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Nach Süden, nach Süden ...

Wenn fünf alte Männer nach Stromboli reisen. Von Hajo Obuchoff

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Der Stromboli spuckt nicht. Nur etwas roter Rotz fließt als dünnes Rinnsal an der Nord-West-Seite des Vulkans herab. Und ab und an rollen, kleinen Feuerrädern gleich, glühende Gesteinsbrocken abwärts. Einige wenige klatschen ins Meer. Dabei ist der Vulkan nördlich von Sizilien immer aktiv. Diese ständigen kleinen Ausbrüche sind deshalb auch als »strombolianische Eruptionen« bekannt. Immerhin trägt er den Namen Leuchtturm der Antike. Normalerweise sprühen Lavafontänen aus dem Krater, und nicht selten gibt es kleinere oder größere Eruptionen, deren Explosionsgeräusche unten in den drei kleinen Siedlungen zu hören sind. Wir sehen nur etwas Rauch über dem 926 Meter über dem Meeresspiegel aufragenden Gipfel. Dabei war es vor allem die Erwartung feurigen Naturschauspiels, die uns - fünf alte Freunde - nach Süditalien trieb.

Ich muss zugeben, mich persönlich interessieren feuerspuckende Berge weniger. Den Süden Italiens erleben möchte ich. Berge besteigen - nein, was soll das mit über 60 Jahren? Ich bin eher neugierig auf die Menschen dort. Mich reizt das Meer, das zwischen Frühling und Herbst die ideale Temperatur besitzt, um zu schnorcheln. Natürlich locken auch der Wein und das frische, saftige Obst des italienischen Südens.

Alles war gut geplant: Ein Quartier auf Stromboli hatten wir im Internet gefunden. Auch passte unser Flug nach Catania nahezu perfekt zu einer Busverbindung zum Hafen in Melazzo. Von dort sollte uns ein Tragflügelschiff auf die Insel bringen.

Ein paar Bedenken hatten wir, ob dieser Plan aufgeht. Immerhin war die Zeit knapp kalkuliert. Verspätungen hätten bedeutet, das letzte Schiff wäre ohne uns ausgelaufen. Aber es klappt tutto bene: Fahrkartenschalter und Bus sofort gefunden, Rucksäcke verstaut, und ab geht es für 15 Euro pro Passagier über die gute Autobahn zunächst nach Messina. Links von uns dominiert der Ätna rauchend die Landschaft. Messina - die Stadt liegt der Stiefelspitze des italienischen Festlandes am nächsten - erreichen wir auf die Minute pünktlich. Der Anschlussbus nach Milazzo steht bereit. Der Fahrer, ausgesprochen freundlich, hilft beim Verstauen des Gepäcks. Im Hafen von Milazzo eine kleine Schlange an der Ticketkasse. Trotzdem sind wir nicht die Letzten, die an Bord gehen. 20,96 Euro kostet die Überfahrt. Nach einem Zwischenstopp auf der Insel Lipari legt das Schiff etwa eineinhalb Stunden später in Stromboli an. Wir finden an der Strandpromenade leicht unsere Kontaktperson. Sigrid Utano, eine Österreicherin auf Stromboli, hat vorerst für uns die Casa Gelosia reservieren lassen. Nach drei Tagen zogen wir in ihr eigenes Domizil, die Casa Frank.

Stromboli, früher vorwiegend von Fischern und einigen Bauern bewohnt, lebt heute vor allem von Touristen. Es soll der gleichnamige Film von Roberto Rossellini mit Ingrid Bergmann in der Hauptrolle gewesen sein, der diese Insel weltweit zum Ausflugsziel gemacht hat. 1949 wurde auf der Insel dieses Drama gedreht. Das Haus, in dem Regisseur und Hauptdarstellerin damals gelebt und wohl auch eine vulkanheiße Affäre hatten, ist heute noch nahe der Kirche in der Via Roma zu finden.

Die meisten Gäste der Insel kommen, von den drei kleinen Hotels einmal abgesehen, in Ferienwohnungen unter. In den Gassen sieht man kaum Pauschaltouristen. Es gibt zwar Tagesausflügler - meist von den benachbarten Inseln herangeschippert - aber ansonsten sind eher Rucksack-Reisende auf dem Eiland unterwegs.

Unser Quartier besteht aus zwei einfachen Zimmern, die direkt von einer großen Terrasse zu betreten sind. Ein herrlicher Blick auf das Meer und den 50 Meter hohen Felsen Strombolicchio bietet sich uns. Strombolicchio ist der kümmerliche Rest eines einst großen Vulkans, sozusagen des Vorgängers vom Stromboli. Am Morgen steigt neben ihm die Sonne aus dem Meer, nachts sendet sein Leuchtturm Lichtzeichen aus. Am nächsten Tag, während unserer Bootsfahrt um die Insel, baden wir am Fuß der mächtigen Klippe in glasklarem Wasser.

An diesem ersten Abend indes versorgen wir uns erst einmal mit einer Riesenflasche Landwein, herrlichem Ziegenkäse, einigen Scheiben Schinken, Oliven und zwei Stangen Ciabatta. In den nächsten Tagen kommen noch frische Weintrauben, Pfirsiche, Tomaten und Paprikaschoten - von Bauern am Hafen angeboten - dazu. Wir erfahren wie Pfirsiche und frisches Gemüse wirklich schmecken.

Allerdings sind Lebensmittel auf Stromboli teuer. Fast alles kommt aus Sizilien oder vom Festland. Sogar die Wasserversorgung erfolgt von einem Tankschiff, dass regelmäßig die Insel anläuft. Trinkwasser muss in den paar Lebensmittelläden gekauft werden.

Der Stromboli ist zu, der Aufstieg zum 918 Meter hohen Gipfel des Vulkans gesperrt. Meine Begleiter sind enttäuscht. Nur bis in die Höhe von 400 Metern dürfen sie gehen. Von dort soll man den Lavastrom bei Dunkelheit beobachten können. Das Schweigen des Bergs in diesen Tagen verbreitet nur wenig Unruhe unter den Einheimischen. Die Vulkanologen sind eh gelassen. Es sei zwar möglich, dass sich im Schlot eine größere Magmamasse ansammelt, der Vulkan sozusagen an Verstopfung leidet. Prinzipiell besteht die Gefahr, dass sich immer mehr Gas ansammelt und sich mit einer starken Eruption den Weg ins Freie bahnen könnte. Aber das geschieht nur selten.

In den Annalen ist der 11. September 1930 besonders vermerkt. Damals schleuderte eine große Explosion Lavabomben bis in die Ortschaften. In Ginostra, dem Ort an der Südwestküste der Insel, wurden 14 Häuser zerstört. Durch zwei Ascheströme kamen sechs Menschen ums Leben. Auch 2003 und 2007 gab es größere Ausbrüche. 2003 führte der Lavastrom zu einem Hangrutsch ins Meer, der einen kleinen Tsunami auslöste.

Am späten Nachmittag des dritten Tages wandern wir los Richtung Aussichtsstelle. Es zeigt sich, dass die jüngsten unter uns die größte Eile haben. Helge, noch Altersklasse U 60, will unbedingt den Sonnenuntergang aus der Höhe von 400 Metern erleben. Peter (60) müht sich unter Schnappatmung, den Riesenschritten unseres beinahe zwei Meter langen Anführers zu folgen. Klaus und Detlef (je 63) bleiben mit mir (67) etwas zurück. Es ist ja nicht so, dass es einfach so nach oben geht. Der Weg zieht sich in Serpentinen nach oben. Aus einem Kilometer Luftlinie werden wohl fünf oder sechs. Bei etwa der Hälfte der Strecke bin ich der Meinung, soviel an Höhenluft tue mir nicht gut. Ich lasse die anderen ziehen und fotografiere den Sonnenuntergang vom Osservatorio Ristorante aus - gemütlich bei einem Glas Rotwein.

Später beschließen wir, am nächsten Abend mit Frank, Sigrids Mann, die Feuerrutsche mittels Schlauchboot vom Meer aus zu beäugen. Das gefällt mir. So gehen wir am nächsten Tag erst einmal zum Strand. Der ist hier schwarz. Schwarz von Vulkansand. Dafür ist das Meer so klar und warm, dass ich ohne Gänsehaut zu bekommen fast eine Stunde mit Schnorchel, Taucherbrille und Flossen die Wasserunterwelt bestaunen kann. Peter indes mag nicht so sehr das Wasser, sonnt sich lieber. Ich begreife langsam seinen Hang zu den Bergen.

Die Exkursion am Abend - Windjacke sollte nicht vergessen werden - wird wunderschön. Nicht so sehr wegen des spärlichen Lavastroms, sondern weil der südliche Sternenhimmel so etwas von klar und weit erscheint. Frank hat den Motor abgestellt, und eine unendliche Ruhe überkommt uns. Wellen klatschen an die Bordwand und schaukeln sanft das Gummiboot. Frank hält respektvoll Abstand zur Feuerküste. Über die Sciara del Fuoco - die Feuerrutsche am Nordwesthang des Berges - laufen zwei schmale Feuerströme abwärts. Neben vereinzelt bis ins Meer fallenden Feuerbrocken sind es Felsen, die unter der Wasseroberfläche tückisch lauern.

Gefährlich können auf der Insel auch andere Dinge sein. Die Gassen im Dorf sind kaum breiter als zwei Meter. Fahrzeuge sind kleine Elektrotaxis, Dreiradtransporter oder Motorroller. In einer Nacht kollidiert Peter mit so einem Dreirad. War das Vehikel zu schnell oder der Wein zu stark - genau weiß es niemand. Jedenfalls geht es glimpflich ab: Nur eine fette Beule an der Stirn und eine Rippenprellung sind die Folgen. »Ihr hättet aber mal das Dreirad sehen müssen«, grinst Peter.

Feuer erleben wir letztlich nicht auf dem Vulkan, sondern ihm zu Fuße. Das Festade del Fuoco, das Feuerfestival am Stromboli, versammelt Feuerkünstler aus aller Welt am Strand. Musik und Artistik, garniert mit Flammen in unterschiedlichsten Formen, bieten am Abend Hunderten von Zuschauern das heiße Spektakel, das der Vulkan uns versagt. Wer das erleben möchte, sollte sich den September 2016 schon einmal vormerken.

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