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Ein Blick zurück nach vorn

Radikal Modern - Architektur der Sechziger Jahre in der Berlinischen Galerie

  • Von Anita Wünschmann
  • Lesedauer: 5 Min.

Mies van der Rohes Museumstempel, die Neue Nationalgalerie, ist einer der weltweit prominentesten Kunstpilgerorte, wird aber gerade saniert. Der »Telespargel« sticht jedem Besucher und den Berlinern sowieso ins Auge. Und die großen Wohnsiedlungen am Rande der Stadt rücken quasi mit dem rasanten Mietwachstum in den Zentrumslagen näher. Die Bauten aus den Sechzigern markieren das Stadtbild ebenso wie stadtplanerische Strukturen, Plätze und Verkehrswege bis heute die Spreemetropole bestimmen. Mit der Wechselausstellung »Radikal Modern« im Berliner Landesmuseum in Kreuzberg sind die Bürger einmal mehr beteiligt an der Berliner Architekturdebatte - »Wie wollen wir wohnen?«

Die Sechziger sind zurück - nach Jahren der Stigmatisierung und der berechtigten Kritik. Man denke nur daran, wie ermüdend allein die Umrundung eines Betonwürfels mit seinem zumeist unkommunikativen Erdgeschoss ist. Und wie trostlos sind reine Wohnstädte. Da hilft nicht einmal die Grünzone. Das Raue, Rohe und mehr auto-, denn fußgängerfreundlich Gebaute aus den Sechzigern hat zu aufrüttelnden Artikeln seinerzeit und zu Bürgerprotesten, zu Abriss - oder eben zu lebenserleichternden Eingriffen geführt. Vergessen aber schienen die generösen Ideen, mit denen auf die Wachstumsprobleme wie urbane Ballung und ausufernden Vorstädte eingegangen wurde.

Nach Jahrzehnten des neo, neo, neo, des Neobarock etwa oder des Neorationalismus, drängt die Frage wieder mehr, wie mit dem rebellischen Erbe umzugehen ist. Mit Blick auch auf die für Berlin geplante Internationale Bauausstellung 2020 wird nach den Impulsen gefragt, die aus den früheren Visionen und Versprechen zu übernehmen sind. Die Schmähzeit, in der die Baugeschichte der Sechziger auf Betonburgen reduziert wurde und diese als missverstandene Moderneadaption abqualifiziert wurden, scheint vorbei. Nicht als Schwenk in eine neue Euphorie, sondern - und das ist explizit das Anliegen der großzügig eingerichteten Sonderausstellung in der Berlinischen Galerie - als eine fragende, analysierende Rezeption von Stadt- und Gesellschaftsentwürfen.

Anhand von 250 Dokumenten, dabei regelrecht stylische Collagen von Josef Kaisers Großhügelhäusern nebst Bassin, die nie ausgeführt wurden, Großmodellen von der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, Zeichnungen und Plänen wird die Genese visionärer Einzelgebäude ebenso sichtbar gemacht wie komplexe Entwicklungen des Stadtraumes, Massenwohnungsbau und Mobilitätskonzepte. Ein Hauptthema sind die Zentrumsentwicklungen der geteilten Stadt. Dabei wird die Überwindung der »nationalen Tradition« (»Stalinallee«) hin zur offeneren Gestaltung der Karl-Marx-Allee und des Alexanderplatzes bildlich dokumentiert; weiter die Formung des Breitscheidplatzes und des Kulturforums mit seinen Antipoden aus Scharounscher Organik und Mies van der Rohes orthogonaler Strenge.

Die errungenen Ideen im Für und Wider einer offenen Stadtstruktur lassen sich trotz partieller Überbauung bis heute im Stadtbild ablesen, zumal nachdem ihr unpopulär-populärstes Stück »Beton Brut«, die Berliner Mauer, nur noch in Denkmalsegmenten existiert. Spannend gerade, da die Debatte um den Alex wieder geführt wird, ist das Konzept von Hermann Henselmann mit seinem Verzicht auf ein Zentralhochhaus als politischem Ort, wenngleich er generell den Hochhausbau für die Effizienz von Wohnquartieren zeitig befürwortete.

