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Auslese statt Chancengleichheit

Akademische Karriere oder Supermarktkasse, Abitur oder Hauptschulabschluss - trotz zahlreicher Reformen ist das deutsche Bildungswesen nach wie vor eine hermetische Klassengesellschaft. Von Thomas Gesterkamp

  • Von Thomas Gesterkamp
  • Lesedauer: 4 Min.

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Drei Zahlen fassen die zentrale Ungerechtigkeit des Bildungssystems in Deutschland zusammen: 100, 77, 23: Von 100 Akademikerkindern besuchen 77 später eine Hochschule, beim nichtakademischen Nachwuchs schaffen nur 23 Prozent den Sprung an die Universität. Die Chancen waren früher mal gleichmäßiger verteilt, in Ostdeutschland sowieso, aber auch im Westen, wo in den 1970er und 1980er Jahren Hunderttausende »Arbeiterkinder« das Gymnasium absolvieren, studieren und sozial aufsteigen konnten. Schulbücher und andere Lehrmittel waren plötzlich kostenlos, finanzielle Unterstützungsleistungen wie das Bafög schufen einen zusätzlichen Ausgleich. Mittlerweile, nach Jahrzehnten neoliberal geprägter Politik, ist die einstige Bildungseuphorie längst verschwunden.

Marco Maurer, Jahrgang 1980, ist eines dieser »Arbeiterkinder« - auch wenn er den Begriff nicht mag. Sein Vater ist Kaminkehrer, die Mutter Friseurin, aufgewachsen ist er in einem Dorf bei Augsburg. Heute schreibt Maurer für große deutsche Tageszeitungen. Absehbar war diese Entwicklung nicht, als sein Lehrer am Elternsprechtag der sechsten Klasse eine klare Empfehlung aussprach: »Marco sollte auf der Hauptschule bleiben, die Realschule ist nichts für ihn.« Als die Mutter versuchte, dagegen zu halten und den Leistungsabfall ihres Sohnes mit Scheidung, Umzug und Schulwechsel zu erklären, setzte der Pädagoge noch einen drauf: »Das hat doch keinen Wert bei ihm, Frau Maurer.«

Der so Abgewertete kämpfte sich trotzdem durch, holte nach einer Lehre als Molkereifachmann auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur nach, studierte und startete in den Traumberuf Journalist. Vor gut zwei Jahren machte die Wochenzeitung »Die Zeit« seine persönlich unterfütterte Abrechnung mit dem deutschen Bildungssystem zum Aufmacher: »Ich Arbeiterkind«. Daraufhin erhielt Maurer Hunderte von zustimmenden Reaktionen in Leserbriefen. Die motivierten ihn, das Thema zu einem Buch über soziale Auslese und mangelnde Chancengleichheit in einer hermetisch abgeriegelten Klassengesellschaft auszubauen: »Du bleibst, was du bist«.

Für den Verfasser trifft diese Diagnose nicht (mehr) zu, doch wie viele andere musste er Umwege bewältigen. Die entscheidende Schranke ist die Selektion im deutschen System, die Kinder nach der Primarstufe unterschiedlichen Schultypen zuordnet. Der Zugang zu höherer Bildung ist blockiert, wenn der Notendurchschnitt an der Grundschule nicht reicht oder die Lehrkräfte kein positives Urteil fällen. Schauen diese neben den Zensuren auch auf das private Umfeld, verstärken sie oft unfreiwillig den Mechanismus der Exklusion. In jedem Fall treffen sie eine wegweisende biografische Entscheidung.

»Die Mobilität funktioniert nur nach unten«, analysiert nüchtern Klaus Klemm. Der Duisburger Bildungsforscher hat in Studien ermittelt, dass bundesweit 14 Prozent der Kinder zwischen der fünften und zehnten Klasse den Schultyp wechseln. Doch nur jeder fünfte Schüler steigt »nach oben« auf, 80 Prozent dagegen werden heruntergestuft. Zwar behaupten Ämter und Ministerien, jede Bildungslaufbahn sei korrigierbar. Doch neben Begabung und Können zählt vor allem die soziale Herkunft. Für die Stadt Wiesbaden hat der Mainzer Soziologe Alexander Schulze festgestellt, dass 81 Prozent der Schüler aus der Ober- und Mittelschicht, aber nur 14 Prozent der Unterschichtkinder geraten wurde, auf das Gymnasium wechseln.

Fast fünf Milliarden Euro pro Jahr zahlen Familien für Nachhilfestunden. Wie wichtig das Privileg ist, sich privat Bildung kaufen zu können, belegt die Nutzung je nach Schulart: Nur neun Prozent der Hauptschüler, aber 30 Prozent der Realschüler und über 40 Prozent der Gymnasiasten erhalten bezahlten Zusatzunterricht. Schon in der Grundschule stehen die Kinder »intensiv unter Druck«, beobachtet der Frankfurter Sozialwissenschaftler Frank Nonnenmacher. Jede Lernkontrolle werde zur ernsten Prüfung, die Zukunftschancen verbauen kann.

Marco Maurer analysiert in seinem Buch nicht nur die psychologischen und institutionellen Hürden, die Kindern aus einkommensschwachen Familien im Wege stehen. Er interessiert sich auch für jene, die es trotz aller Hindernisse geschafft haben. So sprach er unter anderen mit Außenminister Walter Steinmeier, mit Bahnchef Rüdiger Grube, mit dem Grünen-Vorsitzenden Cem Özdemir, mit dem früheren Telekom-Personalvorstand Thomas Sattelberger - erfolgreiche Politiker und Manager, die sich aus »einfachen Verhältnissen« hochgearbeitet haben. Und er schildert die offensichtlichen, teilweise aber auch versteckten Selektionsmechanismen unter Schülern, Studierenden und jungen Akademikern.

Der Nachhilfeunterricht ist nur das prägnanteste Beispiel: Jene Kinder, die ihn aufgrund ungünstiger Voraussetzungen am nötigsten hätten, können ihn wegen der fehlenden Ressourcen ihrer Familien am wenigsten nutzen. Gut ausgebildete Eltern assistieren, wenn sie Zeit dazu haben, auch mal selbst in Mathematik oder einer Fremdsprache - sonst gibt es eben kostspielige Extrastunden. Später, bei der Wahl der Universität(en), stellen private Hochschulen mit Studiengebühren oder Auslandsaufenthalte kein unlösbares Problem dar. Die herkunftsbedingten Unterschiede beim finanziellen wie beim kulturellen Kapital wirken bis in die Phase des Berufseinstiegs nach. Unbezahlte Praktika und prekäre Zeitverträge, wie sie in vielen Arbeitsfeldern üblich sind, werden in wohlhabenden Milieus durch langjährige Unterstützungszahlungen der Eltern ausgeglichen. Zudem hilft häufig »Vitamin B«: Persönliche Empfehlungen, professionelle Kontakte und Netzwerke aus der Herkunftsfamilie befördern die Karriere des Nachwuchses.

Marco Maurer: Du bleibst was du bist. Warum bei uns immer noch die soziale Herkunft entscheidet. Droemer Verlag, München 2015. 382 Seiten, 18 Euro.

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