden-württembergischen Landeshauptstadt in die Welt getragen und steht für die Tüftler- und Perfektionismusmentalität der Schwaben. Die Christenheit verbindet mit der Neckarmetropole vor allem die Bibel, denn hier hat seit über 200 Jahren die Bibelgesellschaft ihren Sitz.

Pünktlich zum 35. Deutschen Evangelischen Kirchentag, der am Mittwoch in Stuttgart begann, ist im Stadtzentrum das neue Bibelmuseum eröffnet worden, das mit Multimedia-Objekten Begegnungen mit biblischen Personen ermöglicht. Es löst das 2009 geschlossene Bibelmuseum im südlichen Stadtteil Möhringen ab und soll die Besucherzahlen von jährlich 12 000 auf 20 000 bringen. Auch die katholische Kirche hat ihr zentrales »Bibelwerk« in Stuttgart.

Die Stadt, die zum vierten Mal den Kirchentag ausrichtet, war nach der Reformation des Zentrum des Protestantismus im Südwesten. In der Evangelische Landeskirche in Württemberg entwickelte sich eine besonders vitale Form des Pietismus, der entscheidenden Anteil daran hatte, dass aus Württemberg das Land der Dichter, Denker und Tüftler wurde. Im frommen Bestreben, jeden zum Lesen der Bibel zu befähigen, startete das Land schon Mitte des 17. Jahrhunderts eine allgemeine Schulpflicht und mit dem Evangelischen Stift in Tübingen eine protestantische Kaderschmiede, aus der große Theologen, Philosophen und Literaten hervorgingen. Zu den Besonderheiten der gastgebenden württembergischen Landeskirche mit ihren 2,2 Millionen Mitgliedern gehört die Basisdemokratie. Die Landessynode ist dort buchstäblich ein »Kirchenparlament«. Dessen Mitglieder werden alle sechs Jahre unmittelbar von den Kirchenmitgliedern gewählt, was in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) einzigartig ist. Andernorts sind es Kirchenvorstände oder Bezirkssynoden, die die Landessynodalen bestimmen.

Mit dem Namen der Stadt ist auch die Stuttgarter Schulderklärung verbunden. Wenige Monate nach Kriegsende klagten sich evangelische Bischöfe und Kirchenleiter aus ganz Deutschland im Oktober 1945 öffentlich an, angesichts der Nazi-Verbrechen »nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt« zu haben. Aus heutiger Sicht wirkt das Dokument verhalten, erwähnt es doch den Massenmord an den Juden mit keinem Wort. Doch damals war die Erklärung ein weitgehender Schritt, der in den Gemeinden teilweise auf heftige Kritik stieß, aber auch die Tür zu einem versöhnten Miteinander mit den Kirchen im Ausland öffnete.

Als protestantische Metropole kann das 600 000 Einwohner zählende Stuttgart heute nicht mehr gelten. Nur noch knapp 27 Prozent gehören der evangelischen Kirche an, 24 Prozent sind römisch-katholisch. Fast die Hälfte der Stuttgarter ist konfessionslos, jeder Neunte ist Muslim. epd/nd

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung
  • Lastschrift

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln