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Die korrupteste Familie der Welt

FIFA-Präsident Joseph Blatter hat seinen Rücktritt nur angekündigt, um sein Machtsystem im Fußballweltverband zu erhalten

  • Von Alexander Ludewig
  • Lesedauer: 5 Min.
Das FBI soll jetzt gegen Joseph Blatter ermitteln. Der FIFA-Präsident will die Schweiz vorerst nicht verlassen und seine Nachfolge regeln.

Um eines voranzustellen: FIFA-Präsident Joseph Blatter ist nicht zurückgetreten. Der 79-jährige Schweizer hat am Dienstagabend in Zürich lediglich gesagt, dass er sein Mandat auf einem außerordentlichen Kongress niederlegen werde. Ein kleiner Unterschied, mit großer Wirkung. Laut Statuten des Fußballweltverbandes sind für die Vorbereitung einer solchen Wahlveranstaltung nämlich vier Monate Vorbereitungszeit notwendig - mindestens. »Ich werde meine Funktionen als FIFA-Präsident bis zu dieser Wahl weiter ausüben«, stellte Blatter klar. Das verheißt? Nicht Gutes! All seine Macht, all seinen Einfluss wird Blatter in seinem Sinne nutzen - wie er es immer getan hat.

Überraschend kam die Rücktrittankündigung schon. Überrumpelt hat der Weltverband damit alle. Erst eine Stunde vor Beginn der Pressekonferenz wurde diese überhaupt angekündigt, so dass es kaum ein Medienvertreter schaffen konnte, teilzunehmen. Die wenigen, die anwesend waren, durften dann nicht mal Fragen stellen. Dabei wäre eine kritische Unterbrechung des präsidialen Monologs durchaus interessant gewesen. Denn ebenfalls am Dienstag wurde bekannt, dass das FBI nun auch gegen Joseph Blatter ermitteln solle. Noch immer ist es nur ein Gerücht. Der amerikanische Inlandsgeheimdienst selbst äußerte sich bislang nicht dazu - was aber auch gleichzeitig bedeutet, dass er das Gerücht nicht dementiert.

Berichtet hatte es die »New York Times«, und sich dabei auf anonyme amerikanische Strafverfolger berufen. Die Zeitung war auch schon vor und während des letzten Skandals beim Weltverband bestens informiert. Kurz vor dem FIFA-Kongress Ende vergangener Woche und der Wiederwahl Blatters wurden in Zürich sieben FIFA-Funktionäre verhaftet. Die ermittelnde US-Justiz wirft insgesamt 14 Personen der Korruption und Geldwäsche vor. »Ich bin ziemlich zuversichtlich, dass wir weitere Anklagen haben werden«, teilte Richard Weber, Chef der US-Steuerfahndung, inzwischen mit.

Zuletzt war auch Blatters bisheriger Intimus Jérôme Valcke ins Visier der Ermittler geraten. Der Name des FIFA-Generalsekretärs wurde im Zusammenhang einer Zahlung des Weltverbandes von 10 Millionen Dollar auf ein Konto genannt, das Jack Warner, ehemaliger FIFA-Vizepräsident und Chef der Nord- und Zentralamerikanischen und karibischen Fußballkonföderation, kontrollierte. In seinem Heimatland Trinidad und Tobago ist Warner mittlerweile nur noch aufgrund einer Kautionszahlung in Höhe von 2,5 Millionen Dollar auf freiem Fuß.

Erwischt es Joseph Blatter nun selbst? Nach all den großen und kleineren Skandalen, die er in seinen 34 Jahren als Generalsekretär und Präsident bei der FIFA überstanden hat? Vielleicht. Eher nicht, sagt die Erfahrung. Aber die weltweiten Jubelstürme, die mit dem angekündigten Rücktritt nun auf eine grundlegende Veränderung im Weltverband hoffen, die kamen mit Sicherheit zu früh - und werden letztlich vielleicht sogar vollends versiegen. Auch weil viele jetzt jubeln, die Blatter vor sechs Tagen noch ihre Stimme gaben und ihn gar als perfekten Präsidenten lobten. Weil der Wind sich gedreht hat, rufen sie jetzt in eine andere Richtung, weil sie sonst niemand mehr hören würde.