Retrospektive Leistungsschau und Prüfstein - in dieser Dualität bewegt sich das engagierte Konzept von Ursula Müller und ihrem Team. Mit sechs inhaltlich gegliederten Kabinetten zu Themen wie »Auferstanden aus Ruinen«, »Stadt-Räume/Stadt-Träume«, »Techno-Geometrien« werden die Besucher in die facettenreiche Problematik eingeführt. Die Herausforderungen in den sechziger Jahren waren beachtlich und die Experimentierfreude war groß: Die Ausstellung zeigt neben bekannten Großsiedlungen wie dem Märkischen Viertel, oder der Bebauung am Leninplatz Megastrukturen als utopistische Überbauung von Verkehrsadern, geometrisierte Großstrukturen wie den Flughafen Tegel, überhaupt die automobilzentrierten Planungen und ihre Antipoden mit separierten Fußgängerplateaus. Noch immer engagiert, erläutert der Architekt Georg Kohlmaier etwa sein Konzept futuristisch anmutender Verkehrsröhren, die mehr Personen transportieren könnten als Bus und Bahn zusammen. Zu seinen technologisch originellen und visuell eher polemischen Modernisierungsvorschlägen gehörten auch leuchtende Kunststoffkabinen, die als »WC-Rucksäcke« an Altbaufassaden montiert werden sollten.

Der frühere Bedarf und die Realisierung von architektonischen Erinnerungscollagen, deren prominenteste Beispiele die Integration des »Liebknecht-Schlossportals« in das einstigen DDR-Staatsratsgebäude oder das oben erwähnte Egon Eiermann Ensemble sind, berührt gleichzeitig zeitgenössische Fragestellungen. Die Fassade ist zurück! Auch das ein Verdienst der Sechziger - sie ist revolutioniert. Sie diente als stilprägendes Element gleichsam Kaufhäusern und Bürobauten in Ost und West. Vom längst abgerissenen Hertie-Kaufhaus - die abmontierten Keramikelemente fügte der Künstler Bernd Trasberger zu einem Wandrelief - bis zu Josef Kaisers DDR-Außenministerium, das als schräg eingesetzter Schlussstein den Friedrich-Engels-, heute Schlossplatz, begrenzte, bis es der Neunziger-Jahre-Stadtrekonstruktion ebenso zum Opfer fiel wie etwa das Großrestaurant Ahornblatt mit seiner Betonschalendachkonstruktion.

Von Paul Baumgarten, Walter Gropius, Helmut Hentrich bis Ursulina Schüler-Witte und Manfred Zumpe lässt sich eine lange Namensliste der Architekten aufzählen, die ein modernes Berlin, endlich Luft, Sonne und Weite - und damit den Anschluss sowohl an die Vorkriegsmoderne als auch an die Kontinuität im internationalen Bauen ermöglichen wollten. Ost und West waren sich dabei formell ähnlicher, als gedacht - »ähnlich im Verschiedenen« -, wenngleich die Bauphase inmitten der Zeit des Kalten Krieges als ein Wettbewerb der Systeme stattfand. Niemand, so Museumsdirektor Thomas Köhler in seiner Eröffnungsrede, baute einfach nur so, alle Vorhaben, staatlich wie privatwirtschaftlich initiierte Bauten, unterlagen einem Statementcharakter.

Die berlinorientierte Architekturschau hat im neu eröffneten Gebäude der einstigen Glasfabrik einen nahezu idealen geistigen Raum, erweitert durch die Erfahrungen, die man sofort im Außenbereich zwischen Potsdamer Platz und Alex, hinter dem Springerhochhaus und in Nachbarschaft zur Leipziger Straße, machen kann.

»Radikal Modern. Planen und Bauen im Berlin der 1960er-Jahre«. Bis 26.10. in der Berlinischen Galerie, - Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur, Alte Jakobstraße 124-128, Kreuzberg, Mi-Mo 10-18 Uhr. www.berlinischegalerie.de

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