Der größte Hoffnungskiller aber ist Blatter selbst. Abgesehen davon, ob er nun durch Ermittlungen ernsthaft behelligt und deshalb vielleicht auch nicht die Weltmeisterschaft der Frauen in Kanada besuchen wird. In der Schweiz ist er sicher. Sein Heimatland liefert seine eigenen Staatsbürger nicht in die USA aus. »Sepp Blatter wird vorerst bestimmt nirgendwohin ausreisen«, bestätigte am Mittwoch dann auch prompt FIFA-Mediendirektor Walter De Gregorio auf Anfrage des »Tagesanzeigers« aus Zürich. Was auch immer gegen ihn vorliegen mag, Blatter hat seinen Rücktritt nur angekündigt, um das korrupte System im Fußballweltverband zu erhalten.

Schon der Termin ist verräterisch. Denn indem Blatter vier Tage nach der Wiederwahl seinen Rückzug verkündete, hatte er, wie schon so oft zuvor, einen Konkurrenten aus dem Weg geräumt - seinen Gegenkandidaten Prinz Ali bin Al Hussein. Nun wolle er in seiner verbleibenden Amtszeit »weitreichende, grundlegende Reformen« und »strukturelle Veränderungen« vorantreiben. Getreu seinem Motto: »Was ist eine Krise? Wenn wir Probleme haben in der Familie, dann lösen wir die Probleme in der Familie und gehen nicht zu einer fremden Familie.«

Dieses Zitat ist zwar schon etwas älter, aber scheinbar allzeit gültig in Zürich. »Ich habe Domenico Scala gebeten, die Einführung und Umsetzung ... zu überwachen«, so Blatter zu seinen Plänen. Den Italiener lobte er als »unabhängigen Vorsitzenden« der FIFA-Integritätskommission. Unabhängig aber ist im Fußballweltverband noch immer nichts und niemand. Mit Scala, seinem neuen Intimus, will Blatter die Zukunft in seinem Sinne regeln: »Wir brauchen jetzt Zeit, den bestmöglichen Kandidaten für dieses Amt zu finden.« Und Scala, der vielen Medienberichten zufolge nun einer der heißesten Anwärter auf den Chefposten ist, hat verstanden: »Die FIFA kann nicht von Leuten benutzt werden, die ihr Schaden zufügen wollen.«

Ob nun Scala oder irgendein anderer bestmöglicher Kandidat, der nun ganz genau ausgesucht wird: Falls nicht doch das Unvorstellbare passiert und sich die FIFA auflöst, muss davon ausgegangen werden, dass sich der neue Präsident nahtlos einreihen wird - in die Riege seiner Vorgänger und deren Machtsystem. Dies beschreibt die US-Justizministerin Loretta Lynch nach ihren Ermittlungen wie folgt: »Die FIFA ist bis in die höchsten Ebenen korrupt.« Und: »Jedes Mal, wenn die FIFA nach internen Untersuchungen korrupte Funktionäre abgesetzt hat, wurden sie durch andere ersetzt, die genau in derselben Art und Weise weitermachten.«

Mit Blatters Vorgänger, João Havelange, fing es 1974 so richtig an. »Als ich im FIFA-Hauptquartier ankam, fand ich ein altes Haus vor und ein bisschen Geld in einer Schublade. Als ich 24 Jahre später meinen Posten räumte, besaß die FIFA Verträge und Besitztümer im Wert von mehr als vier Milliarden US-Dollar«, sagte der Brasilianer einmal nach seiner Amtszeit. Havelange hat den Weltverband reich gemacht, sich selbst und andere auch - Schmiergeldzahlungen sind belegt. Stimmen sicherte er sich auch dadurch, dass er die WM von anfänglich 16 auf 32 Mannschaften vergrößerte. Die »Kleinen« waren ihm dankbar. Heute sind sie es Joseph Blatter. Allein in den Jahren von 2011 bis 2014 gab der Weltverband 800 Millionen US-Dollar für seine Entwicklungsprogramme aus. Dafür darf man dann schon etwas Dankbarkeit erwarten - innerhalb der Familie sowieso.

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